"Du musst mit der ganzen Seele eine Erektion haben"

Mehr zum Text

von

Datum: 23.10.09

Kategorie: Kultur

Schlagwörter: , , ,

Bilderstrecke

Weiterempfehlen




Der Film „Love Exposure“ von Regisseur Sion Sono ist eines der neueren Juwelen des japanischen Kinos. Das vierstündige Liebesepos erhielt auf der Berlinale 2009 den FIPRESCI-Preis (Kategorie junger Film) und lief im August im Originalton mit Untertiteln in der TraumGmbH. Eine Rezension

Warum “Love Exposure” zu jedem DVD-Ständer gehört

von Johannes Dreibach

Frau mit Hand auf Filmplakat

Frau mit Hand auf Filmplakat

Der Film „Love Exposure“ von Regisseur Sion Sono ist eines der neueren Juwelen des japanischen Kinos. Das vierstündige Liebesepos erhielt auf der Berlinale 2009 den FIPRESCI-Preis (Kategorie junger Film) und lief im August im Originalton mit Untertiteln in der TraumGmbH. In deren Prospekt wurde er als einer der besten Filme des Jahres gefeiert. Ob sie sich damit zu weit aus dem Fenster gelehnt hat?

Dieser Film ist zunächst einmal überhaupt nicht viel. Er handelt von ein paar Personen in einer Großstadt, von komplexen Charakteren in einer noch komplexeren Welt, die droht, durch die Perversionen von Religion, Pornographie, Moral, Sünde, Tradition und Moderne entweder bis ins Mark zu verkleben oder sich eben wie schon oft gesehen mit Freude in den eigenen Freitod zu stürzen. Außerdem erzählt er eine so verrückte wie liebevolle Romanze um die beiden Jugendlichen Yu und Yoko, wie man sie eigentlich nur aus dem asiatischen Raum kennt.

Interessant ist, wie simpel Sono den eigentlichen Kern der Liebesgeschichte belässt und um selbigen ein wahnwitziges Geflecht von bildgewaltigen wie dramaturgischen Leckerbissen serviert, die den Zuschauer direkt am Schlafittchen packen und den Rest der fast vier Stunden Film im Prinzip wie im Fluge vergehen lassen. Wie einer der ganz Großen und dabei rotzfrech wie ein spätentwickelter Theodor-Fontane-Jünger zitiert der Regisseur Popkultur und Trash, spielt aber auch mit dem hochkulturellen Erbe Westeuropas und überhaupt der ganzen Welt. Hier ein bisschen „Ödipus“, dort ein bisschen „Lady Vengeance“. Ob es sich dabei um feinsäuberlich choreographierte (und rar gesäte) Kampfszenen oder Bibelzitate, um die Ausbildung zum perfekten „Unter-die Röcke-der Mädchen“-Photographen oder brutale Körperverstümmelung handelt: Alles ist eins, verbunden durch das Bild, die Kamera, die unablässig nah und intensiv bei den Charakteren ist, unterstützt durch sehr unkonventionelles Licht, das an einer zentralen Stelle schonmal dem Realismus zum Opfer fällt, so dass sich der Zuschauer wie in einem selfmade Homevideo fühlt. Einen dicken Schmatzer und eine hoch und heilig versprochene Fußmassage auch an denjenigen Menschen, der das Casting der Schauspieler vorgenommen hat, deren schauspielerische Leistung für diesen Film über jeden Zweifel erhaben ist.

Pornographie und Bibelzitate - Pressefoto

Pornographie und Bibelzitate - Pressefoto

Wer sich den Spaß nehmen will, liest die Inhaltszusammenfassung auf „Wikipedia“ und riskiert dabei, die besonderen Momente des Films zu verpassen, weil es gerade die Wendungen sind, die dieses fünfaktige Epos auszeichnen. Und die Längen, die möglicherweise nicht genossen werden können, wenn man bereits den nächsten Handlungsschritt der Charaktere erwartet und vergisst, sich in den Aufnahmen zu verlieren. Aufnahmen, die Japan im Allgemeinen und die Welt im Besonderen portraitieren, ohne eine Karikatur derselben zu sein. Jedem mit einem Faible für – nein, einfach jedem sei dieser Film ans Herz gelegt. Also: Ebay/Amazon öffnen, „Love Exposure“ mit vor Freude zitternden Fingern ins Suchfeld tippen und dann so lange F5 drücken, bis der Finger glüht, weil ein Veröffentlichungstermin momentan noch nicht bekannt ist.

„Love Exposure“ ist (selbst-)reflexives, ist innovatives, ist wunderbares, ist erleuchtendes Kino. Mein gesamtes ästhetisches Empfinden hatte eine wunderbare kathartische Erektion.

Und mehr.

Hallelujah!



Sag deine Meinung!