Was passiert, wenn man eine Woche vor der Wahl 700 Politikwissenschaftler in einen Raum steckt? Der DVPW-Kongress in Kiel
Die Prominenz der deutschen Politikwissenschaft traf sich eine Woche vor der Wahl in Kiel
von Carolin Ahrens

Helen Milner von der Princeton University (2. v. links) schätzt die deutsche Politikwissenschaft ein - Foto ca
Rund um das Audimax waren dieser Tage offensichtlich wichtige Personen anzutreffen: Männer und Frauen, die ihre Maßanzüge zur Schau trugen, während ihre Limousinen – vornehmlich deutscher Autobauer – den Christian-Albrechts-Platz in Beschlag nahmen; eine dieser Veranstaltungen, bei der die Uni die Fahnen präsentiert. Initiatorin war die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW), die in der Woche vom 21. bis 25. September in das Audimax eingezogen war, um ihren alle drei Jahre stattfindenden Kongress abzuhalten.
Die DVPW ist eine gemeinnützige Vereinigung mit dem Ziel, Politikwissenschaft in Forschung und Lehre weiter zu entwickeln und deren Anwendung in der Praxis zu steigern. Mitglied werden kann nur, wer ein abgeschlossenes Hochschulstudium und eine wissenschaftliche Publikation nachweisen kann. Der Zutritt zum Kongress war jedoch nicht ausschließlich Mitgliedern der DVPW gestattet. Studenten und Interessierte konnten für rund vierzig Euro eine Eintrittskarte kaufen, um die vielfach in Hausarbeiten zitierten Koryphäen live zu erleben, ihnen Fragen zu stellen oder sich auf einem der abendlichen Empfänge ausführlich mit ihnen zu unterhalten.
Der Kongress findet alle drei Jahre mit einem anderen Thema an einer deutschen Universität statt. Seit den 70er Jahren war er nicht mehr in Norddeutschland, die CAU hatte zum ersten Mal die Ehre, für fünf Tage zum Zentrum des politikwissenschaftlichen Diskurses zu werden. „Wir alle hatten ein klein wenig Sorge, dass viel zu Viele nicht von der guten Gelegenheit Gebrauch machen würden, nach Kiel zu kommen.“ Trotz dieser Bedenken der ehemaligen Vorsitzenden der DVPW, Prof. Suzanne S. Schüttemeyer, waren rund 700 Teilnehmer angemeldet. Nicht nur aus allen Teilen Deutschlands, sondern auch aus der Schweiz, Österreich, Italien, Großbritannien und den USA hatten sich Besucher und Referenten angekündigt.

Jürgen Weber, Heide Simonis und Hans-Peter Bartels (v. links) - Foto ca
Unter der Überschrift: „Politik im Klimawandel. Keine Macht für gerechte Lösungen?“ wurden in Plenen, Sektionen und Arbeitskreisen nationale und globale Auswirkungen des Klimawandels diskutiert. Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit galten als zentrale Maßstäbe, denn die Zahl der Länder und Generationen, die den Klimawandel hauptsächlich verursacht haben, ist begrenzt – die derer, die mit den Folgen zu kämpfen haben und vor allem noch haben werden, hingegen nicht. 2007, als die Entscheidung für das Thema des Kongresses gefällt wurde, war „Klimakatastrophe“ gerade zum Wort des Jahres gewählt worden und Al Gore bekam zusammen mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) den Friedensnobelpreis. Dieses Thema zwei Jahre nach seinem omnipräsenten Höhepunkt wieder zurück in das Licht der Öffentlichkeit zu rücken, nachdem es größtenteils von der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise verdrängt wurde, gehörte zu den Hauptanliegen der Teilnehmer.
Natürlich wurden eine Woche vor der Bundes- und Landtagswahl auch Themen wie Parteipolitik und Probleme des deutschen Parteiensystems nicht ausgeklammert. Unter anderem vertreten durch Oberbürgermeister Torsten Albig und dem zu diesem Zeitpunkt stellvertretenden Ministerpräsidenten Christian von Boetticher erschien zur Eröffnungsveranstaltung lediglich Kieler Politprominenz. Bundes- und Ministerpräsident hatten abgesagt. Zur Bundestagswahl 2009 fand ein Workshop statt, in dem über die Wahrscheinlichkeit einer Neuauflage der Großen Koalition, die TV-Duelle 2009 und über den Onlinewahlkampf der Parteien referiert und diskutiert wurde.
Im Plenum „Klimawandel im Innern: Wie verändern sich Parteien und Wähler?“ kam das von Medien prophezeite Ende der Volksparteien zur Sprache. Prof. Oscar W. Gabriel von der Uni Stuttgart ist der Meinung, dass die „Diskussion zum Ende der Volksparteien unter Unschärfe leidet.“ Das Plenum und das Publikum waren sich einig, dass generell eine große Diskrepanz zwischen den Diskursen in der Politikwissenschaft und in den Medien herrsche. Prof. Oskar Niedermayer von der FU Berlin nannte Journalisten „beratungsresistent“. Die Leistungen der Eliten würden in den Medien schlecht dargestellt, so die Wissenschaftler in ihrer Debatte. Zudem werde ausschließlich über Nachteile, nicht aber über Verbesserungen berichtet. Überhaupt herrsche eine Mentalität der Übellaunigkeit, “gepaart mit Desinteresse” bei vielen Nichtwählern in Deutschland. Und: Das TV-Duell zwischen Merkel und Steinmeier habe den bisherigen Tiefpunkt des deutschen Journalismus dargestellt.
Am Donnerstagabend wurden Wissenschaftspreise verliehen, unter anderem an Prof. em. Dr. Wilhelm Hennis. Er bekam den Theodor-Eschenburg-Preis für sein Lebenswerk und wurde von einem voll besetzten Hörsaal mit stehenden Ovationen gewürdigt. Der 86-Jährige dankte jenen, die ihn „für diesen Preis ausgewählt haben und denen, die gegrummelt haben ebenfalls.“
Damit ging ein Kongress zu Ende, der zeitweise den Anschein eines großen Klassentreffens erweckte. Der Eine fragte ständig nach, beim Nächsten klingelte auf dem Podium das Handy. Die führenden Köpfe der Politikwissenschaft duzten sich und scherzten miteinander, die Gemeinschaft gab fünf Tage lang ein sehr eingeschworenes Bild ab. Ziel der Klimawandel-Tagung war trotzdem, neue Gedankenanstöße zu bekommen und Perspektiven für die Zukunft. Auch für junge Politikwissenschaftler.
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