Zwischen Fotografie und Tod

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Datum: 14.4.09

Kategorie: Kultur

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“The Million Dollar Hotel” und “Buena Vista Social Club” sind nur zwei der vielen bekannten Filme von Wim Wenders. Am 19. März stellte der Oskar-Gewinner seinen aktuellsten Film in der Pumpe vor.

von Svenja Naudszus

Wim Wenders live in Kiel. Sollte die Pumpe nicht aus allen Nähten platzen? Wann ergibt sich schon einmal die Gelegenheit, einen Hollywood-Regiesseur von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen? Zur Überraschung vieler Zuschauer waren die Karten für dieses Event allerdings nicht restlos vergriffen.

Auch das Publikum selbst gab Anlass zur Verwunderung; nicht nur, weil es zum Großteil um eine halbe bis volle Generation über dem Durchschnitts-Studentenalter lag, sondern auch, weil viele Leute anwesend waren, die wohl selbst im Filmgeschäft tätig sind. Dass dies kein Nachtreffen der Crew ist, sondern die Filmpräsentation, bestätigt der ins Leinwandlicht getretene Regiesseur mit den Worten: „ Sie wissen, dass ich Sie nach Palermo entführe; und Sie wissen, dass geschossen wird. Allerdings wissen Sie noch nicht, wie.“

Dieser Film sei sein erster Film, den er selbst gemacht habe, so Wim Wenders weiter, und er sei de facto interaktiv. Natürlich gibt es keine Knöpfe und Hebel, mit denen der Zuschauer den Film verändern kann; aber „was man bereit ist in den Film reinzugeben, kommt mehrfach zurück.“

„Palermo Shooting“ wartet mit einigen Überraschungen auf. Neben dem Toten Hosen-Sänger Campino, der den international erfolgreichen Fotografen Finn verkörpert, tauchen Größen wie Dennis Hopper und Mila Jovovich auf. Reflexionen über die Fotografie und den Tod dominieren den Film und bestimmen auch die Bilder. Es geht von kalten Studios hinaus auf eine Rheinwiese mit Schafen und schließlich lichten sich die Wolken und das Grau langsam in Palermo. Der Aussagekraft der Farben und Szenen stehen die Töne in Nichts nach: sie sagen letztendlich nicht nur etwas über die Wahrnehmung der Hauptfigur aus.

Die Beurteilung des Films ist aber einem jedem selbst überlassen; im Fall der Filmfestspiele von Cannes 2008 ist sie sehr negativ ausgefallen: die Dialoge seien dahin geworfen und die schauspielerische Leistung dem Thema nicht annähernd gerecht geworden.

Wim Wenders, der Hamburger Hollywoodexport - SN

Wim Wenders, der Hamburger Hollywoodexport - Foto SN

Nach der Vorführung steht Wim Wenders Rede und Antwort und erklärt, dass die Umstände der Präsentation in Cannes nicht die besten für einen Film mit diesem Thema gewesen wären. Überhaupt sei der Tod ein schweres Anliegen für den Film und ihm eine Rolle zu geben sei nahezu tabu. Auf die Frage, wie es sei, mit Dennis Hopper – im Film spielt er den Tod – zusammenzuarbeiten, muss Wim Wenders ein wenig schmunzeln. Dennis Hopper, mit dem er ein halbes Leben zuvor schon einmal gedreht hat, Dennis Hopper, allgemein als der Gemeingefährliche gesehen, sei im Grunde ein liebenswerter Teddybär. Und Wim Wenders, der Hopper nach „Apokalypse Now“ aus dem Drogensumpf zog, ist für ihn der „Deutsche Bernadier mit einem Cognacglas“.

Mit Campino, auch liebevoll Campi genannt, verbindet ihn eine zehnjährige Freundschaft. Schon bei der Idee von einem Film über einen Fotografen dachte er den Sänger – die Rolle ist ihm somit wie auf den Leib geschrieben. Sogar Vorbilder für die Figur wie Peter Lindbergh kennt Campino persönlich. Und die schauspielerische Jungfräulichkeit, so erzählt Wenders weiter, hat der Sänger mit enormer Kamerapräsenz und darstellerischer Intelligenz wettgemacht . Da ertönt plötzlich Musik aus einem Raum weiter unten in der Pumpe – Wenders freut sich über diesen „passenden Einsatz“ und das gesamte Publikum muss lachen.

Aber auch ansonsten erheitert der Regisseur seine Zuhörer mit kleinen Anekdoten. Doch als er zu Fragen zu dem Drehbuch kommt, wird es bedächtig. Während des Schreibens starben zwei seiner Vorbilder und sicherlich, auch wenn er nicht sagen könne, wie genau, hätten diese Ereignisse den Film enorm beeinflusst. Für andere Einflüsse hingegen hat Wenders genaue Erläuterungen: das Fresko, das immer wieder im Film auftaucht, ist unter anderem Grund für die weibliche Hauptfigur, die bis dato so noch gar nicht vorgesehen war. Und auch der Tod erhält die im Fresko genau akribierten Eigenschaften. Der Zuschauer kann das Making-Off direkt im Film erleben; Wenders bezeichnet es als einen poetischen Prozess. Seine Beschreibungen bieten dem Publikum schon fast eine bildliche Führung durch Palermo und seine Katakomben, Archive und Kirchen. Aber sie zeigen auch auf, dass der Film nicht so reflektiert entstanden ist, wie er es vermuten lässt.

Neben diesen Fragen erkundigt sich das Publikum nach vielen technischen Details wie Totalen, Serienkopien, digitalen Effekten und Kulissen. Schließlich, mit einem Stift spielend, verrät Wenders noch seine Lieblingsszene des Films: Es ist jene auf der Wiese am Rhein mit den Schafen und dem philosophischen Schäfer und diesem wunderschönen alten Baum, auf den ein jeder, der ihn sieht, klettern möchte. Wenders ist dem Zuschauer voraus – er spielte hier schon in seiner Jugend. Dann steht er auf, entschwindet der Kamera, die ihn aus dem Hintergrund eines Filmplakates im Visier hatte, und geht „noch ein Bierchen trinken“.



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