Ekkehard Klug, 53, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag und Mitglied des Bildungsausschusses, hält den Bachelor für das größte bildungspolitische Desaster der Nachkriegszeit und Studiengebühren für ausgeschlossen Das Gespräch führte René Marquardt. DER ALBRECHT: Herr Klug, Sie als Privatdozent der CAU und Mitglied des Bildungsausschusses im Schleswig-Holsteinischen Landtag kennen das Studiensystem. Was sagen Sie [...]
Ekkehard Klug, 53, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion im schleswig-holsteinischen Landtag und Mitglied des Bildungsausschusses, hält den Bachelor für das größte bildungspolitische Desaster der Nachkriegszeit und Studiengebühren für ausgeschlossen

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Das Gespräch führte René Marquardt.
DER ALBRECHT: Herr Klug, Sie als Privatdozent der CAU und Mitglied des Bildungsausschusses im Schleswig-Holsteinischen Landtag kennen das Studiensystem. Was sagen Sie zum Bologna-Prozess. Ist die Reform geglückt?
Ekkehard Klug: Ich halte sie nicht für geglückt. Sie ist das größte bildungspolitische Desaster, das wir seit der Nachkriegszeit in Deutschland angerichtet haben. All das, was man sich erhofft hat, ist nicht eingetreten. Es hat weder dazu beigetragen, eine größere Mobilität der Studierenden zu erreichen. Im Gegenteil, statt eines europäischen Hochschulraumes sind de facto um die einzelne Hochschulen herum eingezäunte Kleingärten entstanden. Wegen inkompatibler Bachelor/Master-Konzepte ist oft schon der Wechsel von einer Hochschule zur anderen schwierig. Die Studienabbrecherquoten sind in der Tendenz auch nicht gesenkt worden. Es gibt sogar Beispiele dafür, dass die Quoten steigen.
Woran liegt das?
Das hängt mit der Arbeitsbelastung zusammen, neudeutsch „workload“, die oft zu hoch ist. Man hat in die sechs Bachelor-Semester viel hereingepackt. Die ganz wesentliche Frage der Zukunft wird sein, ob wir tatsächlich über dieses Modell die Jungakademiker aus den Hochschulen hervor bringen, die wir brauchen. Oder ob wir nicht sogar Sackgassen auf dem Arbeitsmarkt haben werden für diejenigen, die nach einem Bachelor-Abschluss keine Möglichkeit haben, in einen Master-Studiengang zu kommen. Wegen der Aufnahmehürden bei der Einschreibung oder mangels Kapazitäten an den Hochschulen.
Was kann denn ein Bachelor-Absolvent in Deutschland mit seinem Abschluss anfangen?
Die Grundannahme, dass die Bachelor-Abschlüsse berufsqualifizierend seien, kann man in vielen Fächern nicht für bare Münze nehmen. Das entspricht nicht der Realität. Das Problem ist, dass Konzepte aus anderen Ländern mit völlig anders gelagerten Arbeitsmarktbedingungen einfach auf Deutschland übertragen wurden. Als ich mit dem Bildungsausschuss des Landtages in England an der Uni in Bristol war, fragte ich bei einer Dekanin nach, was ein Bachelor of Arts Absolvent in Literaturwissenschaften dort nach der Uni macht. Die Antwort war, dass dieser zum Beispiel in ein großes Kaufhaus geht, dort eine zweijährige Trainee-Ausbildung macht und später Personalmanager wird. Solche Übergänge in ein Berufssystem wird es in Deutschland nicht geben, weil wir für solche Tätigkeiten ganz anders gelagerte Spezialausbildungen haben.
Ein Problem vor allem für Lehramts-Bachelor…
Das ist die klassische Sackgasse auf dem Arbeitsmarkt. Ich finde ein Lehramtsstudium in einem Rutsch viel sinnvoller, in dem die verschiedenen Elemente des Studiums viel besser verzahnt werden können. Es wird noch sehr viel Sand im Getriebe der Bologna-Reform geben. Das Vorbild des grundständigen Masters ist in vielen Fächern durchaus eine sinnvolle Alternative zum konsekutiven Modell. Das ist sogar ressourcensparend. Wenn alle Bachelor-Absolventen Masterstudiengänge nachfragen, ist die Kombination Bachelor und Master mit einem wesentlich höheren Personalaufwand verbunden als es ein grundständiger Master wäre. Man könnte das dann ja auch Diplom nennen. Warum wurden bewährte Abschlüsse wie das Diplom einfach so über Bord geworfen?
Wie lautet ihr Gesamtfazit?
Ich denke, dass bei dieser Studienstrukturreform unheimlich viel schief gelaufen ist. Das wird uns in der Hochschulpolitik noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Man kann nur die Studenten-Generation bedauern, die als Versuchskaninchen als erste in diesen Studiengängen sind und unter vielen Fehlern zu leiden haben, die dabei entstanden sind. Deshalb muss man von der Hochschulpolitik auch fordern, dass man im Interesse dieser Studenten so gut wie möglich vernünftige Nachbesserungen durchführt und aus Fehlern lernt.
Was sind hierbei die Konzepte der FDP? Im Wahlprogramm heißt es, dass Sie die Hochschulen stärken wollen. Was verstehen Sie darunter?
Man kann das neue Studiensystem durch Überarbeitung studierbarer machen. Zum Beispiel dadurch, dass das Prüfungssystem insgesamt verbessert wird, so dass die Häufung von Belastungen durch parallel anfallende Prüfungen wegfällt. Generell müssen wir den Hochschulen größere Gestaltungsspielräume geben. Die Hochschulen müssen vom Gängelband der Ministerialbürokratie befreit werden. Das Akkreditierungsverfahren ist kompletter Murks und sollte abgeschafft werden. Allerdings ist das ein bundesweites Thema. In diesem Sinne würde ich mich in Zukunft gerne auf Bundesebene engagieren. Es muss verhindert werden, dass auf Dauer eine Akkreditierungsbürokratie entsteht, die viel Geld kostet und die Hochschulen nur behindert. Weitere Freiräume müssen geschaffen werden wie beispielsweise die Flexibilisierung des Haushaltsrechts. Das starre Korsett eines Stellenplans darf nicht weiter Bewegungsspielräume der Hochschulen bei der Ausgestaltung ihres Globalbudgets einschränken.
Wie hält es die FDP Schleswig-Holstein mit den Studiengebühren?
Wir haben uns Ende März 2009 auf einem Landesparteitag gegen Studiengebühren ausgesprochen. Die alte Beschlusslage war, dass wir nachgelagerte Studiengebühren fordern. Nach der Auswertung der Erfahrungen in anderen Bundesländern sind wir allerdings zu dem Ergebnis gekommen, dass die Einführung von Studiengebühren ein falscher Weg wäre. Diese würden den Zugang zum Studium doch erheblich erschweren. Die Erwartung, die man mit Studiengebühren verknüpft hat, nämlich die Erschließung zusätzlicher Mittel für die Hochschulen, ist auf vielfältige Weise nicht in der Praxis eingelöst worden. Und nachgelagerte Studiengebühren erfordern einen relativ hohen Aufwand und bringen den Hochschulen daher nur einen relativ niedrigen Nutzen. Dies hat uns zu dem Kurswechsel veranlasst. Studiengebühren erbringen nicht das, was man sich erhofft hat und schaffen auf der anderen Seite Hürden, die zumindest einen Teil der Studienwilligen abschrecken, erst recht in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit.
Mit Ihnen an der Regierung wird es also definitiv keine Studiengebühren geben?
Ja, so ist es. Unser Beschluss vom März hat auch die Union dazu veranlasst, ihre Position zu überdenken. Sie können sich darauf verlassen. Studiengebühren werden in Schleswig-Holstein nicht eingeführt.
Letzte Frage: Wenn es für Schwarz-Gelb nicht reicht. Können Sie sich andere Koalitionen vorstellen?
Ich sehe anders als in den Ländern Saarland und Thüringen in Schleswig-Holstein eine sehr realistische Perspektive für eine Mehrheit von FDP und der Union. Ähnlich wie es ja auch in Sachsen geklappt hat, nur dass wir sogar noch etwas stärker werden im Verhältnis zu unseren sächsischen Parteifreunden. Wenn das dann wider Erwarten nicht klappen sollte, muss man sich natürlich über andere Mehrheiten Gedanken machen. Da ist aus meiner Sicht in einem Mehrparteiensystem die Bereitschaft, neue Konstellationen auszuloten, erforderlich. Wir haben aber deutlich gemacht, dass wir keine Chance dafür sehen, einen SPD-Ministerpräsidenten Stegner zu wählen. Die Unterschiede sind inhaltlich und personell so groß, dass für eine Ampel überhaupt keine Chance besteht. Und dass die Linkspartei für die FDP kein Koalitionspartner sein kann, bedarf wohl keiner näheren Begründung. Das würde inhaltlich überhaupt nicht zusammen passen.
Wir danken Ihnen für das Gespräch.
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