Trotz typisch norddeutschen Wetters demonstrierten am 9. und 11. Juni Tausende Schüler für eine bessere Bildung. Sie forderten unter Anderem kleinere Klassen, die Abschaffung der Profiloberstufe, des Zentralabiturs und des Abiturs nach zwölf Jahren. Leider blieb es dabei nicht immer friedlich. DER ALBRECHT hat das „Bildungsbündnis Kiel“ bei den Vorbereitungen besucht. Diese waren nicht immer einfach…
Zum zweiten Mal organisierte das Bildungsbündnis Kiel eine landesweite Schülerdemonstration
von Bastian Kruse

Demonstranten mit bengalischem Feuer - Foto BK
Schon wieder stehen 2500 Schüler vor dem Kieler Bildungsministerium und schreien: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!“ Sie fordern mehr Lehrer, kleinere Klassen sowie die Abschaffung der Profiloberstufe, des Zentralabiturs und des Abiturs nach zwölf Jahren. Das gab’s schon mal: Im November des letzten Jahres waren noch gut 5000 Schüler bei der ersten Bildungsdemonstration friedlich durch die Straßen gezogen. Doch die Demonstration heute, am 9. Juni, wird nicht ohne Ausschreitungen zu Ende gehen.
Mittwoch, 3. Juni, „Club M“. Das Bildungsbündnis Kiel trifft letzte Vorbereitungen für die Demonstration am Dienstag. Das Treffen sollte eigentlich an der Max-Planck-Schule stattfinden, doch als der Direktor Wind davon bekam, musste schnell ein anderer Ort gefunden werden. Nun also der „Club M“ – definitiv kein Treffpunkt der politischen Mitte. Auf dem Tisch liegen Antifa- Flyer, Karl Marx hängt an der Wand. Daneben: Plakate von DKP, Sozialistischer Deutscher Arbeiterjugend (SDAJ), Linke-HSG.
Das Bildungsbündnis hatte schon die Demonstration im November organisiert und dabei erfahren müssen, wie wichtig Personalien für die Außenwirkung sind. Ex-Cheforganisator Jann Lossdörfer ist Mitglied der SDAJ – dadurch und durch die offensichtliche Unterstützung durch linke Splittergruppen wie etwa ein „Bündnis Revolution“ war das Bildungsbündnis im letzten Jahr harter Kritik ausgesetzt. Junge Union und Elternverbände warfen den Organisatoren vor, die Schüler für linke Ideologien zu instrumentalisieren.
Dieses Mal soll alles besser werden. Bündnissprecher Sebastian Borkowski (18) sagt, dass jeder im überparteilichen Bündnis mitarbeiten könne. Doch die Reden, die auf der Demonstration gehalten werden, sind alle im Vorfeld abgesprochen. Überraschende Forderungen externer Redner wie beispielsweise der letztjährige Aufruf, dass sich die Schülerschaft mit der Arbeiterklasse solidarisieren solle, sollen dadurch verhindert werden.
Weniger gut geplant wirkt allerdings die Absprache mit anderen Organisationen. Bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) herrscht leichte Verwirrung, obwohl sie offiziell hinter dem Bündnis stehen: „Der Kontakt ist noch nicht so wirklich zustande gekommen“, sagt Gewerkschaftssekretär Philipp Westphal, gibt aber zu, dass die GEW wegen der Kita-Streiks zur Zeit nur begrenzt aufnahmefähig ist. Das Bildungsbündnis werde aber in jedem Falle unterstützt, „solange es sich im Rahmen von Bildungsstreiks bewegt.“
Auch die Kommunikation mit dem Kieler AStA läuft augenscheinlich nicht reibungslos. Während Borkowski noch davon ausgeht, dass dieser die Demonstration nicht unterstützt, stellt Jytte Dössel, Referentin für Hochschulpolitik, klar: „Wir unterstützen diese Demonstration. Wir rufen sogar dazu auf!“ Mehr könne der AStA allerdings nicht tun, da die Organisatoren erst in der letzten Woche vor der Veranstaltung auf sie zugekommen seien.
Problematisch ist auch, dass die Schüler schon zwei Tage später wieder zum Demonstrieren aufgerufen sind – diesmal gegen die Profiloberstufe. Dem Bildungsbündnis, der Landesschülervertretung sowie den Kreiselternbeiräten ist es nicht gelungen, diese beiden Veranstaltungen zusammenzulegen, um eine größere Öffentlichkeitswirkung zu erreichen. Von Seiten der Kreiselternbeiräte und einiger Lehrer ist dies auch gar nicht gewollt – sie richten sich nur gegen die Profiloberstufe, nicht aber gegen das Abitur nach zwölf Jahren oder das Zentralabitur.
Trotzdem ist Borkowski zuversichtlich. Hoffnung bereitet dem Bündnis, dass über Bildung anscheinend wieder gesprochen wird. Im Oberbürgermeister- Wahlkampf gab es auf einmal Plakate, die „frischen Wind für Bildung“ ankündigten. Die SPD hat auf einem Landesparteitag gar beschlossen, die Forderung nach der Abschaffung der Profiloberstufe in das Programm für den Landtagswahlkampf 2010 aufzunehmen. Doch das reicht Borkowski nicht: „Wir wollen mehr Druck aufbauen.“
Dienstag, 9. Juni. Grauer Himmel. Es nieselt. „Wir sind hier, weil wir auf uns aufmerksam machen wollen. Auf die schlechte Situation in unserem Bildungssystem!“, ruft Sebastian Borkowski den 2500 Schülern zu. Die Stimmung ist trotz des Wetters gut. Für die verspätet eintreffenden 30 Studenten gibt es Szenenapplaus.
Doch nach der Kundgebung am Bildungsministerium fliegen die ersten Eier, Tomaten und Flaschen gegen die Polizisten. Unter die Schüler haben sich etwa 20 schwarz gekleidete Autonome gemischt, die die Polizei provozieren. Als der Demonstrationszug an der Humboldtschule vorbeizieht, versuchen Hunderte, in die Schule einzudringen und beschädigen zwei Fenster.
Die Polizei nimmt im Laufe der Demonstration fünf Menschen in Gewahrsam und wird dabei von einer Gruppe Demonstranten bedrängt. „Ich lasse mich doch nicht von Kindern verarschen“, ruft ein Beamter.
Die Nachricht von den „Ausschreitungen“ bringt der Demonstration negative Schlagzeilen – „Beinahe außer Kontrolle“, schreiben die Kieler Nachrichten. Donnerstag, 11. Juni. Es regnet. Diesmal richtig. 1500 Schüler, die teilweise extra aus Husum angereist sind, versammeln sich auf dem Asmus-Bremer- Platz und laufen zunächst planlos im Kreis, bevor sie sich auf dem Weg zum Bildungsministerium machen – die Organisation der Landesschülervertretung klappt nicht ganz reibungslos. Die Polizei hält sich betont zurück, taucht erst nach Beginn der Veranstaltung überhaupt auf. Man habe aber mehrere Hundertschaften aus Kiel und Bad Segeberg in der Hinterhand, sagt ein Beamter. Ausschreitungen gibt es diesmal nicht, aber auch keine schwarz gekleideten Aufrührer – und nicht eine trockene Minute.
Borkowski ist zufrieden mit den Veranstaltungen. Man habe viele Leute mobilisieren können und gezeigt, „dass es ein vorherrschendes Problem ist, das nicht gleich wieder verschwindet.“ Das Bildungsbündnis will seine Arbeit direkt in den Schulen fortsetzen, denn von dort kamen bereits einige Gesprächsangebote. Auch die Landtagsfraktion der Grünen zeigte Interesse. In der nächsten Zeit, sagt Borkowski, seien keine weiteren Demonstrationen geplant. „Letztendlich kriegt man’s nur über Gespräche hin.“
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