Französische Studenten und Dozenten sind unzufrieden mit Universitätsreformen und zeigen ihrem Präsidenten, wozu Tische und Stühle außer zum Lernen noch gut sein können. Die Regierung plant, die Lehrerausbildung umzustrukturieren und den Status bestimmter Dozenten zu ändern. Die Protestformen reichen von Demonstrationen über Streiks bis hin zu Universitätsblockaden.
Studierende sowie Lehrende aus ganz Frankreich wehren sich gegen Reformen ihrer Regierung
von Annemarie Schönherr
Universitätspräsident Pascal Olivard sitzt in einem Straßencafé nahe der Philosophischen Fakultät, als er plötzlich eine unfreiwillige Dusche nimmt. Ein Eimer kaltes Wasser, garniert mit Essensresten, leert sich direkt über seinem Kopf. Am Montag darauf bleibt die Philosophische Fakultät in Brest geschlossen. Dass keine Kurse stattfinden, ist nichts Neues, nur der Grund ist dieses Mal ein anderer: administrative Schließung aus Sicherheitsgründen.
Einer der Gründe für den etwas anderen Regenschauer und den Ärger der Studenten ist die geplante Reform der Lehrerausbildung. Bisher folgte auf eine dreijährige fachwissenschaftliche Licence, die dem Bachelor entspricht, eine zweijährige Ausbildung am Universitären Institut für Lehrerausbildung. Im Laufe des ersten Jahres bereiteten sich die Studenten auf die Prüfungen des Wettbewerbs zur Lehrereinstellung vor und absolvierten im zweiten Jahr ein einjähriges bezahltes Praktikum. Für die neue Lehrerausbildung ist vorgesehen, dass alle zukünftigen Lehrer einen Master-Abschluss erwerben müssen, der auf den Lehrerberuf vorbereitet. Hiervon verspricht sich die Regierung einen besseren Unterricht und kündigt gleichzeitig ein höheres Einstiegsgehalt an. Die speziellen Institute zur Lehrerausbildung gäbe es dann nicht mehr.
Im ersten Jahr des neuen Masterstudiengangs sind unbezahlte Schulpraktika zur Hospitation vorgesehen. Im zweiten Jahr gäbe es die Möglichkeit, zwei bis drei Wochen praktische Schulerfahrungen unter Betreuung zu sammeln oder etwa 108 bezahlte Schulstunden eigenverantwortlich zu erteilen.
Die von dieser Reform Betroffenen kritisieren, dass mit der Änderung das bezahlte Praktikumsjahr komplett wegfiele. Hierdurch fehle den Auszubildenden einerseits die finanzielle Unterstützung, aber vor allem die praktische Berufserfahrung vor dem Eintritt in das Schulleben.
Neben den Studierenden sind auch Teile des Lehrkörpers von der Universitätsreform betroffen, denn der Status der lehrenden Wissenschaftler soll ebenfalls verändert werden. An dieser Stelle sei lediglich ein Aspekt dieser Veränderung erwähnt: Es ist vorgesehen, dass diese Gruppe von Dozenten alle vier Jahre vom Nationalen Universitätsrat in Bezug auf alle ihre Aktivitäten beurteilt wird. Diese Evaluierung soll anschließend die Grundlage für Promotion und Zuschüsse bilden. Bisher fand eine Beurteilung nur selten statt – vor allem vor Entscheidungen über Beförderungen. Die Rücknahme der Neuerungen, die die Lehramtsstudenten und die lehrenden Wissenschaftler betreffen, stehen nun im Mittelpunkt der Protestbewegungen.
In jeder Stadt und an jeder Universität sehen die Aktionen anders aus. Das folgende Beispiel der Université de Bretagne Occidentale, Kiels Partneruniversität in Brest, zeigt, welche Form die Proteste in den letzten Monaten annehmen konnten. Am aktivsten an der Bewegung beteiligt waren die Studenten und Dozenten der Geistes- und Sozialwissenschaften. Um sich über den Fortgang der geplanten Aktionen an der Philosophischen Fakultät zu verständigen, wurden regelmäßig Vollversammlungen abgehalten – zeitweise zweimal pro Woche. Die Anwesenden diskutierten bei diesen Anlässen über den Sinn und Zweck des Protests, den aktuellen Stand der Politik, zukünftige Aktionen sowie über die Blockade der Fakultät. Teilweise sehr emotionale Wortgefechte zwischen Blockade-Gegnern und -Befürwortern führten dazu, dass die Sitzungen bis zu vier Stunden dauern konnten. Neben dem Austausch von Argumenten haben einige Studierende diese Versammlungen genutzt, um ihrem Ärger über Präsident Sarkozy Luft zu machen. Die Aussagen „Ich hasse die Regierung Sarkozy“, „Nicolas, der Kleine“ und der Vorschlag, den Elysée-Palast zu blockieren, waren zu hören. Über alle Entscheidungen, die im Laufe der Versammlung getroffen werden mussten – ob die Wahl der Diskussionsleitung oder die Blockade – wurde abgestimmt. Am Ende der Veranstaltung war im besten Fall das weitere Vorgehen festgelegt.

Wo geht's denn hier zum Hörsaal? - Foto AS
Die radikalste Form des Protests war die Blockierung der Zugänge zu den Gebäuden der Philosophischen Fakultät. Etwa zwanzig Studierende haben Anfang Februar zunächst aus Tischen und Stühlen eine Barrikade errichtet und überwacht. Nach einer ersten wochenendlichen Räumungsaktion der Universitätsleitung wurde auf Paletten zurückgegriffen. Nur einige Studierende wie zum Beispiel Erasmus-Studenten wurden durchgelassen. Anderen wurde die Frage nach ihrem Ziel gestellt. Parallel zur Sperrung haben die Blockierenden Informationen und FairTrade-Kaffee unter den Studenten verteilt. Insgesamt fielen auf diese Weise sechs Wochen lang die Veranstaltungen an der Philosophischen Fakultät aus.
Parallel zu der Blockade fanden immer wieder Aktionen und Demonstrationen statt, die auf die Forderungen und Bedenken der Studierenden und Lehrenden aufmerksam machen sollten. Die Sportstudenten sind zum Beispiel Ball spielend durch die Innenstadt gelaufen. Eine andere Gruppe Studierender hat sich verkleidet und unter dem Motto „Die Studentenschaft geht auf den Strich“ Diskussionen mit den Passanten in der Haupteinkaufsstraße angeregt. Des Weiteren haben einige Dozenten öffentliche Vorlesungen außerhalb des Universitätsgebäudes abgehalten, unter anderem zum Thema “1789″. Überlegt wurde auch, Bildungsinhalte in Dosen zu verkaufen.
Universitätspräsident Olivard kann inzwischen wieder ohne Angst vor einer kalten Dusche Kaffee trinken. Die Blockade der Philosophischen Fakultät in Brest ist aufgehoben und das Semester neigt sich seinem Ende zu. An anderen Universitäten hingegen, wie der Sorbonne IV in Paris, hat sich die Lage nach wie vor nicht beruhigt. Einige Kurse haben dort bis jetzt nicht ein einziges Mal stattgefunden.
Die Proteste haben bisher bewirkt, dass die Reform der Lehrerausbildung momentan nicht weiter umgesetzt, sondern erneut diskutiert wird. Was den Status der lehrenden Wissenschaftler angeht, so wurden einige Punkte überarbeitet. Welche weitere Wirkung die Proteste für die Umsetzung der Universitätsreform gehabt haben, bleibt zu beobachten. Die Leitung der Philosophischen Fakultät in Brest hat jedenfalls beschlossen, die Klausurenzeit um eine Woche nach hinten zu verschieben.
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