Am 4. Oktober feierte Neele von Müllers Inszenierung “Die 39 Stufen” nach Alfred Hitchcocks Thriller-Klassiker Premiere im Schauspielhaus.
Das Schauspielhaus jagt in der neuen Spielzeit einen Geheimbund
von Boris Rozanski
„Mir war langweilig, ich wollte etwas total belangloses sehen, also ging ich ins Theater.“ So beginnen Richard Hannays Probleme. Eigentlich will er nur einen ruhigen Abend im Varieté verbringen – plötzlich befindet er sich aber im Zentrum eines mörderischen Spionagefalls. Was dem Publikum im Kieler Schauspielhaus während der folgenden zwei Stunden geboten wird, mag zwar belanglos sein, ist aber keinesfalls langweilig: Hannay wird von – wie könnte es anders sein – einer schönen Unbekannten um Hilfe gebeten. Diese entpuppt sich zunächst als Geheimagentin und schließlich, als sie noch in der selben Nacht von ihren Widersachern ermordet auf Hannays Schoß zusammenbricht, als sein Verhängnis. Fortan von der Polizei als vermeintlicher Mörder gejagt, macht sich der unbescholtene Kanadier getrieben von der Absicht, seine Unschuld zu beweisen, auf die Suche nach den mysteriösen “39 Stufen”, einem Geheimbund, den die tote Agentin aufzudecken im Begriff war.
Die selbstironische Umsetzung von Alfred Hitchcocks Klassiker ist nicht unbedingt anspruchsvoll, aber im besten Sinne albern und wird ausgesprochen temporeich von nur vier Darstellern auf die Bühne gebracht. Unterstützt von Janna Wagenbach wirbelt Christian Kämpfer in der Hauptrolle durch Hitchcocks Universum. Dabei trifft er unter anderem auf sexistische Unterwäscheverkäufer, fundamentalistische Bauern oder affektierte Nazis – allesamt verkörpert durch Felix Zimmer und Gerrit Frers, die in einem zeitraffenden Kraftakt das gesamte Panoptikum hitchcockscher Charaktere aufbieten. Am Ende des Premierenabends stehen sowohl dem Ensemble als auch dem laut klatschenden Kieler Publikum die Schweißtropfen auf der Stirn. Dass von Alfred Hitchkocks Erfolgsfilm aus dem Jahr 1935 in der Bühnenfassung von Simon Corble und Nobby Dimon nur das Handlungsgerüst übrigbleibt, stört dabei nicht. Etwas weniger Altherrenwitz hätte zwar nicht geschadet, aber die Darbietung ist sich zu jedem Zeitpunkt ihrer eigenen Absurdität bewusst und verwendet so exzessiv Theatertricks und Filmklischees, dass man schnell die nebensächliche Handlung vergisst und sich ganz in den absurden Kunststücken der Schauspieler verliert, die unter der Regie von Neele von Müller an einem Abend nicht nur bis zu 100 Charaktere, sondern auch gefühlte 50 Schauplätze zum Leben erwecken. Einen geeigneten Rahmen bietet hierfür die Studiobühne des Schauspielhauses, auf der immer wieder große Stücke für die kleine Bühne ihren Raum finden. Dieses Mal baut sich vor dem Publikum eine klassische Guckkastenbühne auf – ebenso wie die des ach so belanglosen Varietés, das Richard Hannay zu Beginn des Stücks besucht. Zurückversetzt in die Theaterwelt des frühen 20. Jahrhunderts werden vor den Augen der Zuschauer alsbald Holzkisten und Malerleitern zweckentfremdet, um Zugabteile, Bahnbrücke oder ganze Landschaften darzustellen. Der Eindruck des gekonnt Improvisierten und Spontanen stellt sich dank der Spielfreude des gesamten Ensembles immer wieder ein, und auch wenn “Die 39 Stufen” kein revolutionäres, schockierendes Theater ist – das Stück unterhält sein Publikum und nichts Anderes soll und will es.
most_commented_widget-3