In Städten auf der ganzen Welt ziehen die Menschen auf die Straße. Sie fordern Neuwahlen für ein Land, dessen Bevölkerung das erste Mal seit langem wieder seine eigene Stimme erhebt. Nach der Wiederwahl Ahmadinedschads sind den Protesten trotz Verboten kaum einhalt zu gebieten. Exil-Iraner in Kiel schildern im ALBRECHT ihre Gedanken und Gefühle zu ihrem Heimatand.
Kieler Exil-Iraner sprechen über ihr Land, die Proteste und ihre eigene Rolle
von Kristiana Ludwig, Zahra Hasson, Cornelia Helmcke und Mounira Ghribi

Demonstranten vor der Uni Kiel - Foto CH
Nami liest seit einigen Wochen gerne Zeitung. Was dort steht, was er im Radio und im Fernsehen hört, hat einen Klang bekommen, auf den er lange gewartet hat. „Was haben Sie gedacht?“, fragt er und meint die Zeit vor den Demonstrationen von Millionen Iranern im Juni dieses Jahres. Vor den Wahlen. Er ist immer wieder auf Klischees gestoßen, sein Land sei rückständig, voller religiöser Fanatiker, vertreten durch einen Mann, der nicht nur gefährlich, sondern auch peinlich ist. Bilder, die so gar nicht zu dem passen, wie er die iranische Gesellschaft wahrnimmt. Sie sei modern, sagt er, das sei unter anderem daran erkennbar, dass kaum eine Iranerin im Ausland ein Kopftuch trage. Und es habe eine Opposition im Land gegeben, schon immer.
Er lehnt sich nach vorne, wenn er über Politik spricht und über Geschichte. Den Kalten Krieg, China, Nordkorea. Er sucht nach Vergleichen und Beispielen, möchte erklären, was das Land ausmacht, das er vor sechs Jahren verlassen hat. Nami ist groß und schmal, er sitzt entspannt an einem kleinen Küchentisch, die Beine lang ausgestreckt und gekreuzt. Er stützt seinen Ellenbogen auf die Tischkante, vor ihm steht eine kleine Tasse mit Tee. Sein Oberlippenbart ist bereits ein wenig ergraut.
Als er begann, Tiermedizin in Teheran zu studieren, wurde der Iran noch vom Schah regiert, einem Diktator, sagt Nami. Er wurde politisch – links, demokratisch und unterstützte zwei Jahre später die islamische Revolution. Seitdem kämpft er gegen die Mullahs. Das Problem war nicht verschwunden, auch unter den neuen religiösen Machthabern fehlten Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Der politische Wechsel sei der Protestbewegung aus der Hand geglitten, sagt er. Dass Nami, der heute 49 ist, damals aktiv war, habe ihn zuerst sein Studium gekostet und dann seine Freiheit.
Ali Mohseni studiert in Kiel Agrarwissenschaften. Vor zweieinhalb Jahren verließ er den Iran, um im Ausland seine Freiheit zu finden. Es geht dem 27-Jährigen nicht um Alkohol oder Diskotheken, Dinge, die, wie er sagt, sonst in islamischen Ländern frei genannt werden, sondern um Meinung. Als nach der Wahl die Proteste begannen, wäre er gerne dort gewesen, er wollte handeln. Er gab wie viele andere über das Internet Informationen weiter, half, Datum und Uhrzeit der Demonstrationen abzusprechen und wurde Teil eines Netzwerkes. „Ich wollte etwas unternehmen, meine Freunde und ich wollten alle eine Rolle spielen“, sagt er, „nun bin ich glücklich.“
Für Mohseni war die Wahl inszeniert wie ein Hollywoodfilm. Die Demonstrationen seien für die Regierung ein Schock gewesen. Die „Marionette“ der religiösen Führer, Mahmud Ahmadinedschad, sollte legitimiert werden, doch jetzt nützen die Ereignisse dem Volk selbst: „Das Beste an den Wahlfolgen ist, dass die Welt gesehen hat, dass wir gegen unsere Politik sind, gegen unseren Präsidenten und seine Meinung wie der Rest der Welt“. An eine Veränderung glaubt er allerdings nicht. Präsidentschaftskandidat Hossein Mussawi sei zwar das kleinere Übel – Sinn der Wahlen sei es eher, Bestehendes abzuwählen als populäre Politiker ins Amt zu heben – eine Lösung seien aber nur Neuwahlen unter „Weltkontrolle“. Vorausgesetzt, die Welt würde den Iran anschließend wieder in Ruhe lassen, sagt Mohseni. Anders als den Irak.
Auch Samir (Name geändert) ist Student, er verfolgt die Geschehnisse in seinem Heimatland, seit er in Deutschland lebt. So auch „die Wahlen“. Er grinst und formt mit seinen Händen Anführungszeichen. Für ihn sei es absehbar gewesen, dass nicht die Stimme des Volkes zählen wird, sondern das, was hinter den Kulissen vereinbart wurde. Gleichzeitig mache es für ihn keinen Unterschied, ob nun Ahmadinedschad oder Mussawi Präsident der Islamischen Republik Iran ist. „Das ist, als solle man zwischen Cholera und Pest wählen.“ Es sei aus der Rede des geistlichen Führers schon zu erkennen gewesen, dass dieser Ahmadinedschad bevorzuge. „Doch die Protestwellen haben mich überrascht“, sagt der junge Iraner. Nur auf längere Sicht könnten Demonstrationen außerhalb des Systems etwas bewirken, er wünscht sich einen Umsturz: „Dieses System bringt nichts!“ Wenn Samir mit seiner Familie im Iran telefoniert, ist die aktuelle Lage nur selten ein Thema. Alle Telefone würden abgehört, alles müsse indirekt bleiben.
„Alles wird gesperrt“, sagt Nami, Internet und Telefon, besonders vor Tagen wie dem 8. Juli, dem zehnten Jahrestag der Studentenunruhen in Teheran, die 1999 blutig niedergeschlagen wurden. Doch „die Jungs finden ihre Wege“, Demonstrationen zu planen. Er spricht über Wirtschaft, Irans Außenbeziehungen und seine Abhängigkeit von internationaler Kommunikation. Die Jungs seien kreativ, sagt Nami, die Jungs, die lange im Untergrund agierten und die Lage ändern wollten, die heute, gemeinsam mit Menschen aus allen Generationen auf der Straße stehen und verstanden haben: Zusammen können wir viel erreichen, das Regime ist zwar brutal, aber nicht stark genug. Es sind seine Jungs.
Sechs Monate vor der islamischen Revolution, als Nami wegen seiner politischen Aktivitäten der Universität verwiesen worden war, habe er das Land verlassen wollen und sei festgenommen worden. Für einige Jahre habe er im Gefängnis gesessen, erzählt er, und als er entlassen wurde, hatte sich das Land verändert. Die Mullahs beherrschten die Lage, die Situation hatte sich beruhigt und die Opposition wurde nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen. Nami durfte sein Studium wieder aufnehmen, wurde Tierarzt und zog in eine kleinere Stadt.
Außerhalb der großen Städte, sagt Nami, sei es heute gefährlich, zu demonstrieren. Zu schnell könne der Einzelne dort erkannt werden. So funktioniere Diktatur: Mit allen Mitteln. Die Menschen haben viel Mut, sagt Nami oft, auch diejenigen, die von zu Hause aus die aktuellen Proteste unterstützen. Doch auch für deutsche Exil-Iraner, die sich scheuen, politische Aussagen zu machen, habe er Verständnis. Einige seien auf Kosten des Staates hier, sie seien ängstlich, denn wer Dinge öffentlich mache, könne Probleme bekommen: „Ich meine Gewalt.“ Er nimmt seinen Arm vom Tisch und hebt seine Faust in die Luft. Das Risiko sei da, es gehe der Regierung um Abschreckung.
„Man darf keine Angst zeigen“, sagt Maral Pourkzemi. Sie ist 22 und studiert Kommunikationsdesign in Kiel. Sie schrieb Pressemitteilungen für Demonstrationen in Hamburg, selbst ist sie in Deutschland geboren, doch sie hat noch Familie im Iran. Pourkzemi hatte über Twitter Kontakt mit Iranern in der letzten Zeit. Von ihnen hört sie jetzt nichts mehr. „Viele wurden verhaftet“, vermutet sie.
Puya, 28, ist ebenfalls in Deutschland geboren, er studiert in Hamburg. Mit seinem Bruder möchte er ein Lied schreiben, auch wenn ihm das eine Rückreise in den Iran erschweren könnte. Mit seinem vollen Namen ist er vorsichtiger: „Man hört von Leuten, die am Flughafen abgefangen werden und ins Gefängnis kommen“, sagt er. Doch ohne Öffentlichkeit gehe es nicht. „Ich habe Bammel, dass es wieder zehn Jahre dauert, bis sich jemand erhebt. Deshalb müssen wir im Ausland mit unterstützen.“
„Alle Welt soll glauben, dass die Wahlen manipuliert wurden“, sagt Haschem (Name geändert). Auch er ist Mitte 20, Iraner, Student, doch er möchte sich noch nicht äußern. Die Ereignisse seien zu frisch, um durchdachte Aussagen zu machen. „Das ist ein Spiel“, sagt er. Wären die Ergebnisse wirklich gefälscht gewesen, hätte sich US-Präsident Barack Obama mehr eingemischt. Unabhängig von seiner persönlichen Meinung zu Ahmadinedschad vermute er, dass die aktuellen Proteste auf die Initiative der Medien zurückgingen. Erst in zwei Monaten möchte Haschem Stellung beziehen, zu früh sei diese Debatte sinnlos.
Namis Frau lehnt an der Küchenzeile und isst Hanuta. Sie hat lange dunkle Haare, trägt Jeans, weiße Sandalen und eine helle Bluse. Sie ist ihm mit den Kindern nach Deutschland gefolgt, elf Monate später. Im Iran hat sie in einer Bank gearbeitet, „ein guter Job“, sagt sie. Jetzt kassiert sie in einem Kaufhaus. „Arbeit ist Arbeit“, sagt Nami. Sie sei zufrieden, auch wenn sie ihre Freunde vermisse. Gerade war sie bei einer Demonstration in Hamburg und es sei ein tolles Gefühl für sie gewesen, so offen ihre Meinung sagen zu dürfen, erinnert sie sich. Aber eigentlich wäre sie jetzt lieber in Teheran: „Man denkt zur Zeit: Alle können eine kleine Hilfe sein.“
Nami sagt einen Satz auf Farsi, eine iranische Parole, dann übersetzt er: „Keine Angst, wir sind zusammen.“
most_commented_widget-3