Deutschland verfügt über ein ausgeprägtes soziales Netzwerk um die Bürger vor Armut zu bewahren. Dennoch leben viele Menschen am Existenzminimum oder sogar darunter. Welche Ursachen verbergen sich hinter dem Phänomen Obdachlosigkeit und welche Auswege gibt es?
Obdachlosigkeit – Ausweg oder Endstation
von Bianca Maierhofer und Wiebke Krahmer
„Sie stinken. Sie betteln. Sie sind überflüssig.“ So lautet zumindest die weit verbreitete Ansicht vieler Mitbürger, wenn sie tagtäglich ihren obdachlosen Mitmenschen begegnen oder versuchen, ihnen möglichst nicht zu begegnen. Viele wären erleichtert, wenn sie in Ruhe durch die Fußgängerzone schlendern könnten, ohne ständig Ausweichmanöver starten zu müssen, um nicht angeschnorrt zu werden. Nur die wenigsten können Verständnis für diese Lebensweise aufbringen, die so weit weg von ihrer eigenen ist. Womöglich deshalb, weil sie sich nicht vorstellen können so zu leben oder jemals derartig den existenziellen Halt zu verlieren: Ohne festen Wohnsitz, ohne Geld für das Nötigste, in der Kälte, im Regen, im Dreck. Die Vorstellung, aus irgendwelchen unglücklichen Begebenheiten, alles zu verlieren und plötzlich auf die Spenden anderer Menschen angewiesen zu sein, ist schlichtweg ein Alptraum.
Manuela (Name geändert) ist ein plakatives Beispiel, wie schnell so etwas gehen kann. Aus Angst vor ihrem gewalttätigen Ex-Freund, sah sie als einzigen Ausweg, ihre Arbeit zu kündigen und bei einem Bekannten in einer anderen Stadt unter zu kommen. Als ihr Ex-Freund sie jedoch abermals aufgespürt hatte, entschied sie sich weiterzuziehen und auf der Straße zu leben.

Am Rand der Straße, am Rand der Gesellschaft
Manuela ist kein Einzelfall. Die Evangelische Stadtmission Kiel verzeichnete im Jahr 2008 694 wohnungslose Personen, die um Hilfe gebeten haben. Davon waren insgesamt 444 obdachlos. Der Unterschied ist schnell erklärt: Wohnungslos kann im Prinzip jeder werden, sobald er aus irgendeinem Grund keine Wohnung mehr hat und vorübergehend irgendwo anders unterkommt. So erging es auch Frank (Name geändert), der aufgrund hoher Verschuldung alles verlor und zunächst bei Freunden wohnte. Aus eigener Kraft schaffte er den Ausstieg aus der Wohnungslosigkeit. Heute bezieht er Hartz IV und begleicht seine Schulden durch die zusätzliche Arbeit bei dem Straßenmagazin „Hempels“. Obdachlos zu sein hingegen bedeutet, wirklich auf der Straße oder wie es in der Szene heißt „auf Platte“ zu leben.
Doch muss das so sein? Die Kommune ist dazu verpflichtet ist, für Unterbringung zu sorgen. Angesichts dieser Tatsache stellt sich nun die Frage, wie es trotzdem zu einer solchen Obdachlosenrate kommen kann? Statistiken können zwar Aufschluss über zählbare Fakten geben, jedoch verraten sie nichts über die Hintergründe und Zustände, die sich in den Menschen verbergen. Um mehr darüber zu erfahren braucht es jemanden, der mit diesen Menschen eng zusammenarbeitet, jemanden wie Michael Schmitz-Sierck von der Evangelischen Stadtmission Kiel.
Bereits seit 19 ½ Jahren ist er der Leiter der Zentralen Beratungsstelle für alleinstehende wohnungslose Männer (ZBS) der Stadtmission und begleitet mit dem Beratungsteam wohnungslose Männer ab 18 Jahren auf ihrem Weg in einen geregelten Alltag. Im Bereich soziale Integration der Stadtmission ist er für das Sachgebiet ambulante Wohnungslosenhilfe zuständig. Die Beratungsstelle für wohnungslose Männer wird zu zwei Dritteln durch die Stadt Kiel getragen, zusätzlich erhalten sie Zuschüsse vom Land Schleswig-Holstein. Auch in der kommunalen Gemeinschaftsunterkunft „Bodelschwingh-Haus“ hat er nahezu täglich Kontakt mit den Ärmsten unserer Gesellschaft. Das Beratungsteam der ZBS unterstützt sie vor allem bei der Antragsstellung zur Sicherung des Grundbedarfs, stellt den Hilfebedarf fest und berät und betreut sie bis zum Einzug in eine neue Wohnung.
Wie in der Statistik des Diakonischen Werks Schleswig Holsteins von 2007 festgehalten wurde, sind Männer viel häufiger von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen. Der Anteil der Frauen ist tendenziell zwar angestiegen, jedoch sind Frauen eher von Wohnungslosigkeit als von Obdachlosigkeit betroffen, da sie andere Möglichkeiten, wie z.B. Übernachtungsprostitution, haben. Bei Frauen spricht man daher auch oft von einer „verdeckten“ Obdachlosigkeit, da sie die gefährlichen Straßen meiden und dafür in sozialen Einrichtungen oder bei Bekannten unterkommen. Generell äußern sich soziale Probleme bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich.
Auch die Anzahl der jungen Obdachlosen zwischen 18 und 25 Jahren ist in den letzten 20 Jahren tendenziell gestiegen. Eine genaue Zahl lässt sich aber schwer ermitteln, da junge Menschen sich seltener obdachlos melden und eher bei Bekannten unterkommen. Eine Ursache für den Anstieg ist die Mietobergrenze des Sozialamtes, die zur Zeit in Kiel 205 Euro warm beträgt und ein Hindernis bei der Wohnungssuche darstellt. Zudem hat die Stabilität in den Familien in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. Viele Jugendliche aus Pflegefamilien oder Heimen rutschen aufgrund schlechter Schulabschlüsse und mangelnden Rückhalts in die Obdachlosigkeit ab. Sie hangeln sich von Hilfsmaßnahme zu Hilfsmaßnahme und resignieren oftmals im jungen Alter. Herr Schmitz-Sierck weiß: „Die Abhängigkeit von Drogen und Alkohol ist dabei oft schon gegeben.“ Bei jungen Menschen spielt Cannabis eine übergeordnete Rolle, was allerdings nicht heißt, dass sie nicht auch trinken. Neben den Alkoholikern gibt es bei den Älteren eine stabile Substituiertenszene, d.h. Heroinabhängige, die mit staatlicher Hilfe auf Methadon ausweichen. Im Gegensatz zu früher hat die Konzentration auf eine Droge stark nachgelassen.
Trotz des häufigen Auftretens von Suchterkrankungen, weigert Schmitz-Sierck sich Obdachlosigkeit in Verbindung mit Sucht oder Kriminalität zu verallgemeinern: „Wir haben einen großen Anteil an Menschen mit Suchtproblemen, aber die sind nicht zwangsläufig kriminell. Es gibt welche, die betteln und welche, die mit ihrem Geld auskommen. Sicherlich gibt es auch solche, die substituiert werden und ihren Beikonsum über Diebstähle finanzieren. Man kann nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt einen großen Teil mit anderen, zum Beispiel massiven psychischen Problemen. Im Bodelschwingh-Haus gab es einen Fall, in dem ein Mann mit einem Hut aus Alufolie ständig die Steckdosen auseinandergenommen hat. Solche Fälle können erst zwangseingewiesen werden, wenn sie eine akute Gefahr für sich oder andere darstellen.“
Psychische Probleme mögen eine wichtige Ursache für Obdachlosigkeit sein, jedoch kann man keinen prozentualen Anteil angeben. Arbeitslosigkeit, fehlende Ausbildung, der Kindheitsverlauf und Sozialisationshintergründe schaffen erhöhte Risiken. Trennung ist auch ein wichtiger Grund. Aber meistens kommen viele Faktoren zusammen, sodass man keinen einzelnen Auslöser bestimmen kann. Trotz aller Routine fällt es Schmitz-Sierck schwer, mit manchen Situationen umzugehen: „Es ist immer schwierig Menschen zu begleiten, die nicht mehr leben wollen und sich nicht helfen lassen. Solche, die zum Beispiel sehr krank sind und du ihnen dabei zusehen musst, wie sie scheibchenweise verrotten. Manchen werden nach und nach Gliedmaßen amputiert und trotzdem ziehen sie es vor, in ihrem Rollstuhl unter katastrophalen hygienischen Bedingungen und mit offenen Wunden draußen zu leben. Oft weißt du nicht ob sie wiederkommen oder schon verstorben sind.“
Aber wieso verzichten Menschen auf Hilfe in Notsituationen? Wie können sie es vorziehen, auf der Straße zu wohnen? Der Bedarf an Unterkünften kann in Kiel seit den 1990ern eigentlich gedeckt werden, jedoch haben manche in den Einrichtungen Hausverbot, da hier strikte Regeln herrschen, die sie aufgrund einer Sucht oder psychischen Problemen nicht einhalten können. Hinzu kommt, dass die Unterkünfte ein sehr beengtes Miteinander darstellen und viel geklaut wird. Viele fühlen sich dabei einfach nicht wohl. „Wo viele Arme und Suchtkranke aufeinandertreffen, geht es eben nicht wie im Pfadfinderzeltlager zu.“, so Schmitz-Sierck.
Zum Schluss stellt sich noch die Frage, ob es auch Menschen gibt, die sich aus Überzeugung freiwillig für ein Leben auf der Straße entschieden haben, vielleicht auch um gegen das System zu rebellieren. „Über die Freiwilligkeit lässt sich da jedoch streiten. Es ist psychisch viel einfacher irgendwann zu sagen „Ich will nicht mehr“, als sich über Jahre immer wieder zu bemühen und Absagen zu erhalten. Vor zwanzig Jahren waren das ca. zehn Prozent“, erinnert sich Schmitz-Sierck und schmunzelt: „Inzwischen freuen wir uns, wenn mal so einer kommt.“
Aufgrund des Anstiegs der antisozialen bzw. sozialfaschistischen Tendenzen dieser alternativenarmen Gesellschaft im Schatten des Raubtier-Kapitalismus wird die Zukunft wahrscheinlich mehr Obdachlose produzieren. Eine Gesellschaft, die Menschen vorgegebenen Lebenswegen zuschneidern will, anstatt ihre spezifische Individualität von Grund auf zu achten, verursacht eine gewisse Menge zukünftig Obdachloser selbst, auch Solche, denen aus dem Grund fehlender Lebensalternativen diese Lebensweise als einzig freie Wahl übrig bleibt.
Seltsam ist die Situation nicht. In einer Zeit, in der die Bedeutung des Lebenswertes von Menschen darüber definiert wird, ob oder wie viel Geld / Leistung aus ihnen herauszuholen ist, leidet die Erzählung von der Würde besonders unter der sozialen Behinderung, welche in den Köpfen der erlesenen Kreise eingenistet wächst, und durch die Auswirkungen der Realitätsentfernung stets voran getrieben wird.
Wie kann man es vorziehen, sich den ‘Hilfsangeboten’ zu entziehen? Erst mal fragt selten Jemand, ob man wirklich jedem Detail einer wohl gemeinten Hilfe bedarf. Es fragt niemand an, wo individuelle Würde beginnt, oder wo sie endet. Es kann vorkommen, dass individuelle Bedürfnisse nicht einmal berücksichtigt werden. Bedienstete kommen einem teilweise schlecht geschult vor, oder ihnen mangelt an Auseinandersetzung mit Rücksicht und Lebenswirklichkeit in der sozial schwierigen Zone. Selbsterfahrung über einige Jahre wäre der ideale Weg, dies zu lernen. Der Schluss, dass ein Mensch “eben nicht will” sitzt locker in der Hosentasche, man muss ihn nur hervorholen. Hilfsangebote entstreben der Bedeutung des Begriffs, wo Zwang oder Behandlungsformen angewendet werden, welche weder Privatsphäre noch Gesundheitsbedürfnisse respektieren. Nur weil Obdachlose oft lange Zeiten “draußen” leben und hygienisch betrachtet nicht der unnatürlichen Ästhetikvorstellung von 1870 bis ? entsprechen, sind sie nicht automatisch wie Kleinkinder zu behandeln. Genausowenig, wie man automatisch doof ist, nur weil man keinen Schulabschluss hat. Einengungen und Missachtung der Persönlichkeit bzw. Würde und Unverständnis für wirklichkeitsgetreue Lebensumstände sind Gründe, die einen von ‘Hilfe’ lieber Abstand nehmen lassen. Zwangsbeschäftigung und irrealistische Verbote
( beispielsweise für hoffnungslose Alkoholkranke, Komorbiditätsproblematiker oder Tourette ) einer mehr. Für mich war es die Rückständigkeit, Eingeengtheit, Alternativlosigkeit Eures Systems und Verarmung bzw. soziale Erkaltung, die ich in Eurer Gesellschaft, auch in Kiel leider wieder erleb(t)e.
Was nur macht es unmöglich, in Kiel eine größere Container-Anlage zu errichten, bzw. jahrelang leer stehende Häuser, die beheizt werden, für Obdachlose zu öffnen? Ist es das unbedingt notwendige Bier nach Feierabend, die Edel-Prostituierte oder ein möglicherweise zart vergälltes Glas aus der Rothschild-Sammlung, das den Hochwohlgewählten abgehen mag? Auch die Obdachlosen sind Menschen, die von Eurer Wohlstandsgesellschaft ‘entwickelt’ wurden, also benehmt Euch ihnen gegenüber anständig. Das kann schon damit anfangen, indem ihr Kurse im Grüßen belegt…
Im Bodelschwingh-Haus läuft schon Vieles ganz in Ordnung, nur das Rausekeln von Mitarbeitern mit sozialem Weltverständnis solltet Ihr lassen, denn das verschlechtert nicht nur für die Bewohner den Sozialen Quotienten. ( EQ x IQ = SQ² ) Gruß an die Oberindianer ;-)
Es gibt also durchaus Menschen, die sich aus freien Stücken zu einem Leben außerhalb der Ausbeutungsmaschinerie in der Gesellschaft des Forcierens und Drückens entscheiden. Ich bin einer davon.