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Datum: 09.2.09

Kategorie: Gesellschaft

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Tagsüber noch gut besucht, stirbt die Kieler Innenstadt mit Einbruch der Dunkelheit aus. Anstelle einer pulsierenden Landeshauptstadt am Wasser treffen die Kieler eintönige Fassaden an. Im sogenannten Rahmenplan der Kieler Innenstadt wurden jetzt konkrete Vorschläge präsentiert, die der Tristesse ein Ende machen sollen.
Die Stadtplanungsfirma Cima GmbH bewertete den Zustand des Einzelhandels in der City und betrachtete einige Szenarien, denen bereits ausgeklügelte Projekte zu Grunde liegen. Kernstück des Gutachtens: drei neue Shoppingcenter in der Innenstadt.

Der Einzelhandel von Sophienhof bis Alter Markt beklagt Umsatzeinbußen. Drei glitzernde Malls sind auserwählt, ihn und damit Kiel aus der Versunkenheit zu ziehen.

von Cornelia Helmcke

Kiel. 19 Uhr Ortszeit. Eine einsame Gestalt schlendert durch die nebeldurchtränkte Holstenstraße.

Ihre Schritte verhallen an den Schaufensterfassaden, nachdem sie schon der Schatten des Alten Marktes verschluckt hatte…

So könnte der Anfang eines fesselnden Thrillers klingen, doch ist diese Szene traurige Wirklichkeit im Alltag der Kieler Innenstadt. Nicht nur Neuzugezogenen fehlt das Flair eines belebten Stadtzentrums – auch die regionale Politik hat erkannt, dass sich dringend etwas an der jetzigen Situation ändern muss. Potentielle Investoren und Stadtplaner werkeln seit über einem Jahr an diesem Konzept. Ihr Lösungsvorschlag: Shoppingcenter in das Zentrum und davon gleich drei. Sie sollen als Magnete fungieren und der Holstenstraße altes Leben und einstige Bedeutung zurückgeben. Schließlich war die Fußgängerzone in Kiel 1953 mit die erste so genannte im gesamten Bundesgebiet.

„Der Sophienhof und der Citti-Park nehmen uns die Kunden“, beschwert sich ein Ladenbesitzer am Alten Markt. Kaum einer der Shopping-Touristen finde noch seinen Weg in die Altstadt von Kiel. Eine Kielerin erklärt: „Alles, was ich brauche, finde ich im Sophienhof, da ist es trocken und alles nah beieinander.“

Das 1988 eröffnete Shopping-Center erhielt nicht ohne Grund eine Marktplatzstruktur in seiner Mitte. Stände von Obst und Gemüse bis Backwaren schaffen ein Gefühl von Urbanität. Auch der Cafébereich, der beim Durchqueren der Mall erst einmal umrundet werden muss, verleiht der Anlage den Charakter von öffentlichen Plätzen, wie sie in Altstädten vorherrschen.

Um das Publikum wieder in die Einkaufsmeile Holstenstraße zu locken, sollen nun, auf Anraten einer Studie der Stadtplanungsfirma Cima GmbH, drei neue Shoppingcenter gebaut werden. Das erste habe seine ideale Lage am Europaplatz, denn hier würde es einen Übergang vom Nordteil zum Südteil der Stadt schaffen und zusätzlich Menschen in das Zentrum der Fußgängerzone locken. Das Kind hat auch schon einen Namen: die Rathausgalerie. Mitten am Europaplatz, am jetzigen Standort der alten Druckerei der Kieler Nachrichten, sollen 22.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche entstehen. Diese würden verbunden werden mit einem dementsprechend groß angelegten Parkhaus, das hinter dem alten Rathaus seinen Platz findet. Genauso schnell wie der Architekturwettbewerb ausgetragen und entschieden wurde, erklärte sich auch die Gedo – Firmengruppe aus München als Investor bereit.

Der Europaplatz der Zukunft aus Richtung des Sophienhofs - Visualisierung Wetzlar

Der Europaplatz der Zukunft aus Richtung des Sophienhofs - Visualisierung Wetzlar

Wie dieses grandiose Glitzerprojekt die Aufenthaltsqualität verbessern soll, bleibt derweil unbeantwortet. Eher ist zu vermuten, dass durch dessen Errichtung die Besucher vollends aus der Fußgängerzone in die künstliche Welt einer Mall gezogen werden. Genau wie schon der Sophienhof wird den Besuchern hier eine behagliche Illusion vorgespielt, während die Wirklichkeit ausgeschlossen bleibt. Das viel missachtete soziale Problem dahinter ist nicht nur die Abgeschlossenheit zur Umwelt, sondern auch gegenüber bestimmten Bevölkerungsklassen. Der Innenbereich einer Mall ist nicht öffentlich: Weder Straßenmusiker noch Straßenkünstler oder Hempels-Verkäufer erhalten ungehinderten Zutritt. Es herrscht eine Geschäftsordnung vor, vom Eigentümer aufgestellt und von Sicherheitspersonal umgesetzt.

„Ich bin fest davon ausgegangen, dass ich am Alten Markt kleine Cafés mit freien Sitzflächen und gemütlicher Atmosphäre antreffen würde“, sagt eine Erstsemesterin aus Köln. Allerdings offenbarte sich ihr vor Ort ein ganz anderer Anblick: Die St. Nikolai-Kirche wird zur einen Seite hin in den Schatten des großen grauen Karstadtgebäudes gestellt und auf der anderen Seite von sechs Pavillons in konfus wirkender Anordnung und Gestaltung bedrängt. Welche Funktion dieser „Platz“ oder diese „Gebäude“ haben, ist genauso wenig auszumachen wie die weiterführenden Straßen. „Aus Angst, mich zu verirren, bin ich lieber gleich wieder umgedreht“, berichtet ein Tourist aus Dänemark.

Und nichts ist wohl klarer als ein großer Kasten: Mit der zweiten Priorität schließt sich die Neugestaltung des Leik- und Karstadtgebäudes im Gutachten der Cima an. Auch hier, so sind sich die Experten einig, müsse etwas geschehen. Die Idee: Anbauen und neue Verkaufsfläche von 10.000 Quadratmetern schaffen. Dies scheint in Anbetracht der gegenwärtigen Leerstände dort ein geradezu absurder Gedanke. „Vielmehr müsste endlich ein Durchgang geschaffen werden“, sagt Marie Luise Zastrow, Architektin und Stadtplanerin in Kiel. „Touristen, die am Ostseekai ankommen, blicken auf eine graue Fassade, die den kompletten Blick auf die Altstadtinsel versperrt.“ Der Bootshafen müsse einen direkten Zugang zum Alten Markt erhalten, zudem sei eine Neustrukturierung dringend erforderlich.

„Eine komplette Freilegung des Platzes könnte die Altstadt in ihrer Aufenthaltsqualität aufwerten”, meint Zastrow. „Gerade das letzte Stück verbliebener Geschichte sollte nicht noch weiter von der Bildfläche verdrängt werden.“ Kaum mehr zu erkennen ist die Tatsache, dass Bootshafen und Kleiner Kiel einst mit der Förde verbunden waren. Im 13. Jahrhundert war die Altstadt auf einer Insel gelegen. Ihre höchsten Punkte waren die Kirche und das Schloss.

Stadt ist nicht nur Einzelhandel, das hat selbst Cima begriffen. Und so folgt an dritter Stelle die von ECE Projektmanagement GmbH geplante Philharmonie mit Kongresszentrum beim Kieler Schloss. Das historische Erbe selbst ist auf den Plänen nicht mehr zu finden – es soll abgerissen werden. An dessen Stelle ist ein architektonisches Kunstwerk mit direkten Übergang zur Philharmonie vorgesehen, die auf der Förde am Westufer errichten werden soll. Mit diesem Großprojekt möchte sich die Stadt als Standort von Kultur neu positionieren. Zudem sei dieses Objekt, ausgestattet mit Kongress, Hotel, 27.000 Quadratmetern weiterer Verkaufsflächen und Büroräumen wiederum ein Grund für die Besucher, auch in den nördlichen Teil der Kieler Innenstadt zu kommen.

„Natürlich trägt das Fehlen eines Anziehungspunktes im Norden der Innenstadt dazu bei, dass immer weniger Menschen durch die Fußgängerzone bis hin zur Altstadt flanieren“, bestätigt Zastrow. „Verantwortlich ist aber vor allem das nicht vorhandene Flair einer Innenstadt.“ Die Nähe zum Wasser sollte Kiel zu einem einzigartigen Standort machen. „Geräusche der Möwen, das Tuten der Schiffe, der Duft des Meeres: Dies alles ist ja schon vorhanden, doch wird es städteplanerisch nicht genutzt.“ Jeder habe sicherlich schon selbst festgestellt, dass die Förde nirgends präsent ist. Der Zutritt wird parallel zur Holstenstraße komplett durch Zäune verwert. Die Andreas-Gayk-Straße fungiert als Barriere und lässt selbst in vereinzelten Sichtachsen das nahe Wasser unerreichbar erscheinen. Auch der Alte Markt wirkt abgschlossen und zugestellt.

Für das Landesamt für Denkmalpflege vollkommen unverständlich. „Die Häuser ermöglichen als Erstes in der Geschichte des Alten Marktes eine Sicht von der Schlossstraße auf die Holstenstraße“, hat Dr. Heiko Schulze vom Denkmalschutz entdeckt. Die Architektur sei an die Persianischen Häuser angelehnt, die dort vor dem Zweiten Weltkrieg vorzufinden waren. „Nie war der Alte Markt direkt mit der Kirche verbunden“, rechtfertigt Schulze seine Entscheidung, auch dieses Architekturensemble aus den 1970ern unter Schutz zu stellen.

Sollte allen drei Vorhaben nachgegangen werden, so Professor Dieter-Jürgen Mehlhorn, Architekt und Stadtplaner in Kiel, würde sich die bestehende Innenstadt an Einzelhandelsfläche um fast die Hälfte, wenn nicht sogar deutlich mehr, ausdehnen. Wissenschaftliche Institute sprechen jedoch von einem maximal verträglichen Zuwachs von zehn Prozent. Zudem würde durch diese Maßnahmen die Attraktivität der Innenstadt nicht gesteigert. Im Gegenteil würde sie durch die Flut an Shoppingcentern eine Beliebigkeit noch unbekannten Maßes erfahren.

Kiel. 19 Uhr Ortszeit, irgendwann in naher Zukunft. Eine einsame Gestalt stolpert durch eine heruntergekommene Gasse. Eine mit letzter Kraft aufflackernde Laterne lässt eine zertrümmerte Ladenzeile aufleuchten. Die Gestalt huscht um die Ecke und verschwindet im gleißenden Licht der Rathausgalerie…

Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Es finden sogenannte Werkstadtgespräche statt. Informationen dazu auf kiel.de oder foerdeperspektiven.de zum Thema “Rahmenplan Innenstadt”.



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