Was ist eigentlich ein Sommerhit? Der Versuch einer Definition von Imke Schröder Ein Sommerhit hat meistens die flüchtige Lebensdauer einer Eintagsfliege… Songs wie „Macarena“, „Las Ketchup Song“, „Follow me“ und „All Summer long“ haben nämlich den Effekt, dass sie einem spätestens am ersten Tag nach dem Sommer furchtbar auf die Nerven gehen. Das resultiert meist [...]
Was ist eigentlich ein Sommerhit? Der Versuch einer Definition
von Imke Schröder
Ein Sommerhit hat meistens die flüchtige Lebensdauer einer Eintagsfliege… Songs wie „Macarena“, „Las Ketchup Song“, „Follow me“ und „All Summer long“ haben nämlich den Effekt, dass sie einem spätestens am ersten Tag nach dem Sommer furchtbar auf die Nerven gehen. Das resultiert meist aus dem a) gezwungenen Überkonsum eines Sommerhits – man kann ihm einfach nicht entkommen – und b) der Kombination aus meist endlos peinlichen, grotesk akrobatischen Tanzkombinationen, die man leider sein Leben lang nicht vergessen wird.
Ein gelungener Sommerhit ist meist relativ einfach gemacht: Man nehme das Wort „Sommer“ in mehrfacher Ausführung und gestalte den kompletten Text nicht viel anspruchsvoller, damit er auch betrunken noch fröhlich-frei intoniert werden kann. In Deutschland scheint dazu ein hohes Maß an „spanischer“ Musik auch ein hohes Maß an Hitpotential zu versprechen. Wie wäre sonst der Erfolg von „Macarena“ und der Band Marquess zu erklären, die das ganze Jahr nichts anderes als Sommerhits produzieren. Die, wenn auch in gebrochenem Spanisch, da es keinen einzigen Spanier in der Band gibt, echte Hits wie „Vayamos Compañeros“ produziert.
Bezeichnend ist leider – oder Gott sei Dank – auch das sofortige Verschwinden der Sänger in die musikalische Unbedeutsamkeit, sobald das erste Blatt vom Baum fällt. Höchstens das Erwähnen in einer Sendung zum Jahresüberblick, einer Sendung mit Oliver Geissen oder einer Sendung mit Hugo Egon Balder kann man noch unter Erfolg verbuchen, und versuchen die nächsten zwanzig Jahre mit dem einzigen Hit den Unterhalt zu bestreiten.
Einen Sommer lang dagegen wird einem geradezu unfassbarer Ruhm ausschließlich in Kombination mit einem einzigartigen Partytanz zuteil. Dieser muss ein hohes Maß an Aktivität der Beine, Arme und sonstiger Extremitäten aufweisen. Im Idealfall sogar alles gleichzeitig. Ein solcher Tanz ist ausschließlich im Kollektiv tanzbar. Als Fixpunkt ist festzumachen, dass die Arme unbedingt ausgestreckt werden müssen. Ob sie dann übereinander gewedelt werden („Las Ketchup Song“), die Handflächen sich nach oben drehen („Macarena“) oder seitlich ausgestreckt wie zu einem tanzenden Flugzeug („Fliegersong“). Und die Beinarbeit ist dabei nicht zu vernachlässigen. Leicht gebeugte Knie, um eventuellen Sprüngen und Wacklern vorzubeugen, sind unerlässlich. Auch um das Verletzungsrisiko erheblich zu mindern.
Aus der Erfahrung heraus werden Sommerhits nämlich oft von einer Baleareninsel nach Deutschland importiert. Wo normalerweise Urlauber, deren kulturelles Interesse mit der morgendlichen Lektüre eines einschlägigen Boulevardblatts vollständig gedeckt wird, zu später Stunde und enthemmt zu allem mitsingen und tanzen, wozu man stark alkoholisiert noch singen und tanzen kann. Auch hilft der Sommerhit, die sonnige Stimmung aus dem Urlaub in den regnerischen, grauen Sommer in Deutschland zu bringen.
Somit hätte für 2009 der Ballermann-Hit „Fliegerlied“ von Tim Toupet eigentlich beste Voraussetzungen: Einfacher Text, mit einfachen, einprägsamen Tanzschritten. Sollte man zur Kieler Woche das Bayernzelt besucht haben, dann wäre anhand der hohen Einspielfrequenz vom „Fliegerlied“ der Sieger des diesjährigen Sommerhits eindeutig ausgefallen. Doch Gott sei Dank hat eine der insolventen Isländerinnen sich aufgemacht, Deutschland dieses Jahr vor Sommerhits à la Ballermann zu verschonen und wieder Geld in die Kassen zu spülen. Emiliana Torrini singt sich mit „Jungle Drum“ auf Platz eins der Single Charts in Deutschland und Österreich, und ist auch schon unter den TopTwenty in der Schweiz. Erstmalig wurde „Jungle Drum“ während des Dessous-Laufes im diesjährigen Finale der Serie “Germanys next Topmodel” gezeigt. Und all jene, deren Interesse an Brüsten und nackter Haut schon gestillt war, begannen auf den Song zu hören und machten ihn zum Sommerhit 2009. Dabei existiert weder ein Partytanz (außer man rechnet den Dessous- Lauf dazu) noch ist es spanisch, und die gesungen Trommelpassagen sind auch zum Nachsingen zu kompliziert.
Aber vielleicht gelüstete es dem deutschsprachigen Raum, nach Songs wie „Dragostea din tei“, oder „Mambo No 5“ einen Sommer mal nach kühler, nordischer Musik, die die Gemüter im Anbetracht der Weltwirtschaftskrise eine Art Neuanfang verspricht und mit alten Traditionen brechen lässt. Und wer könnte den Sommerhit zur Weltwirtschaftskrise besser schreiben als eine Isländerin?
most_commented_widget-3