Irgendwas ist ja immer. Der Bachelor wird jetzt in vielen Studienfächern sein drittes Semester alt. Und er bringt nach wie vor aufgeheizte Stimmung. Wir streiten über Ansprüche und Aufgaben des Bachelors und den Zusammenhang von Bussen und Noten. Zwei Kommentare aus zwei Perspektiven: Erstsemester gegen Magisterstudentin.
Fuck you, sissy…
von Lena-Johanna Oeffner
Ein Student hat es wahrlich nicht leicht: Chronisch pleite, kann er sich nur selten eine neue Hose oder eine anständige Mahlzeit leisten. Da er sich erst recht kein Auto leisten kann, muss er die öffentlichen Verkehrsmittel in Kiel nutzen – und die sind eine mittlere Katastrophe. Es ist wirklich eine Zumutung, in überfüllten Bussen zu sitzen und ständig zu spät zu kommen, weil die Busfahrer nicht pünktlich sind. Wenn dann doch wenigstens das Studium reibungslos ablaufen würde! Aber weit gefehlt – die Kurse sind viel zu anspruchsvoll, kaum einen schafft man auf Anhieb. Das liegt natürlich an den Dozenten, sie sind allesamt gemein. Dabei könnten die doch ruhig mal Rücksicht auf die hohe Zahl von Klausuren nehmen, die jedes Semester geschrieben werden müssen. Und die 30 Semesterwochenstunden. Schließlich gibt es ein Leben neben der Uni. Und dann verlangt auch noch jedes Institut ein anderes Anmeldeverfahren für die Kurse bzw Klausuren! Da muss sich der arme Student, ausgehungert und überarbeitet, doch glatt durchfragen und rechtzeitig informieren, damit er keine Frist versäumt. Wie schön wäre es doch, wenn alles auf dem silbernen Tablett serviert würde. Die guten Noten am besten gleich mit. Eigeninitiative und Bemühung werden wirklich überbewertet. Darum kann sich das gemeine Volk kümmern, der Student hat dies nicht nötig, er gehört schließlich zur Elite des Landes.
Davon allerdings ist in den Kursen nicht viel zu spüren. Was hingegen sofort auffällt: unaufmerksame, unmotivierte, unzufriedene Studenten. Und ihr Geheule. Ganz besonders dann, wenn ein besonders schwieriges grammatikalisches Konstrukt eine längere Diskussion erfordert. Und der Dozent es wagt, die Begeisterung seiner Studenten für eine Sprache anhand dieser Diskussion wecken zu wollen. Die Studenten allerdings verdrehen die Augen. „Können Sie uns nicht einfach die richtige Übersetzung sagen, damit wir weitermachen können?“ Wie bitte? Da hat wohl jemand etwas Grundlegendes nicht verstanden – von der Grammatik einmal abgesehen. Geht es nicht genau darum – eine Sprache so genau wie nur irgend möglich zu verstehen? Ist es nicht wunderbar, welche Möglichkeiten sich dann eröffnen? Ist es nicht herrlich, ein Gedicht zu lesen und jede grammatikalische Raffinesse, jedes Wortspiel, den herausragenden Stil und den subtilen Humor zu entdecken? Sollte es nicht Freude bereiten, lange Diskussionen über eine Sprache und ihre Eigenheiten zu führen? Nein? Offensichtlich nicht. Natürlich nicht – der Trend geht bekanntlich in Richtung „Leistungsschein light“. Es geht ja in erster Linie darum, den Schein zu bekommen, um sein Studium möglichst schnell über die Bühne zu bringen. Ob tatsächlich verstanden wurde, was man übersetzt hat, ist nebensächlich. Zur Not wird auch schon mal geschummelt. Und wenn alles nichts hilft und einem die rote Fünf hämisch entgegen lacht, wird eben so lange um Fehler gefeilscht, bis es passt. Oder es werden ein paar Tränen vergossen. Und hinterher, unabhängig vom Ergebnis, beschwert man sich dann lauthals über den unfähigen und viel zu strengen Dozenten. “So ein Arschloch.” Keine Rede davon, dass sich auch mal selbst bemüht werden muss, um etwas zu erreichen. Oder von der eigenen Unzulänglichkeit. Vielleicht hätte man der Diskussion einfach etwas aufmerksamer folgen sollen. Dann wäre der Fehler kaum passiert. Und wenn doch, wurde es vielleicht einfach noch nicht begriffen. Und wem es auch nach dem dritten Besuch des gleichen Kurses noch immer nicht luzid ist, sollte sich eventuell Gedanken machen, ob das gewählte Studium das richtige für ihn ist. Die Leistung muss stimmen. Soviel steht fest.
Natürlich macht es keinen Spaß, im überfüllten Hörsaal auf dem Boden zu sitzen. Oder von einem Büro zum nächsten zu hetzen, ohne etwas zu erreichen. Und es ist mit Sicherheit kein Vergnügen, mit dem Rad durch den strömenden Regen zu fahren, weil der Bus mal wieder nicht angehalten hat. Umso schöner wäre es doch, im Hinblick genau darauf, sich einfach mal zusammen zu reißen und sein Studium ernsthaft zu betreiben. Die Bedingungen sind nicht ideal. Wir alle wissen das. Nun gilt es, das Beste daraus zu machen. Aus Liebe zur Sache. Damit die Freude nicht verloren geht.
von Carolin Ahrens
Der Bachelor erlebt in Kiel seine zweite Generation von Erstsemestern. Das Produkt des Bologna-Prozesses soll die Studienabschlüsse international angleichen. Soweit, so gut. Heutzutage reicht es schließlich nicht aus, nur national konkurrenzfähig zu sein. Doch das neue System ist immer noch nicht ausgereift.
Für Studienanfänger begann das Semester mit vielen Fragen. Und es war tatsächlich der Fall, dass trotz der großen Drohung: „An der Uni seid ihr alle für euch selbst verantwortlich!“ viele Möglichkeiten geboten wurden, die entsprechenden Antworten einzufordern. Nach einem Überschwall an Informationen zu Beginn des Semesters konnten die Studenten vor kurzem bei der Klausuranmeldung von Glück sagen, wenn einer der Dozenten überhaupt einen Hinweis auf die einwöchige Anmeldefrist gab. Für diejenigen, die diese Woche verpasst haben, heißt es nun: Pech gehabt, nächstes Jahr wisst ihr es besser, oder wie? Außerdem ist nicht klar, was die Konsequenzen einer verpassten Klausur sind, denn eine Anmeldung für den Nachholtermin ist nicht mehr möglich. Es kann doch nicht sein, dass die Studenten ein Semester umsonst im Kurs saßen, nur weil gerade niemand daran dachte, sie einheitlich zu informieren. Es wäre doch eine Möglichkeit, über die StuMail, bei der es schließlich von allen Seiten Anraten gibt, sich diese zuzulegen, an die Frist zu erinnern. Wozu gibt es das System sonst?
Aber damit nicht genug der Anmeldeprobleme: Besonders die Zwei-Fach-Bachelor sahen sich zusätzlich mit der Frage konfrontiert, wie sie sich anmelden müssen. Bei besonders ungünstigen Fächerkombinationen kann es zu bis zu vier verschiedenen Anmeldeverfahren kommen. Die Einen wollen die Anmeldung online, die Anderen verlangen schriftliche fachspezifische Formulare und bei wieder Anderen müssen sich die Studenten erst im Januar anmelden. Nur, wer informiert sie darüber? So mancher dachte sicher, als er sein Modul bei der Onlineanmeldung nicht fand, dass er sich für die Klausur gar nicht eintragen muss, denn diese Möglichkeit besteht schließlich auch noch.
Schon seit einiger Zeit muss an der CAU für alle Studiengänge ein ähnlicher Aufwand betrieben werden, um sich für Lehrveranstaltungen einzutragen. Daher sollte es doch Ziel sein, die Vorgänge weniger kompliziert zu gestalten und die Bürokratie einzudämmen. Das mit der neugewonnenen Eigenständigkeit ist ja schön und gut, aber es kann doch nicht davon ausgegangen werden, dass die Erstsemester über alles Bescheid wissen.
Mit dem Zwei-Fach-Bachelor ist es sowieso so eine Sache. Manche Dozenten scheinen überhaupt keine Ahnung zu haben, dass es so etwas überhaupt gibt, bis sie irgendwann erfahren, dass auch Fachfremde, die ihre Vorlesung im Profilierungsbereich gewählt haben, darin eine Klausur zu schreiben haben. So ist es in diesem Fall an den Studenten, zu erklären, was sie dort zu suchen hätten und was der Zweck dieser Fachergänzung überhaupt ist.
Außerdem sind für diese Fachergänzungsmodule zum Teil nur zehn Plätze ausgeschrieben, die dann unter den Bewerbern ausgelost werden. So kommt es dazu, dass in dem Bereich, in dem eigentlich das persönliche Profil im Hinblick auf die spätere Berufswahl ausgebildet werden soll, irgendwelche Kursen ausgewählt werden, die kaum interessieren oder nur dritte Wahl sind.
Noch dazu wird den Erstsemestern ständig von den Dozenten und den älteren Kommilitonen vorgeworfen, sie seien in den Vorlesungen furchtbar unhöflich, weil unruhig und unaufmerksam. Das lässt sich leider wirklich schlecht abstreiten, allerdings ist es wie immer unfair, alle über einen Kamm zu scheren. Schließlich hat es seine Gründe, dass dieses Verhalten heute auffällt und früher nicht. Wenn es die Anwesenheitspflicht beim Bachelor nicht geben würde, wäre es sicher auch angenehmer, sie zu unterrichten. Konzentration ist immer noch eine Frage der Motivation. Besonders in den großen Vorlesungen passt die Hälfte der Anwesenden nicht auf, weil sie nun hier versuchen ihre Eigenständigkeit umzusetzen, indem sie Zeitung lesen, sich mit wichtiger empfundenen Dingen wie anstehenden Hausarbeiten befassen oder sich einfach unterhalten. Warum wird den Studenten nicht weiterhin selbst überlassen, ob sie ihre Veranstaltungen besuchen? Wer dann aufgrund seiner Abwesenheit die Klausur nicht schafft, ist eben selbst schuld und lernt vielleicht etwas daraus. Sicher würde es in anderen Vorlesungen ähnlich laut und undiszipliniert zugehen, wenn es eine Anwesenheitspflicht gäbe.
Wie immer beim Anfang von etwas grundlegend Neuem ist es auch beim Bachelor so, dass zunächst viele mit den Veränderungen unzufrieden sind. Es ist wünschenswert, dass das System in der Zukunft weiter ausgefeilt wird, damit das Leid der Bachelor in den nächsten Jahrgängen ein Ende hat.
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