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Datum: 09.2.09

Kategorie: Gesellschaft

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In Israel ist es nahezu unmöglich, nicht politisch zu sein. Wenn es hier um Politik geht, dann geht es nicht nur um das Verhandeln von Steuern oder die Förderung der Wirtschaft, sondern es betrifft immer auch das Überleben – das Überleben der eigenen Nation wie der Menschen selbst. Der Nahost-Konflikt bestimmt das tägliche Leben und man findet kaum jemanden, der nicht politisch ist. Viele erheben ihre Stimme, gerade jetzt zum Krieg in Gaza.
ALBRECHT-Redakteurin Svenja Naudszus war zu Beginn der Militäroffensive in Israel und schildert ihre Eindrücke.

Ein Bericht über die Demonstrationen in Israel

von Svenja Naudszus

Jerusalem, 7. Januar 2009 – ein ganz normaler Vormittag. Die Menschen arbeiten; Kinder haben gerade Pause und spielen auf einem Schulhof. Und an der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg neben dem normalen Hochschulbetrieb – eine Demonstration. Spontan findet sich eine Gruppe zusammen und tut ihre Meinung kund. Hier steht auf den Plakaten der Studenten, dass sich Israel vor Terrorismus schützen müsse, dass es jetzt Zeit sei, etwas gegen die Bedrohung zu tun. Und sie beten für die Soldaten in Gaza, dass ihre Mission endlich Frieden bringe. Ein Stück weiter telefoniert ein Student mit einem Freund, der in einem anderen Teil der Universität einer Demonstration gegen die Bodenoffensive der Israel Defense Forces (IDF) beiwohnt.

Palästinensische Frauen demonstrieren vor dem Damaskustor - Foto SN

Palästinensische Frauen demonstrieren vor dem Damaskustor - Foto SN

Zur gleichen Zeit findet am Damaskustor vor der Altstadt, dem „Bab el Amud“, eine andere Demonstration statt.

Palästinensische Frauen tragen Plakate und rufen „Free Gaza“. Einige halten eine Babypuppe hoch, eingewickelt in eine schwarze Kufiya. Schaulustige und Sympathisanten stehen auf dem Platz und beobachten die Gruppe, ebenso wie zwei Dutzend israelische Sicherheitskräfte. Obwohl es vielleicht nur 40 Frauen sein mögen, die sich hier mehr oder weniger spontan versammelt haben, ist dieses Aufgebot an Polizei und Militär nichts Ungewöhnliches; das Damaskustor ist ein Brennpunkt und wird daher ständig überwacht. Zudem bergen Demonstrationen immer die Gefahr von Ausschreitungen. Und dennoch ist das Bild für jeden Touristen ungewöhnlich. Dazu gehören auch die Szenen, die sich zwischen Palästinensern und Israelis abspielen. In der einen Ecke des Platzes sprechen Soldaten mit einem palästinensischen Jugendlichen, der mit seinem Karren voll Waren nicht durch die Menge kommt – auf Arabisch. In der anderen Ecke diskutieren zwei Polizisten auf Hebräisch mit einem älteren Muslim, lachen zwischendurch, schütteln sich die Hände.

8. Januar 2009, der Tag, an dem Israel auch aus dem Libanon beschossen wird. In Ramallah, der Hauptstadt der palästinensischen Autonomiegebiete, ist kaum noch ein Ausländer zu sehen. Die Angst vor Ausschreitungen ist groß. Auch hier werden die Demonstrationen von großen Mengen an Sicherheitskräften begleitet – in diesem Fall von palästinensischen Sicherheitskräften. Für Minuten sind kaum noch Menschen unter dem Meer aus palästinensichen Fahnen und Plakaten mit arabischer Aufschrift zu erkennen. Wer gegen den Krieg demonstriert, sagt eine alte Frau, könne nicht gleichzeitig Krieg machen. Wer gegen das Morden demonstriert, solle nicht morden. Sie ist über 70 – und spricht Englisch. Auch hier bleibt es friedlich.

Am selben Tag findet abends in Jerusalem eine offizielle Demonstration statt, auf dem Flugblatt steht: „One nation, one country. Demonstration in support of IDF soldiers and southern residents of Israel.“ Im Licht der großen Laternen des Sacher-Parks im Stadtteil Rechavia wehen Israelfahnen. Es sind hauptsächlich junge Leute da, viele von ihnen sind Studenten. Sie tanzen und singen zu „Am Jisrael“ – das Volk Israel. Ein Stückchen weiter wird heiße Suppe ausgeschenkt. Und auf dem Hügel stehen jede Menge Soldaten. Wären sie nicht da und gäbe es keine Reden zwischendurch, würde das ganze mehr wie eine Party wirken als eine Demonstration.

Die Studenten der Hebräischen Universität, die an der „International School“ studieren, haben eine SMS bekommen, am Freitag Ostjerusalem und arabische Viertel zu meiden. Das Problem dabei ist: Viele von ihnen leben in einem Studentendorf, das sich offiziell schon in Ostjerusalem befindet. Aber die meisten wissen, wo sie hingehen können und welche Straßen sie besser umgehen. Zu dem Freitagsgebet der Muslime – salaat el jomaa – hat sich jedenfalls keiner verirrt. Nicht nur auf dem Tempelberg, sondern auch außerhalb von Moscheen versammeln sich Hunderte und beten zusammen. Und wieder am Damaskustor – ein Auflauf von Sicherheitskräften; es scheinen fast so viele zu sein wie Betende anwesend sind. Aber noch bevor sich die muslimische Gruppe auflöst, legen viele von ihnen ihre Schutzwesten ab und machen sich bereit, zur Einsatzzentrale zurück zu fahren. Einer von ihnen erklärt einem Journalisten: „Das Gebet hier draußen vor den Toren Jerusalems ist ihr Statement. Unser Statement hier ist auch sichtbar. Und es sollte eigentlich immer so sein – friedlich und ohne Gewalt!“

Der Alltag muss weitergehen, auch wenn jeder hier von dem Krieg betroffen ist; fast alle kennen jemanden in Gaza. Für den Einen steht ein befreundeter Soldat zum Einsatz bereit, bei dem Anderen sind es Verwandte, die bei der Operation „Gegossenes Blei“ verletzt worden sind. Für niemanden hier ist es ein Wunschzustand, aber allen ist klar, dass etwas getan werden muss, um die Situation zu ändern. Und sie erheben ihre Stimmen.



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