Model United Nations Schleswig-Holstein ist eine Simulation der Vereinten Nationen. Ende April tagten Schüler und Studenten als Länderdelegierte im Kieler Landtag.
von Kristiana Ludwig

Delegierte bei Verhandlungen: In der Politik geht es um Rhetorik - Pressefoto
„Das Präsidium bittet den Delegierten der Vereinigten Staaten aufzuhören zu tanzen“, sagt die Vorsitzende mit ruhiger Stimme. Vor ihr das Tischmikrofon, Notizen, Wasser. Die jungen Herren an ihren Seiten grinsen kurz, im Saal wird gekichert. Dann wird es wieder leise. Es steht noch viel auf der Tagesordnung des Wirtschafts- und Sozialrats und die Debatte zur Finanzierung von Frühwarnsystemen für Naturkatastrophen ist zäh. Besonders, seit der Abgesandte von Greenpeace immer wieder unterbricht, um eine Gedenkminute einzufordern.
Die Damen und Herren, die in Blazer und Anzügen in einem der hellen, holzvertäfelten Räume des Kieler Landtages Platz genommen haben, debattieren über weltpolitische Themen. Sie vertreten Staaten aus allen Teilen der Erde, über ihre Papiere gebeugt, am Rednerpult. Ihr Durchschnittsalter ist 18 Jahre. Model United Nations Schleswig-Holstein ist ein Planspiel für Schüler und Studenten, in dem ein Wochenende lang die Arbeit der Vereinten Nationen simuliert wird. So lernen Jugendliche die Interessen der Länder und Organisationen, für die sie eintreten, zu verstehen und in deren Sinn zu argumentieren. Vor allem lernen sie aber, in einer politischen Verhandlung zu agieren.
Im Plenarsaal sind alle Plätze an den kreisförmigen Tischreihen besetzt. Die Generalversammlung tagt, heute zum dritten Mal. Es ist spät geworden. Die Regeln werden dennoch eingehalten: Wer spricht, erhebt sich und schließt sein Sakko, man redet von sich und Anderen in der dritten Person, sonst ermahnt das Präsidium. Die Teilnehmer des Modellprojekts sind vorbereitet, in Treffen vorab wurden Geschäftsordnung und Inhalte verinnerlicht und geübt. „Ich glaube, dass Jugendlichen in der Öffentlichkeit oft nicht genug Respekt entgegen gebracht wird“, sagt Christian Kurtz, der 20-jährige Projektleiter von MUN-SH. Wer hier über Nuklearenergie, Konfliktlösungen und Klimawandel berät und abstimmt, mache eine neue Erfahrung, gefolgt von einem „guten Gefühl der Erschöpfung“.
Kurtz nimmt seit 2007 teil. 2005 wurde das erste Modell in Schleswig-Holstein veranstaltet und hatte sich damit ähnlichen UN-Planspielen in Deutschland und auf der ganzen Welt angeschlossen. Schleswig-Holstein entschied sich gegen die englische Sprache, die sonst üblich ist – um jüngeren Schülern das Reden vor der großen Gruppe zu erleichtern. Denn in der Politik geht es um Rhetorik. Und dann um Macht. „Möglichkeiten“, korrigiert Gerrit Kurtz, Generalsekretär und Bruder des Projektleiters. Er studiert in Passau Staatswissenschaften, engagiert sich dort in der Hochschulpolitik und seit 2005 auch bei MUN. Motivation für den 23-Jährigen sei inhaltliches Interesse, als Ergänzung zu seinem Studium. In seiner Position als Generalsekretär könne er viele Reden halten und Entscheidungen treffen. Er habe aber auch Vorarbeit leisten müssen. Das nimmt er in Kauf, sein Einsatz sei „unheimlich belohnend“.
Am Abend des 23. April steht Gerrit Kurtz auf einer Bühne in der geschmückten Mensa der Universität Kiel, vor ihm die rund 450 Teilnehmer, die zum Teil aus deutschen Schulen in China, Südafrika, Finnland oder Frankreich angereist sind. Als der Applaus verhallt ist und alle wieder sitzen, zitiert er Goethes Faust. Dann spricht er über die Vereinten Nationen: Seit ihrer Gründung sei kein Tag ohne Krieg vergangen. „Hat die UN versagt?“, fragt er. Ein Kamerateam und Fotografen verfolgen die Eröffnungsfeierlichkeit, auch sie sind schon in ihrer Rolle: als Journalisten der internationalen Presse. In einer langen Zeremonie werden dann alle Vertreter der 113 Länder-Delegationen vorgestellt, untermalt von einem Jazz- Ensemble, das schließlich die Jugendlichen in das Konferenz-Wochenende entlässt.
Vier Tage später ist in den Sitzungen schon Routine eingekehrt. Zwischen Länderwimpeln und Maoam–Bonbons liegen Stimmkarten auf den Tischen, die Delegierten sitzen zurückgelehnt in ihren Stühlen und winken von Zeit zu Zeit kleine Anträge durch. Die Kommission für nachhaltige Entwicklung lässt sich selbst davon kaum aus der Ruhe bringen, dass ein Herr die Tür aufreißt und mit dem „Codewort Osmanischer Beutelteufel“ drei Delegierte aus dem Raum ruft. Es gehe um Boykott, wird gemunkelt. Gemäß ihren Rollen setzen die Schüler die Sitzung fort – schließlich stehen wichtige Beschlüsse an. Es gilt, sich zu konzentrieren.
Die Generalversammlung hat gegen Ende des letzten Sitzungstages mehr zu lachen: Greenpeace hat beschlossen, seine Anliegen in Reimform vorzutragen. „Spaß spielt eine wichtige Rolle“, sagt Projektleiter Kurtz: „Klischees werden überspitzt, bestimmte Positionen, die vertreten werden, überreizt. Es ist ja ein Planspiel.“ Generalsekretär Kurtz ergänzt: „Nach einem langen Sitzungstag wird dann versucht, Gremien zu stürmen oder Krieg zu erklären.“ Wenn MUN-SH 2009 in ein paar Stunden endet, die Gremien schließen und die formelle Kleidung abgelegt wird, kehrt der Ernst des Lebens zurück: „Dann müssen wir den ganzen Landtag aufräumen.“
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