Rettet die Kaninchen

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Datum: 15.5.09

Kategorie: Gesellschaft

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Ein Kommentar von René Marquardt Den Kaninchen geht es nicht gut. 70 Prozent der Kieler Kaninchen beklagen gesundheitliche Probleme aufgrund der Belastungen durch ihren stressigen Alltag. Den meisten fehlt die Zeit für einen Nebenjob; außerdem sind sieben Prüfungsleistungen pro Kaninchen-Semester einfach zu viel. Was für Kaninchen? Na die Studenten, die Versuchskaninchen im Labor der Bildungspolitik. [...]

Ein Kommentar von René Marquardt

Giftspritze gesetzt - Gegenmittel gesucht - Illustration SN

Giftspritze gesetzt - Gegenmittel gesucht - Illustration SN

Den Kaninchen geht es nicht gut. 70 Prozent der Kieler Kaninchen beklagen gesundheitliche Probleme aufgrund der Belastungen durch ihren stressigen Alltag. Den meisten fehlt die Zeit für einen Nebenjob; außerdem sind sieben Prüfungsleistungen pro Kaninchen-Semester einfach zu viel.

Was für Kaninchen? Na die Studenten, die Versuchskaninchen im Labor der Bildungspolitik. Seit zehn Jahren läuft der Bologna-Prozess, der 1999 von 29 europäischen Bildungsministern initiiert wurde. Seit zehn Jahren wird im europäischen Hochschulraum alles auf den Kopf gestellt. 2010 soll alles fertig sein. Fix und fertig sind aber vielmehr die Bachelor-Studenten. Viele haben vom Bulimie-Lernen genug (intensiver Wissenskonsum mit anschließender Wissensausscheidung bei der Prüfung) und so brechen laut dem Hochschul- Informations-System (HIS) durchschnittlich 25 Prozent der Bachelor ihr Studium ab. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als der Durchschnitt aller Studiengänge zusammen. Was waren noch gleich die Ziele des Bologna-Prozesses? Die Abbrecherquote senken. Schade, verfehlt.

Und sonst so? Praxisnäher, effizienter und schneller studieren. Die Mobilität der Studierenden erhöhen. Wie sieht hier die Bilanz nach zehn Jahren Bologna aus? „Weitgehend misslungen“, sagt die Professorenlobby: Der Deutsche Hochschulverband (DHV) ist mit der Gesamtsituation unzufrieden. Gesteckte Ziele seien „bestenfalls partiell erreicht“, erklärte DHV-Präsident Bernhard Kempen. So gehen Diplomanden häufiger ins Ausland als Bachelor. Ein Auslandssemester passt in den engen Studienplan der Bachelor oftmals nicht hinein. Die dafür ermöglichte schnelle Qualifikation der Turbo-Studenten nach drei Jahren Studium ist vor allem eine Ökonomisierung des Studiums. Mit dem Humboldtschen Bildungsideal der Universitäten, der Einheit von Forschung und Lehre, hat das nur noch wenig zu tun. Lange Präsenzzeiten und wenig Spielraum für das Eigenstudium machen den Bachelor zu einer verlängerten Schulausbildung. Verschulung ist der Begriff, der durch die Medien geistert. Studienpläne sind modularisiert und genaustens geplant. Der Student, der zu einem guten Teil seine Bildungsbausteine selbst wählen kann, ist passé.

Ein erdrückendes Bild. Ist denn alles schlecht? Bologna gescheitert? Nein, meint Imke Buß, Vorstandsmitglied im Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs). Bologna sei der richtige Weg; lediglich die Umsetzung sei fehlerhaft. „Die Reformen werden für willkürliche Sparmaßnahmen missbraucht“, kritisiert sie. Anwesenheitslisten seien im Bologna-Prozess gar nicht vorgesehen gewesen. Der Trend, viele Studienangebote nur im Wintersemester starten zu lassen, ebenfalls nicht. Und die kleinen Übergangsquoten vom Bachelor- zum Masterstudiengang genauso wenig. In dieselbe Kerbe schlägt der Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin aus München: „Vier Jahre Bachelor wäre möglich gewesen. In Deutschland hat man darauf verzichtet. Dies ist ein großer Fehler bei der Umsetzung.“

So geht es nicht weiter. Was können die Studenten tun? Mit Clownsmasken verkleidet Vorlesungen stürmen und Anwesenheitslisten klauen, wie es in vielen Unis in Deutschland passiert ist, mag lustig anmuten, ist aber ohne konkrete Forderungen nicht zielführend. Vielmehr muss der Studierendenschaft klar werden, dass sie die größte Gruppe der Betroffenen ist. Die Studenten sind in der Mehrzahl, also haben sie ein Recht darauf, dass ihre Forderungen gehört werden. Gehört werden aber nur diejenigen, die sich Gedanken machen und ihre Meinung äußern. Deshalb ist die geplante Vollversammlung des AStA der Uni Kiel der richtige Weg. Nur wenn viele Studenten zusammen kommen und für ihre Rechte eintreten, kann etwas bewegt werden. Auf dem Campus wollen engagierte Studenten zusätzlich für Aufmerksamkeit sorgen und zum Denken anregen. Also Augen auf, mitdenken und für Öffentlichkeit sorgen. Keiner sollte sich gefangen nehmen lassen vom engen Stundenplan und Prüfungsstress. Eine Reform der Reform ist notwendig. Der Bologna- Prozess kann noch nicht abgeschlossen sein. Rettet die Kaninchen!



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