Die Schauspielgruppe “Onkel Hotte and the pink tütüs” inszeniert „Gier“ von Sarah Kane, einer der provokantesten und skandalträchtigsten Bühnenautorinnen der letzten Jahre.
“Gier” von Sarah Kane
von Tim-Florian Goslar

Körper finden zueinander - Foto Rainer Otte
Wer redet hier eigentlich mit wem? Wer ist wer? Wer bist du und wo, wo ich und wer überhaupt – und dann: was bedeutet hier, was ich? Wie gefiele es dir, wenn ich dich kennen lernen würde? Würde. Kennst du dich? Sprach ich mit dir, mit mir? Habe ich mich deshalb verhört, vielleicht deshalb nicht zugehört? Ich höre Stimmen. Stimmt, jedoch nur wenn sie sprechen. Doch bin ich mir dessen sicher? Sicher? Nicht wenn ich mich mit mir alleine bin. Wer sprach noch gleich mit wem?
Wer monologisiert, muss in Kauf nehmen das Interesse seiner Zuhörer zu verspielen. Wer sich heutzutage mitteilen möchte, bitte nur, wenn es auch interessiert, das heißt, wenn er sich nicht ausschließlich auf sich selbst bezieht. Und wer leicht affektiert auftritt, zudem den Verdacht schizophrener Züge erweckt, der wird schlimmstenfalls weggesperrt.
Egozentrismus ist nur natürlich, vielleicht notwendig, letztlich jedoch verpönt, ebenso wie psychische Krankheiten. In ein anderes Licht rückt dies jedoch, wenn die Facetten eines zerrissenen Ichs in die Form der Kunst gegossen werden. Die Öffentlichkeit ist mit einem Mal bereit, sich auch Grenzphänomenen auszusetzen. Interessant wird es, wenn nicht eindeutig ist, ob ein psychologisches Krankheitsbild oder vielleicht doch bloß ganz normaler Wahnsinn dargestellt wird. Für die Inszenierung von „Gier“ muss jedoch eine Entscheidung getroffen werden. Vielleicht liegt dem Text „eine Art schizophrener Persönlichkeit im Ganzen“ zugrunde, vielleicht sind es aber auch „vier Stimmen, die Charaktereigenschaften haben, die in Konkurrenz zueinander stehen“, so Tim Albrecht, der Regisseur des Stücks. Die Gruppe hat sich entschieden.
Wenn bloß ein Text zugrunde liegt, ohne Regieanweisungen, ohne die Charaktere zu definieren. Wenn Handlungen einzig aus den Dialogen heraus entstehen können und die verschiedenen Stimmen sich kaum zu einheitlichen Figuren verdichten wollen, fließend ineinander übergehen, sich im Raum verlieren und doch irgendwie den anderen hingeben, um sich dann wieder zurück zu ziehen, stehen Dramaturgie und Regie vor der Aufgabe, aus dem scheinbaren Nichts schöpfen zu müssen. Es gibt nur den Text, alles ist Sprache. Weshalb also nicht einen Weltzugang wählen, der ausschließlich dialogisch kommuniziert, in sich, und oberflächliche Beschreibungen, Beschreitungen des Umfelds außen vor lässt?
Wer sich Sarah Kane annimmt und auf die Bühne bringen möchte, muss sich zwangsläufig damit auseinandersetzen – und die Textgrundlage doch irgendwie in eine Art Umfeld integrieren. Die Protagonisten sind A, B, C und M. Der Ort, an dem sie sich befinden, ist unbekannt. Und wie weiter? Die Schauspielgruppe “Onkel Hotte and the pink tütüs” stand vor solchen und ähnlichen Fragen, denn Kanes „Gier“ sollte auf die Bühne. Geplant war ursprünglich „was Kleines, was nicht so aufwendig ist.“ Der Stichtag für dieses Unterfangen lag zunächst im Mai dieses Jahres. Beides lief jedoch nicht ganz wie geplant. Aus organisatorischen Gründen rückte zunächst der Termin für die Premiere weiter nach hinten und „die Probenzeit hat viel länger gedauert, als ich vorhergesehen habe“, so Albrecht, während er seinen Blick durch den noch leicht chaotischen Sechseckeckbau schweifen lässt.
Er hat bereits ein wenig Übung mit dieser Art der Textgrundlage. Als erstes Stück inszenierte er „Mein junges idiotisches Herz“ von Anja Hilling. Auf Regieanweisungen wird auch hier verzichtet. „Gier“ besitzt im Gegensatz dazu jedoch „sehr viele schnelle Textpassagen“, die die Koordination der Einsätze und Handlungen aufwendiger gestaltet. Wenn keine Handlungen vorgeben sind, keine Beschreibungen der Charaktere, ist die Arbeit an der Umsetzung „offener für Stimmungen und Atmosphäre.“ Eine Offenheit, die es zu erschließen gilt. „Man kann sich zwar vom Text beeinflussen lassen, aber Handlungen sollten dazu erarbeitet werden, es sollte etwas mit den Körpern passieren.“ Eine Entwicklung, die Zeit beansprucht; es kommt zwar „ganz viel aus dem Bauch, doch ob es funktioniert, entwickelt sich.“ Am Anfang stand die Textarbeit, „die Handlungen wurden erst im Laufe der Zeit dazu angelegt.“
Eine für die Bühne in Form gebrachte Textgrundlage existiert selbstverständlich. Es ist jedoch eher eine „umgekehrte Strichfassung, es ist eher mehr dazu gekommen.“ Um einen Ausgleich der Charaktere zu schaffen, tritt A in seinen Monologen nun kürzer und im Gegenzug erhalten die anderen Stimmen mehr Text, andere Passagen aus anderen Stücken Kanes, die sich gut einfügten. Nicht nur der Text bleibt nah an der Vorlage. Auch die oberflächlich nicht artikulierten Kernthemen, die unausgesprochenen, oftmals mitschwingenden Grundmotive sind aufgegriffen und symbolisch als Teil des Bühnenbildes dargestellt oder in den Handlungsverlauf der Charaktere übersetzt worden. So sind die weißen Kleider der Darsteller letztlich zwar „pragmatisch, weil sie dreckig werden.“ Doch eingebunden in den dramaturgischen Verlauf übernehmen sie zusätzliche Funktionen, dort „wo der Körper eine wichtigere Rolle spielt.“
Während die Sprache die Körper der Stimmen bewegt, die Körper gleichzeitig in Sprache aufgehen, zieht die Inszenierung den Zuschauer in ihre Welt. Vier Darsteller, die in der Mitte des Sechseckbaus agieren, die bloß sich selbst und einen Garten als Anhaltspunkt besitzen. Vier Körper, die sich näher kommen und abstoßen, die sich bewusst abschotten und doch akzeptiert werden wollen. Vier Stimmen, die beständig aus sich herausgehen, die Grenzen überschreiten und doch den Eindruck von Beständigkeit erwecken wollen. Das unschuldige Weiß wird sich verlieren, die Stimmen werden zueinander finden, vielleicht aber auch nicht – zumindest ihre Körper werden für kurze Zeit im harmonischen Schlammbad vereint sein, wenn der Garten geflutet wird. „Eine Art von Wahrheit oder Wahrhaftigkeit“ ist es, die die Schauspielgruppe definieren will.
Der Text Kanes wirft zunächst Rätsel auf, Lücken werden sichtbar, die es zu füllen gilt. Doch „Onkel Hotte and the pink tütüs“ haben eine gut durchdachte Inszenierung auf die Beine gestellt. Jedes Detail hat seine Funktion, alles seinen Platz und nichts wirkt, als sei es lediglich auf der Bühne, um Eindruck zu schinden. Die zunächst nicht geplante und ebenso ungewollte Verzögerung hat ihr Gutes. Das Stück ist rund, durch und durch. „Was hier auf der Bühne passiert, damit bin ich echt zufrieden und mittlerweile beruhigt“, sagt Albrecht mit einem Lächeln. So kurz vor der Premiere bleiben nur noch Kleinigkeiten zu regeln: „Sicherheitsgeschichten, Stolperfallen beseitigen, sauber machen.“
most_commented_widget-3