von Mounira Ghribi Der 9. November brachte der deutschen Geschichte schon den einen oder anderen Hoch- und Tiefpunkt, sei es im Jahre 1923 der Hitler-Ludendorff-Putsch oder die Reichspogromnacht von 1938. Und das jüngste Ereignis war im Jahr 1989, als am 9. November die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland gefallen ist. Und was war am 9. [...]
von Mounira Ghribi
Der 9. November brachte der deutschen Geschichte schon den einen oder anderen Hoch- und Tiefpunkt, sei es im Jahre 1923 der Hitler-Ludendorff-Putsch oder die Reichspogromnacht von 1938. Und das jüngste Ereignis war im Jahr 1989, als am 9. November die Mauer zwischen West- und Ostdeutschland gefallen ist. Und was war am 9. November 1918?
Der Erste Weltkrieg neigte sich dem Ende zu. Das Deutsche Reich war nach vier Jahren des Krieges mehr als geschwächt, nachdem es hunderttausende junge Männer auf dem Schlachtfeld verloren hatte und trotz ständiger Aufrüstung seines Heers den Alliierten nicht mehr trotzen konnte. Die deutschen Truppen hatten sich schon seit dem Sommer immer mehr zurückgezogen. Trotz der deutschen Bemühungen um einen Waffenstillstand wurde Ende Oktober der Besatzung zweier Schlachtschiffe der Befehl erteilt, gegen die überlegene Royal Navy auszulaufen. Diese letzte Schlacht vor Kriegsende sollte einen „ehrenvollen Untergang“ darstellen. Dies brachte die bereits angespannte Stimmung zum Überlaufen. Die Matrosen in Wilhelmshaven begannen zu meutern und weigerten sich, den Befehl auszuführen. Daraufhin wurde ein Teil der Flotte nach Kiel verlegt, wo einige Meuterer zur Strafe unter Arrest kamen. Dies löste einen Matrosenaufstand aus, der sich zu einer Revolution entwickelte: der so genannten Novemberrevolution von 1918. Es kam zu Demonstrationen der Matrosen und Männern und Frauen der Kieler Arbeiterschaft auf dem Exerzierplatz. Neben der Freilassung der Matrosen wurde die Beendigung des Weltkrieges gefordert, es sollten keine Flotten mehr ausfahren und die Versorgung mit Lebensmitteln sollte verbessert werden.
Die Bewegung dieser Novemberrevolution verteilte sich in kurzer Zeit im ganzen Deutschen Reich und war ausschlaggebend für die Abdankung Kaiser Wilhelms II. am 9.November.
Dem 90. Jahrestag dieser Novemberrevolution wurde mit einem „Kongress zum Jahrestag der Revolution 1918“ im Audimax der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel gedacht. Organisiert wurde diese Veranstaltung von der SPD und der Juso-HSG. Es wurden zahlreiche Gäste eingeladen, unter anderem Prof. Dr. Peter Brandt, dessen Vortrag die anschließende Podiumsdiskussion einleitete. Ein großes Ereignis in der deutschen Geschichte, dem viel zu wenig Beachtung geschenkt wird, klagt Jürgen Weber, der die Diskussion moderierte. Die Kieler Nachrichten sprachen von der vergessenen Revolution. Doch das wundert Katja Köhr, die wissenschaftliche Mitarbeiterin vom Historischen Seminar, gar nicht. Mit den Revolutionen von 1848 und 1989 hat der Matrosenaufstand viel zu starke Konkurrenz. Ohne einen Anstoß zur Aufmerksamkeit und Attraktivität in der Gegenwart wird so einem Ereignis kaum Beachtung geschenkt.
Kiel war das Zentrum einer wichtigen Bewegung, die es soweit brachte, dass die Ereignisse den Kaiser zum Abdanken zwangen und die Republik ausgerufen wurde. Doch bei dieser starken Selbstbehauptung seitens der Kieler kann der Militärhistoriker Dr. Dieter Hartwig nur den Kopf schütteln. Wilhelmshaven sei die Keimzelle der ganzen Bewegung. Von dort aus sollten die Flotten in ihre letzte Schlacht ziehen und dort verweigerten die Matrosen den Befehl. Kiel kam nur mit ins Spiel, weil die Flotten dorthin verlagert und eine Anzahl an Matrosen in die Arrestanstalt der heutigen Feldstraße gebracht wurden. Selbst den Begriff einer Revolution findet Dr. Hartwig zu hoch gegriffen. Die Matrosen hätten eine Revolution, und dann noch in diesem Ausmaß, gar nicht auf dem Plan gehabt, was man an ihren banalen Forderungen und spontanen Aktionen erkennen könne. Trotz der Abdankung Kaiser Wilhelms II. fanden letzten Endes keine großen Veränderungen in den einzelnen Kartellen statt. Die Chance einer radikalen Demokratisierung wurde nicht genutzt, obwohl doch die Ansätze vorhanden waren. Der Ehrengast in der Runde, Professor Dr. Peter Brandt sprach sehr wohl von einer Revolution. Eine gewisse Naivität finde man schließlich in allen Revolutionen und man dürfe so etwas nicht nur vom Ergebnis her beurteilen. Nichtsdestotrotz fanden der Aufstand, die Demonstrationen und Äußerung der Forderungen in Kiel statt. Von hieraus zogen die Matrosen in die größeren Städte des Deutschen Reiches, die sich den spontanen Bewegungen an nahmen. Denkmäler und Gedenktafeln im Ratsdienergarten, in der Feld- und Legienstraße sowie der Park- und Nordfriedhof erinnern an den Matrosenaufstand in Kiel.
most_commented_widget-3