Die Hansastraße 48, ein Kulturzentrum mit ereignisreicher Geschichte nahe dem Kieler Campus – und doch kennen es nur Wenige.
Von der Hausbesetzung zum Kulturverein
von Lena-Johanna Oeffner und das pommus
Wenige kennen sie, wissen überhaupt, worum es sich handelt. „Die Hansastraße 48? Ist das nicht so ein Kulturzentrum?“ Dass es „irgendwie links sei“ und in den Medien mal berichtet wurde, es hätte Probleme mit Nazis gegeben – so lautet die vage Antwort. Bei der Frage nach der Bekanntheit der Hansastraße 48 müssen die richtigen Leute angesprochen werden. Solche, die sich auskennen mit dem kulturellen Leben in Kiel. Diese erzählen dann auch einmal von der Hansastraße 48. Machen darauf aufmerksam, dass Kiel mehr zu bieten hat als die Pumpe und die Alte Meierei – und das gleich neben dem Campus.
Trotz der idealen Lage in Kiel fahren viele einfach am großen weißen Eingangsschild, versteckt hinter einer Baumkrone, vorbei. Dabei wird einem in der kleinen Kommune viel geboten.

Hilfe zur Selbsthilfe: die Fahrradwerkstatt - Foto das
Die Gebäude der Hansastraße 48 blicken auf eine lange Geschichte zurück. Erbaut im Jahre 1902, dient der Komplex zunächst als Bierbrauerei, später kauft eine Feinmechaniker-Firma Teile auf, ab 1930 wird er als Zwischenlager für Bier genutzt. Der vordere Teil des Hauses war schon immer bewohnt – die 1974 eingezogene Wohngemeinschaft von Studenten etabliert das Autobastelkollektiv „Joe’s Garage“. Im Jahre 1979 kauft die Wankendorfer Baugenossenschaft den Gebäudekomplex, um ihn abreißen zu lassen. In den folgenden zwei Jahren ziehen bis auf besagte Wohngemeinschaft alle Mieter und Gewerbetreibenden aus. Um den anstehenden Abriss zu verhindern, werden alle leerstehenden Teile des Gebäudes besetzt. Mithilfe von Flugblättern wird zur Unterstützung der Renovierungsarbeiten aufgerufen, Transparente werden aufgehängt, eine Presseerklärung abgeschickt. Veranstaltungen werden initiiert, damit stets viele Leute vertreten sind, um eine Räumung abzuwenden. Zusätzlich zu der Autowerkstatt wird eine Fahrradselbsthilfewerkstatt eingerichtet, die bis heute Bestand hat. Die Kellerräume werden Musik- und Theatergruppen zur Verfügung gestellt. Auch Kindergruppen gibt es schon, woraus später die Kinderstube „Die kleinen Strolche“ entsteht. Der Wohngemeinschaft ist es Ernst mit ihrem Vorhaben. Sie und andere Interessierte gründen den Verein „Hansastraße 48 e.V.“ zur Erhaltung des Zentrums, das ideale Möglichkeiten des Zusammenlebens und der kulturellen Arbeit bietet. Nach langen Verhandlungen mit der Stadt und Kreditinstituten gelingt Silvester 1982 die Übernahme, der Verein kauft die Liegenschaft und führt die begonnene Kulturarbeit nicht nur erfolgreich weiter, sondern weitet sie erheblich aus. Dies war Bedingung für den Zuschlag der Behörde. Die Verantwortlichen waren sich der Besonderheit dieser Hausbesetzung, die sich stark von anderen unterschied, bewusst. Heute ist die Hansastraße 48 ein fest etabliertes Zentrum – Kulturveranstaltungen finden fast täglich statt. Vom Theaterstück bis zum Skakonzert wird auf der kleinen Fünf-Meter-Bühne alles gezeigt, was nicht Mainstream ist. Der Ausstellungsund Konferenzraum kann von jedem genutzt werden und wird unter anderem von verschiedenen Hochschulgruppen in Anspruch genommen. Im Kino, Dienstag Abend, sind alle Genres vertreten. Durch die kleinen Räumlichkeiten fühlt sich alles familiär an und jede hat ihren besonderen Reiz. So sind die Kinositze aus alten Polizeibussen – wie genau diese damals in die Hansastraße kamen, ist ein Geheimnis. Eine Goldschmiedewerkstatt und eine Druckereivorstufe sind auch integriert. Letzteres ist das größte Unternehmen auf dem Gelände.
Das Projekt lebt fort, die Idee des gemeinsamen Lebens und der Verwirklichung gemeinsamer Ideen hat sich bewährt. Noch heute kommt einmal pro Woche die Mitbewohnervollversammlung zusammen. Von 30 Mitbewohnern ist immer rund die Hälfte da. Die Bewohner sind unterschiedlicher Art – Lehrer, Anwälte, Sozialpädagogen, Studenten. Es geht um Organisation in der Gruppe. Ein gesamtes Kulturunternehmen, in dem alle zusammenarbeiten und alle gemeinsam Entscheidungen treffen, muss geführt werden. Wer macht das Buffet für die französischen Gäste? Wer sitzt am kommenden Freitag an der Eintrittskasse? Wer kümmert sich um einen Förderantrag zu finanziellen Unterstützung der Dachsanierung im Sommer? Große und kleine Aufgaben müssen gemeinsam gemeistert werden, neben dem Arbeitsalltag, den jeder zusätzlich hat. Die Grundidee: gemeinsam leben, sich unterstützen, kulturelle Arbeit leisten und alles die Hansastraße Betreffende ehrenamtlich meistern.

Kinderstube und Infoladen für Bedürftige - Foto das
Es ist nicht immer einfach, in einer kapitalistischen Umwelt das Prinzip konsequent durchzuführen. Mit Beginn der Übernahme des Gebäudes durch den Förderverein sind diese Tätigkeiten an Auflagen gebunden. Zwar wird die Unabhängigkeit von Banken und Sponsoren angestrebt, aber nicht zu hundert Prozent durchgesetzt, weil das Bestreben nach Selbstverwirklichung und einer sicheren Zukunft für seine Familie besteht. Und selbstverständlich sind 30 Mann nicht in der Lage, die Kosten aufwendiger Sanierungen alleine zu tragen.
Solch eine Kommune ist auf Vertrauen und gemeinsamen Idealen aufgebaut. Voraussetzung für den Einzug ist der Beitritt in den Förderverein, darin impliziert ein monatlicher Mitgliedsbeitrag und aktives Engagement für die Hansastraße 48. Die Grundeinstellung muss mit der der Bewohner übereinstimmen- hier geht es auch um die politische Richtung.
Das kann zum Problem werden: Oft werden im Kindergarten der Hansastraße 48 die Scheiben mit Steinen eingeworfen. Es ist deswegen auch nur eingeschränkt erlaubt, die Wohnungen und das Gelände zu fotografieren. Die Nachbarn scheinen mit aufzupassen, sie geben Bescheid, wenn Fremde in Abwesenheit der Mitbewohner über das Gelände laufen und zum Beispiel Fotos schießen.
Seit längerem kann auf die Mitarbeit Externer für die Erhaltung des Zentrums nicht verzichtet werden, gerade weil die Bewohner ihre Jobs außerhalb der Hansastraße haben. Der Kulturbeauftragte Nils Aulike organisiert alle Kulturveranstaltungen unter Einbeziehung der Mitglieder. Die Hansastraße 48 sei “wie eine Oase, besonders im Sommer, wenn alles grün ist.” Er selbst bewohnt seit vier Jahren eine eigene Wohnung, deren Freiheit er auch nicht missen möchte. Nils kennt die Hansastraße 48 durch jahrelange Theaterproben in deren Kellerraum. Nebenan ist ein Bandproberaum, beides kann jeder, der mag, mieten. Das Kneipenkollektiv besteht aus sechs Mädchen. Sie betreiben die Kneipe als Nebenjob, und das nicht aus finanziellen Gründen, denn „Geld verdienen könnte man woanders besser.“ Kollektiv bedeutet, dass alle gleichberechtigte Kollegen sind und es keinen Vorstand oder gar Chef gibt, der Bestimmungen festsetzt. Man berät sich, und alle Entscheidungen werden gemeinsam gefällt. Alle zwei Wochen findet die „Gute Stunde“ statt, bei der sich jeder, bevorzugt lokale Bands, nach Anmeldung auf der Bühne beweisen darf. Das Publikum ist gemischt, die Stammgäste sind keine Studenten, die gehören zur „alten Liga“.
Nun kann ein jeder Leser die Frage nach der Hansastraße 48 beantworten. Und mit Recht sollte ein jeder dieses etwas ungewöhnliche Kulturzentrum, das sich aus einer Hausbesetzung entwickelte, kennen. Jeder, der an außergewöhnlichen, kleinen Veranstaltungen interessiert ist, sollte das Programm in seiner Tasche haben. Denn Abwechslung ist vorprogrammiert.
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