So überraschend die Nachricht kam, so unverständlich schien sie auch zu sein: fast der komplette Campus der CAU steht jetzt unter Denkmalschutz. In einer Kirche gerieten das Landesamt für Denkmalschutz und Universitätsvertreter aneinander.
von Cornelia Helmcke
Die Kirche ist traditionell ein Ort der Begegnung. Dies sollte die St. Nicolai Kirche am Alten Markt in Kiel am Montagabend, dem 24. November, auch darstellen. Dass jedoch beim Vortrag von Dr. Astrid Hansen zum Thema „Der Universitätscampus – Bildungsbauten der 1960er Jahre in Kiel“ das Landesamt für Denkmalschutz und Universitätsvertreter aneinander geraten werden, war wohl kaum abzusehen.
Eine Nachricht flatterte Anfang November dieses Jahres wie zufällig ins Verwaltungsgebäude der Christian-Albrechts-Universität: Ausgewählte Bereiche des Campus sollten unter Ensemble-Schutz gestellt werden. Diese Art des Denkmalschutzes umfasst nicht nur Innen- und Außenfassaden, sondern auch und vor allem die Art der Aufstellung aller Gebäude und Flächen zueinander. Ein paar Tage darauf, am 11. November, stand diese Entscheidung fest. Weder Universitätsvorstand noch AStA wurden im Vorfeld informiert oder befragt. „Wir sind lediglich Nutzer der Universitätsbauten“, gibt Prof. Dr. Gerhard Fouquet, Präsident der CAU, zu bedenken. „Das Land war und ist der Ansprechpartner.“ Doch weiß das Land auch, was eine Unter-Denkmalschutz-Stellung bedeuten würde?
Der Vortrag von Dr. Hansen, der studierten Landesdenkmalpflegerin, beginnt mit der Feststellung, dass sie nicht mit einer solchen Diskussion gerechnet hätte und bedaure, dass sie noch auf so wenig Verständnis stoße. „Denkmalschutz an Bildungseinrichtungen ist doch nichts Neues! Dort klappt es doch auch“, sagt sie und lässt sofort Bilder jüngerer Gebäude verschiedenster Hochschulen der BRD über den Beamer fliegen. Nicht allein Alter und Schönheit seien erhaltenswert. „Denkmalschutz ist mehr, weil die Gebäude uns was zu sagen haben.“ So geht es weiter über diverse Beispiele von Bauten aus den 60er Jahren und ihrem jeweiligen regional sentimentalen Wert. Mit ausgewählten Projektionen von architektonischen Meilensteinen der deutschen Nachkriegszeit versucht sie alte Vorurteile der Zweckarchitektur in sich zusammenfallen zu lassen und kommt anschließend auf den Kieler Campus zurück. Jedes Gebäude wird vorgestellt, von den ELAC-Bauten, die bereits 1930 errichtet worden sind (Alte Mensa, Torbogen) und später für die universitäre Nutzung angepasst wurden, über das Verwaltungshochhaus, das ganz im Stile der Zeit als das Zeichen für eine moderne aufstrebende Uni errichtet wurde, zum Audimax, dem Studentenhaus (Mensa I + Sechseckbau), den naturwissenschaftlichen Institutsgebäuden und den Sportstätten. Getreu Motto, der liebe Gott stecke im Detail, stellt Dr. Hansen explizit die gestalterischen Elemente von Außen- und Innenfassaden heraus, erläutert ihren ganz speziellen Zweck und deutet gleichzeitig auf bereits vorgenommene Veränderungen hin. „Als ich vor fünf Jahren nach Kiel wechselte, fuhr ich als Erstes über das Campus-Gelände und machte Fotos. Vergleiche ich diese Aufnahmen heute mit dem aktuellen Erscheinungsbild, könnten mir die Tränen kommen.“ Gemeint sind die „leichten und lieblosen Umgestaltungen“ an den Gebäuden. Wie könne es sein, dass bei einer Wandbeleuchtung aus drei runden Lampen im Audimax mittlerweile eine dieser Stücke durch eine rechteckigen ersetzt wurde oder dass bei den sechseckigen Blumenkübeln, die der Studentenbühne Sechseckbau ihren Raum geben, eine rote Mülltonne steht, noch dazu mit blauen Müllbeuteln. Überhaupt scheinen die Nutzer des Kieler Campus diesen nicht zu kennen und nicht wertzuschätzen. Würde man diesen Prozess ungehindert fortlaufen lassen, käme es einer zweiten Zerstörung der Kieler Universität nachdem Zweiten Weltkrieg gleich.
So wie sich Vertreter der Universität und der Studierenden gleich nach dem Aufkommen der Nachricht zu Wort meldeten, so taten sie es auch jetzt. Andrea Eickmeier von der Strukturplanung gab zu bedenken, dass die Universität durchschnittlich 30 Neuberufungen im Jahr vollzieht. „Neue Lehrkörper bedeuten neue Forschungsschwerpunkte, das heißt Anpassung des Arbeitsplatzes, und das möglichst flexible.“ Professor Fouquet bekräftigt, dass auch er die Notwendigkeit der Unterschutzstellung einzelner Gebäude erkennt, jedoch den Zweck in einem Ensemble-Schutz nicht nachvollziehen könne und gerade in diesem eine Behinderung für die zukünftige Weiterentwicklung der Hochschule stecke. Sogar das komplette Sportstättengelände ist auf dem Plan rot unterlegt. Dabei liege hier schon ein Sanierungsplan vor. Viele Tennisplätze werden nicht mehr genutzt und verdienen eine Neugestaltung, dürfe man diese nun nicht mehr verändern? Natürlich könne man dies, erwiderte Dr. Hansen, mehr und mehr genervt von so viel Missvertrauen. „Der Denkmalschutz bedeutet kein einfrieren!“ Es müsse halt alles erst geprüft werden, aber wenn alte Elemente beibehalten werden und der Zweck nicht entfremdet würde, könne man Veränderungen ohne Weiteres Vornehmen.
Doch den Präsidenten und dem Kanzler, Dr. Oliver Herrmann, plagten weitere Sorgen. „Wir sind heillos unterfinanziert. Wenn wir vor der Wahl stehen, entweder Gebäude möglichst ästhetisch in Stand zu halten oder in Lehre und Forschung zu investieren, dann ist letzteres wichtiger.“ So bleibe es bei dem Versuch, die gröbsten Schäden zu flicken. Auch der AStA versucht wiederholt seiner Kritik Ausdruck zu verleihen. „Der Campus soll zum Aufenthalt einladen, jedoch hält sich kein Student länger als nötig dort auf. Eins unsrer Ziele ist es, dies durch neue Sitzgelegenheiten zu verbessern.“ Und wie schaue es mit energetischen Erneuerungen aus? Ausgebaute Wärmedämmung und Versorgung über Solarenergie seien anstrebenswerte Projekte für den Campus.
Die Reaktionen sind amtlich präzise: „Wir sind da Experten“, „Machen sie sich da keine Sorgen“, „Ihre Angst ist unbegründet“, „Wir sind da ganz schnell“ und „Das kann man so pauschal nicht sagen.“
Nach weiterer sich im Kreis bewegender Diskussion kommt Dr. Hansen mit der Aufforderung zum Schluss, man solle sich endlich für diesen Teil der Verantwortung bekennen. Sie selbst habe in einem denkmalgeschützten Gebäude studiert und die vorherrschende Kälte und Enge für den Erhalt gerne in Kauf genommen. Doch dass die Universität genauso aufopferungsbereit ist, mag zu bezweifeln sein. So werden wohl weitere intensive Gespräche folgen müssen, jedoch ändern lässt sich wahrscheinlich nichts mehr.
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