"Langfristig wird über Gebühren gesprochen" – Interview mit Jörn Biel

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Datum: 16.9.09

Kategorie: Gesellschaft

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Jörn Biel (CDU), 60, amtierender Wirtschafts- und Wissenschaftsminister in Schleswig-Holstein, über die Gerechtigkeitsfrage der Studiengebühren und Konkurrenzdruck, der Hochschulen helfen soll Das Gespräch führte Kristiana Ludwig. DER ALBRECHT: Herr Biel, was denken Sie: Wie ist die Bachelor/Master-Umstellung gelaufen? Jörn Biel: Sehr unterschiedlich. Die Fachhochschulen haben relativ schnell damit begonnen, während die Christian-Albrechts-Universität etwas hinterher hinkte. [...]

Jörn Biel (CDU), 60, amtierender Wirtschafts- und Wissenschaftsminister in Schleswig-Holstein, über die Gerechtigkeitsfrage der Studiengebühren und Konkurrenzdruck, der Hochschulen helfen soll

Jörn Biel / Foto: Götz Sommer

Foto: Götz Sommer

Das Gespräch führte Kristiana Ludwig.

DER ALBRECHT: Herr Biel, was denken Sie: Wie ist die Bachelor/Master-Umstellung gelaufen?

Jörn Biel: Sehr unterschiedlich. Die Fachhochschulen haben relativ schnell damit begonnen, während die Christian-Albrechts-Universität etwas hinterher hinkte. Das ist bei dem breiten Angebots-Spektrum aber kein Wunder. Denn die Erfahrungen sind noch zu gering, um endgültige Schlüsse zu ziehen. Allerdings ist eine Befragung der Studierenden nicht so negativ ausgefallen, wie man vielleicht nach so kurzer Zeit hätte vermuten können. Selbstverständlich gibt es immer noch einige Prozesse, die angepasst werden müssen, beispielsweise die Frage, ob wirklich alle Inhalte in einem Bachelor-Studium notwendig sind oder ob die Prüfungsfrequenz anders getaktet werden müsste. Daran arbeiten unsere Universitäten und Kunsthochschulen ebenso intensiv wie die Fachhochschulen.

Sehen Sie von politischer Seite Handlungsbedarf, dort einzugreifen oder Dinge noch in eine andere Richtung zu lenken?

Unser neues Hochschulgesetz verleiht den Hochschulen ein Höchstmaß an Selbständigkeit, so dass die Politik allenfalls beratend eingreifen kann. Alle Fraktionen im Landtag haben gewollt, dass die Hochschulen nicht mehr am Gängelband der Landesregierung hängen. Und ich glaube, das ist auch der richtige Weg: Die Selbstverantwortung. Das ist bisher auch sehr gut gelungen.

Dabei gibt es allerdings von Studentenseite die Bedenken, dass zu viel Verantwortung auf das Präsidium übertragen wird und die studentische Mitbestimmung abnimmt. Wie möchten Sie da ein Gleichgewicht herstellen?

Als wirtschaftlich vorgebildeter Mensch habe ich damit keine Probleme. Das ist wie in einem mittelständischen Unternehmen, wo es auch nur stark reglementierte Mitbestimmungsmöglichkeiten gibt. Allerdings möchte ich daran erinnern, dass die Studierenden eine feste Mitgliedschaft im Senat haben und auch an den Berufungsverfahren beteiligt sind.

Können Sie die Sorge um die alten Bildungsideale beim Bachelor/Master-System nachvollziehen?

Ich teile diese Sorge eigentlich nicht. Mit dem System kommen andere Länder schon sehr lange klar. Deutschland ist dabei eigentlich immer eine Art Sonderweg gegangen, der bei uns natürlich eine lange Tradition hat. Insofern war es schwer, sich von diesem System zu lösen. Das kann ich nachvollziehen. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich versuchen, dass deutsche und ausländische Studierende für ihr Studium ein in etwa vergleichbares System zu Grunde gelegt haben. Damit man vergleichen kann, welche Voraussetzungen für jeden Arbeitssuchenden gelten. Einen entscheidenden Vorteil bringt das Bachelor/Master-System auf jeden Fall: Die Lehre und damit die Qualität des Studiums werden stärker in den Mittelpunkt gerückt, und das ist ein besonders wichtiger Erfolg.

Wobei die Vernetzung bis jetzt noch nicht so gut funktioniert.

Wie gesagt: aller Anfang ist schwer – und hier und da muss man vielleicht noch ein wenig nachhelfen. Ich habe den Eindruck, dass man versucht hat, in die Bachelor-Studiengänge doch recht viel hinein zu packen. Da kommt mir der Austausch noch ein bisschen kurz. Aber das wird sich einspielen, zumal es immer mehr junge Menschen gibt, die unbedingt im Ausland studieren wollen. Schließlich gehören Auslandserfahrung und damit verbunden ein gewisser sprachlicher Hintergrund heute vielfach zum Anforderungsprofil für gute Jobs.

Aber die angepeilte Regelstudienzeit des Bachelors verschiebt sich durch einen Auslandsaufenthalt.

Genau da ist das Problem: Das war in den alten Studiengängen eingeplant, ist heute aber nicht mehr ausreichend der Fall. Da muss noch nachgearbeitet werden.

Die CDU hat sich relativ überraschend von den Studiengebühren abgewendet, nachdem sie immer gesagt hat, dass daran kein Weg vorbei führe, um die Bildung zu verbessern…

Überraschend finde ich das eigentlich nicht, sondern eher pragmatisch, nachdem spürbar wurde, dass sich dafür in der Gesellschaft offenbar keine Mehrheit findet. Das ändert aus meiner Sicht allerdings nichts am grundlegenden Problem, dass nämlich junge Menschen ohne Studium viel früher Steuern zahlen und damit die Kosten für das Studium Anderer mitfinanzieren. Die Friseurin finanziert also die Ausbildung des späteren Managers oder Chefarztes mit. Da frage ich mich schon, ob das gerecht ist. Aber diese Gerechtigkeitsfrage ist in der Gesellschaft, im Moment jedenfalls, nicht mehrheitsfähig.

Aber langfristig hoffen Sie schon, dass noch einmal über die Gebühren gesprochen wird?

Ja. Langfristig wird es sicherlich noch mal zu diesen Diskussionen kommen. Vor allem wegen der erwähnten Gerechtigkeitsfrage.

Haben Sie denn aktuell vor, Hochschulen in Schleswig-Holstein stärker zu finanzieren?

Wir haben Ende letzten Jahres einen großen Schritt getan, indem wir den Hochschulen für die nächsten Jahre knapp vier Prozent mehr Mittel zur Verfügung gestellt haben – obwohl absehbar war, dass sich die Haushaltslage weiter verschlechtern wird. Das ist ein klares Bekenntnis zu den Hochschulen – vom gesamten Landtag. Natürlich kann man immer noch sagen, das ist zu wenig, aber mehr nun einmal im ersten Schritt nicht drin.

Gibt es Punkte, bei denen Sie denken: Da wäre noch eine zusätzliche Finanzierung nötig, da müsste etwas verbessert werden?

Das ist ganz schwer zu sagen. Wir sind schlichtweg in allen Bereichen gefordert und niemand kann heute voraussagen, wie sich welche Studiengänge in Zukunft entwickeln werden. Der Bereich der technischen Bildung ist von hoher Bedeutung, da haben wir zu wenig Interessenten. Außerdem müssen wir daran arbeiten, auch junge Frauen stärker in diese Studiengänge zu bekommen. Die Forschung ist wesentlich weiter. Es gibt viele, die sich um Drittmittel kümmern, das war vorher bei Weitem nicht so. Und wir haben Spitzenforschung, das heißt, in einigen Bereichen Exzellenzcluster. Ich hoffe, dass wir in Zukunft auch noch die CAU mit einem Zukunftskonzept zur Eliteuniversität machen können. Das wäre ein Ziel, das für das Land nicht ganz billig wäre – aber versuchen sollte man es.

Und angenommen, es würde nicht klappen, die Studiengebühren durchzusetzen, woher genau soll denn stattdessen das Geld kommen?

Um es noch mal klar zu sagen: Die Studiengebühren stehen nicht mehr im CDU-Programm und sind damit für die nächsten fünf Jahre vom Tisch. Das fehlende Geld muss also durch Umschichtungen aufgebracht werden. Und wir müssen uns wirklich haargenau überlegen, wo wir was machen und wie wir die immer knapper werdenden Mittel einsetzen. Allerdings besteht quer durch alle Parteien kein Zweifel daran, dass der Bereich Bildung einer ist, in dem wir nicht sparen dürfen.

Das landesweite Semesterticket wurde auch mit dem Land diskutiert. Sehen Sie Chancen, dass das Land Gelder zuschießen kann?

Ich glaube kaum.

Würden Sie sich gerne dafür einsetzen, die Zugangsmöglichkeiten für Masterstudiengänge langfristig zu verbessern?

Auch das ist Sache der Hochschulen selbst, die ja ein starkes Eigeninteresse haben, den wissenschaftlichen Nachwuchs heran zu ziehen und sich über ihn zu profilieren. Und Eigeninteresse ist bekanntlich die stärkste Triebfeder. Wenn Sie staatliche Vorgaben machen, gibt es keine Konkurrenzsituation. Aber wenn das Präsidium selbst entscheiden darf, steht es im Wettbewerb. Das ist hervorragend.

Wobei man auf der anderen Seite sagen könnte: In dem Moment, wo dieser Konkurrenzdruck zum Hauptanliegen wird, werden die Studenten wieder in ihrer freien Bildung beschränkt.

Das glaube ich nicht, denn die Hochschulen werden sich ja nicht nur auf ihr eigenes wissenschaftliches Personal stützen wollen. Das heißt, nur da, wo die Lehre anerkannt gut ist, gehen die Studenten hin. Und das geht in alle Richtungen. Eine wissenschaftlich gute Hochschule, die keine Studenten hat, taugt auch nichts. Und ich gehe davon aus, dass das im Wettbewerb sehr gut gelingen wird.

Also Wettbewerb sorgt dafür, dass sich Alles von alleine regelt?

Sicher nicht alles, aber vieles. Die Schulen merken selbst, ob sie mehr nachgefragt werden. Momentan haben wir zum Beispiel einen größeren Ansturm auf die Fachhochschulen als auf die Universitäten. Das wird sich auf Dauer sicherlich mal wieder umkehren. Zur Zeit haben deren Erfahrungen mit Bachelor/Master bestimmt in der studentischen Community schon ihren Ruf erhalten.

Gibt es eine Sache, die Sie auf jeden Fall durchsetzen möchten, falls die CDU noch mal an die Regierung kommt – die Ihnen persönlich wirklich wichtig ist?

Wie gesagt, mein größter Wunsch wäre, die CAU zur Elite-Uni zu machen. Das würde dem Wissenschaftsstandort Schleswig-Holstein insgesamt viel bringen. Und das könnte auch für die anderen Hochschulen im Land noch ein zusätzlicher Anreiz sein.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.



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