Hochschulreform ist Thema, überall und nirgendwo. Dozenten beziehen sich darauf und setzen voraus, dass die Zuhörer informiert sind über Umsetzung und Probleme, doch erklären meist nichts. Die Studenten wissen, dass die Bachelor/Master-Umstellung auf dem Bologna-Prozess beruht und dass sich daraus auch eine Menge Probleme ergeben haben. Welche das im Detail an der CAU sind, wurde bisher nur wenig diskutiert. Um das zu ändern findet am 27. Mai ab 10 Uhr unter dem Motto „SOS Bologna – jetzt schlagen wir Wellen!“ im Audimax eine Vollversammlung statt.
Vollversammlung zieht Bilanz aus zehn Jahren Reform – Foren sollen Lösung bringen
von Carolin Ahrens und Jenni Belitz

Spaghetti Bologna - wer steigt hier noch durch? - Foto SN
Bologna wird zehn. Zugegeben, die Stadt ist schon etwas älter. Die Unterzeichnung der Bologna- Erklärung jedoch wird am 19. Juni zehn Jahre her sein.
Aber von Anfang an: Was waren die ursprünglichen Ziele, die zuerst im Lissabon-Abkommen und der Sorbonne-Erklärung erarbeitet und in der Bologna-Erklärung konkretisiert wurden? Alles sollte einfacher, übersichtlicher und kompatibler werden. Europaweit sollte die Zusammenarbeit der Hochschulen im Sinne der Studenten gefördert und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Studenten verbessert werden.
Bis jetzt sehen die Erfahrungen jedoch anders aus. Überall sind die Nebenwirkungen von Bologna deutlich spürbar. Insbesondere die Bachelor/Master- Umstellung sorgt an deutschen Hochschulen für Unzufriedenheit. In Kiel soll jetzt eine Vollversammlung die Probleme offen legen und diskutieren. Doch um konkrete Forderungen zu stellen, ist es wichtig, den Prozess zu verstehen.
Die Umstellung auf einen einheitlichen Hochschulabschluss in zwei Stufen sollte die Chancen der Studenten am internationalen Markt erhöhen. Zudem würde die Einführung des ECTS (European Credit Transfer System), das die Vergabe von an der Arbeitszeit gemessenen Leistungspunkten an die Studenten vorsieht, den Studenten das Auslandsstudium erleichtern. Die dort absolvierten Kurse könnten so ganz einfach „zu Hause” angerechnet werden. Und nicht zuletzt sollten die Hochschulen Europas näher zusammenrücken und ein Studium ganz im Zeichen der Globalisierung ermöglichen.
Wurden diese Ziele verfehlt? Am 28. und 29. April dieses Jahres fand in Leuven die letzte Bologna- Ministerkonferenz vor 2010 statt. Auf dieser alle zwei Jahre tagenden Konferenz sollen die Fortschritte der einzelnen Länder überprüft werden. Das Ergebnis von Leuven: Es gibt noch viel zu tun. Zwar sind wichtige Punkte umgesetzt und viele Veränderungen in Angriff genommen worden. Doch es gibt immer noch viele Defizite.
Und genau hier wird die Vollversammlung ansetzen. „Wir wollen die Probleme der Studenten offen legen, Lösungsansätze erarbeiten und damit konkrete Forderungen stellen“, erklärt die AStA-Referentin für Hochschulpolitik, Jytte Dössel. An der einleitenden Podiumsdiskussion werden Professor Dr. Gerhard Fouquet und Professor Dr. Frank Kempken vom Unipräsidium, Susanne Hoffmann, die Vorsitzende des AStA, Jost de Jager, Staatssekretär im Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium des Landes Schleswig- Holstein und Torsten Bultmann, Mitglied des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sowie Dr. Peter Grottian, emeritierter Professor für Politikwissenschaft der FU Berlin, teilnehmen. Der neue Wirtschaftsminister Dr. Jörn Biel hat zum Bedauern aller Beteiligten abgesagt. Die Moderation der Diskussion übernimmt der Debattierclub der CAU. Bei der zu erwartenden hitzigen Diskussion wird es aber nicht nur darum gehen, sich über individuelle Probleme auszulassen. Die Studierenden sollen langfristig motiviert werden, sich für eine Verbesserung bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses einzubringen und diese innerhalb der beständigen Vereinbarungen mitzugestalten.
Fünf Foren sollen als Plattform dienen, um Kritikpunkte möglichst tiefgreifend aufzuarbeiten. Nach einer Einführung werden dafür zunächst die wesentlichen Problemfelder vorgestellt. Zu den Themen Evaluation, Studienzugang, Bachelor/ Master-Übergang und -Anerkennung, Internationalität sowie Lehramtsausbildung werden Vorträge gehalten, die dann in die einzelnen Foren übergeleitet werden. „Sie sind für die Nachhaltigkeit der Aktion essentiell“, betont Dössel, denn mit dem Ende der Vollversammlung würde die Bewegung erst anfangen. Aus der intensiven Bearbeitung der Themen durch Studenten und Experten sollen klare Konzepte entstehen. Arbeitsgruppen könnten daraus hervorgehen, die weitere Entwicklungen verfolgen und die Aufarbeitung fortführen. „Ziel ist es auch, Studierende langfristig für den AStA und das Ehrenamt zu gewinnen“, hebt Dössel hervor. Bologna „verschwindet danach nicht in der Schublade“, stellt sie klar. Auch auf der europäischen Bühne wird es weiter gehen. Nach Bologna 2010 kommt nun Bologna 2020; der ursprüngliche Endpunkt der Hochschulreform wird nur eine Durchgangsstation sein. Im nächsten Jahr wird zusammengetragen, was sich getan hat – und vor allem, was noch getan werden muss.
An vielen Hochschulen ist die Umstellung auf BA/ MA noch nicht ausgereift. Studenten wie Hochschulen schlagen sich mit den Spätfolgen der teilweise hektischen Umsetzung herum. Doch die größten Defizite bestehen in puncto Mobilität. So stellt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz Prof. Dr. Margret Wintermantel, die in Leuven zu Gast war, fest: „In Deutschland muss der Staat etwa beim Auslands-BAföG, bei der Altersversorgung mobiler Wissenschaftler und beim Aufenthaltsrecht nachbessern. Wir brauchen da endlich ressortübergreifende Strategien.“
Doch mit Strategien allein ist es nicht getan. So heißt es in einer Pressemeldung der Hochschulrektorenkonferenz: „Die Lehre muss den einzelnen Studierenden noch viel konsequenter in den Mittelpunkt stellen, wie es die Philosophie von Bologna ist. Das fordert die Verantwortlichen in den Hochschulen, aber auch Einsicht und Handeln der Finanzpolitiker. Ohne genügend Personal und Räume geht es nicht.“
An der CAU haben sowohl das Universitätspräsidium als auch der AStA Befragungen bei Bachelorstudierenden durchgeführt. Dabei sind beide zum Teil zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen gelangt. 3000 Studenten wurden zum Wintersemester 2007/2008 von der CAU-Spitze befragt. 70% der 1150 Antwortenden sind mit den Studienbedingungen zufrieden (rund 800 bewerten sie als befriedigend, 350 gut und einige sehr gut). Die Mehrzahl der Befragten sieht lediglich die Prüfungsorganisation als „verbesserungsbedürftig“ an. Bei Anzahl und Form der abzulegenden Prüfungen hingegen sehen etwa 1100 Studenten keinen Verbesserungsbedarf. Dabei haben 50% angegeben, nicht alle Prüfungen der ersten beiden Semester bestanden zu haben. Als Grund wird mit großem Abstand am häufigsten die Menge des zu lernenden Stoffs genannt. Gegenüber den Kieler Nachrichten gab Uni-Vizepräsident Prof. Dr. Kempken zu, dass er die Anzahl der Prüfungen „schon etwas heftig“ findet. „Wir wissen nun aber genau, an welcher Stelle wir ansetzen müssen“, heißt es zu den Ergebnissen der Umfrage resümierend.
Der AStA ermittelte, dass durchschnittlich sieben Prüfungen pro Semester abgelegt werden. Weiterhin wurde in Erfahrung gebracht, dass die Studierenden im Mittel 21 Semesterwochenstunden haben. Der am häufigsten angegebene Wert beim Arbeitsaufwand ist 40 Stunden pro Woche. 55% der etwa 700 Befragten beurteilen dies als überlastend oder gar stark überlastend. Über 70% geben sogar an, dass dies Auswirkungen auf den Gesundheitszustand hat. Noch dazu hätten sie keine Zeit, einer Nebentätigkeit nachzugehen, obwohl viele darauf angewiesen wären, um ihre Kosten zu decken. Das Präsidium ist mit den Ergebnissen der Umfrage wohl zufriedener als erwartet, während der AStA nicht zuletzt aufgrund der Ergebnisse die Notwendigkeit sieht, eine der seltenen Vollversammlungen einzuberufen.
Ab dem 18. Mai wird es eine „zweiwöchige Aktionsoffensive“ geben, wie es der Politikstudent Marcel Mansouri bezeichnet. Er initiierte eine Hochschulgruppen übergreifende Zusammenarbeit mit dem Ziel der gemeinsamen Mobilisierung. Neben der Werbung auf Bannern werden vor dem Audimax und der Mensa I verschiedene Infostände aufgebaut, wo AStA, Campusradio und weitere Beteiligte das Wissen über die Themen der Foren ausbauen wollen. Es soll „verhindert werden, dass die Leute da völlig uninformiert hinkommen“, sagt Mansouri. Auch die politischen Hochschulgruppen werden Aktionen starten. Es sei wichtig, den anwesenden Verfechtern von Bologna auch eine Gegenstimme zu bieten. Denn nur wer Bescheid wisse, könne auch ernst genommen werden, sagt Mansouri.
Vermutlich kommt jeder, der den Stand der Hochschulreform einschätzen will, zu einem anderen Fazit. Prof. Dr. Wintermantels lautet: „Wir haben mit der Reform Vieles verbessern können, haben aber bei weitem noch nicht alles Angestrebte erreicht. Die noch notwendigen Anstrengungen aber lohnen sich im Sinne aller.“ Dies gilt natürlich nicht nur für die oberste Ebene, sondern gerade auch für die Basis. Es bleibt abzuwarten, ob sich viele Studenten ihrer Möglichkeiten und Chancen, etwas zu ändern bewusst sind oder noch werden. Nicht zuletzt lässt aber auch die Tatsache, dass sich die CAU so offen für Verbesserungsvorschläge zeigt, darauf hoffen, dass die Vollversammlung eine rege Beteiligung erfährt und zu konstruktiven Ergebnissen kommt.
Lest zu diesem Thema auch den Kommentar von René Marquardt: “Rettet die Kaninchen“.
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