ein Kommentar von René Marquardt Es waren viele Kaninchen, die sich im Audimax tummelten. Rund 800. Und sie kamen nicht zum Möhren-Knabbern. Denn Versuchskaninchen, die eigentlich lieber freie Studenten sein wollen, lassen sich nicht so ohne weiteres kleinkriegen. Sie sind auch fähig zum Protest, wie die Vollversammlung der Uni Kiel Ende Mai zeigte. Ein Ventil [...]
ein Kommentar von René Marquardt

Aufruhr im Audimax - Foto SN
Es waren viele Kaninchen, die sich im Audimax tummelten. Rund 800. Und sie kamen nicht zum Möhren-Knabbern. Denn Versuchskaninchen, die eigentlich lieber freie Studenten sein wollen, lassen sich nicht so ohne weiteres kleinkriegen. Sie sind auch fähig zum Protest, wie die Vollversammlung der Uni Kiel Ende Mai zeigte. Ein Ventil wurde geöffnet und Druck abgelassen. Der Begrüßungsredner Marcel Mansouri, Studierender und „Bologna-Opfer“, heizte dem Publikum ordentlich ein. Mitreißend und plakativ prangerte er die Missstände des neuen Studiensystems an. Von der hohen zeitlichen Belastung, über mangelnde Mobilitätsoptionen bis zum Prüfungschaos war alles dabei. Die Studenten jubelten lautstark ihre Zustimmung heraus. Sie zeigten sich aufgeladen und hoch interessiert. Eine solch lebendige Vollversammlung hat es lange nicht gegeben.
Ein Feindbild war aber auch schnell gefunden. Jost de Jager, Staatssekretär im Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium des Landes Schleswig- Holstein, zog mit seinen Aussagen allen Unmut auf sich: „Wenn der Steuerzahler das Studium finanziert, dann kann er eine 50-Stunden-Woche von Studenten erwarten“. Dass man ein Studium aber nicht mit einem normalen Job in der Wirtschaft vergleichen kann, machte die AStA-Vorsitzende Susanne Hoffmann deutlich: „Arbeitnehmer mit einer 50-Stunden-Woche machen am Wochenende frei und haben zudem auch Urlaub. Studenten arbeiten am Wochenende und machen in den Semesterferien Praktika. Hinzu kommt ein Nebenjob, auf den ein großer Teil der Studenten heutzutage angewiesen ist.“ Dass die Umstellung auf das neue Bachelor/Master-System „unterm Strich ein Erfolg“ ist, wie de Jager betonte, quittierten die Zuhörer mit Buh-Rufen. Was sollen beispielsweise Lehramtsstudenten tun, die wegen der Quotierung der Master-Studiengänge keinen Platz für die Fortführung ihres Studiums bekommen? Staatssekretär de Jager meinte, dass diese für den Schuldienst nicht geeignet seien und sich in der freien Wirtschaft einen Job suchen sollten. „Also sind nur diejenigen gute Lehrer, die am besten Stoff fressen und diesen bei einer Prüfung wieder raushauen können?“, fragte eine Studentin. Eine Antwort blieb aus. Bemerkenswert an der Diskussion, die vom Moderator Rauad Abagela, Präsident des Debatierclubs der CAU, wertend und unflexibel geleitet wurde, war das demonstrativ kühle Auftreten de Jagers. Denn er selbst studierte in Kiel 14 Semester lang, machte Auslandssemester, konnte sich Zeit lassen und sich engagieren. Heute präsentiert er sich um hundertachtzig Grad gedreht und treibt die Ökonomisierung des Studiums voran. Selbst der Präsident der CAU, Professor Gerhard Fouquet, gab zu, dass bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses viele Fehler gemacht wurden. Vieles wurde nicht gesehen. Vieles wolle die Universitätsleitung verbessern. Die Studenten hoffen auf eine schnelle Umsetzung.
Hauptproblem der Universitäten allgemein und der Kieler Universität im Speziellen ist die Unterfinanzierung. „Seit 30 Jahren ist das Universitätssystem unterfinanziert“, stellte Torsten Bultmann vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fest. Dadurch werden Master- Studienplätze quotiert. Professor Christoph Jobst, Geschäftsführer des Kunsthistorischen Instituts der CAU, meldete sich zu diesem Thema aus dem Publikum zu Wort: „Der Bachelor- Abschluss hat fundamental versagt. Auch wenn mir ein Disziplinarverfahren drohen sollte, lasse ich mir nicht vorschreiben, wie viele meiner Bachelor einen Master machen dürfen.“ Die Studierenden riss das zu stehenden Ovationen und tosendem Beifall hin. Staatssekretär de Jager antwortete kühl: „Damit fordern Sie Kapazitäten, die wir nicht haben. Wer in der jetzigen Situation zusätzliche Mittel fordert, lebt nicht auf diesem Planeten.“
Die spannungsreiche Diskussion mündete nach der Mittagspausen in produktive Arbeitsgruppen zu den Themen Prüfungsorganisation, Lehramt, Hochschulzugang und Mobilität. Mit Experten des AStAs und der Uni-Verwaltung vertieften zahlreiche Studenten die Themen und protokollierten sie. Der AStA will mit diesen Ergebnissen nun weiterarbeiten. Sie sollen in einer Sonderinformation zusammengefasst und vor der Mensa präsentiert werden. Ziel ist es, den Diskussionsprozess in Gang zu halten und passend zum Motto der Vollversammlung „SOS Bologna – jetzt schlagen wir Wellen“ die Flut nicht abebben zu lassen. Wir Kaninchen sollten nun also auf diesen Wellen surfen in Richtung des humanistischen Bildungsideals.
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