"Wir haben einfach keine Zeit"

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Datum: 14.12.09

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Ein Performance Umzug

von Nina Ponath und Jenni Belitz

Alle zusammen. Foto jb

Alle zusammen. Foto jb

„Wir, die Muthesianer, nehmen uns die nicht vorhandene Zeit, um unsere Solidarität zum Bildungsstreik zu bekunden. Aber selbst dafür ist keine Zeit! Diejenigen, die sich am Bildungsstreik beteiligen, schaden ihrem eigenen Studium, weil sie einfach keine Zeit dafür haben ihre Situation zu reflektieren, geschweige denn ihre Meinung kund zu geben.“ Es reicht ihnen. Und zwar nicht nur vereinzelten, sondern gleich jedem Zweiten. Etwa zweihundert der rund vierhundert Studenten der Muthesius Kunsthochschule machten sich am 24. 11. auf zu einer Protest-Performance.

Wie das Thema zu Stande kam? Das dürfte nach folgendem Beispiel klar sein:

Kunstlehrer, das muss ein angenehmer Beruf sein. Wegen der wenigen Konkurrenten ist einer der begehrten Referendariatsplätze geradezu sicher, Kinder, die von der Grundschule an „Kunst“ ihr „Lieblingsfach“ nennen, himmeln einen an und während des Studiums bildet Kreativität einen Ausgleich zum lernintensiven Zweitfach. So dachten rund 250 Bewerber, die 2008 in der Hoffnung auf einen der begehrten Studienplätze an der Muthesius Kunsthochschule ihre Mappen einreichten. Aussortiert wurden eine Menge Bewerber während der sogenannten Eignungsprüfung, zu der gerade mal 50 Auserwählte eingeladen wurden. Dass im späteren Studium noch weiter ausgesiebt werden sollte- damit hatte keiner der Studenten gerechnet. Um Kunstlehrer zu werden, reicht es nicht, an der Universität zu studieren. Stattdessen ist die Bewerbung gemeinsam mit Anwärtern für ein Studium der „Freien Kunst“, an der Kunsthochschule Pflicht, wo dann in einer gemeinsamen Klasse der sogenannten „Basisklasse“ weiterhin zusammen studiert wird. Nach dem ersten Jahr des absolvierten Studiums, bewerben sich die Studenten mit den von ihnen erarbeiteten Sachen auf einen Platz in den spezialisierten Klassen (z.B. Bildhauerei, Malerei etc).

Obwohl Kunst-Lehrämtler neben ihrem Kunststudium noch Leistungen in ihrem Zweitfach, theoretische Teile im Studium der Kunstgeschichte, sowie in Pädagogik-Veranstaltungen erbringen müssen, werden an sie die selben Anforderungen wie an die „freien Künstler“ gestellt. Was zur Folge hat, dass für einen Kunst-Lehrämtler mit einem aufwändigen Zweitfach, wie Mathe oder Latein, 40 Stunden an Pflichtveranstaltungen durchaus keine Seltenheit sind. Hinzu kommen die 10 Stunden „freie Arbeit“, in denen eigenständig Projekte erarbeitet werden, die in regelmäßigen Abständen den Dozenten der Kunsthochschule präsentiert werden. Werden die unter Druck angefertigten Prokjekte dann von dem Dozenten auch noch als „Friseursalon-Bilder“ betitelt, oder festgestellt, dass man lieber keinen Fotoapparat in die Hand nehmen sollte, ist der Frust groß. Zumal die Termine für eine Präsentation beliebig gesetzt werden. Wird entschieden, die Präsentation soll stattfinden, wenn XY zeitgleich eine Veranstaltung zur Einführung in die Mathematik/Französische Sprachwissenschaft/oder Soziologie hat, muss letzteres eben geschwänzt werden. Das sollte einem die Kunst schon wert sein – „sonst ist XY hier halt nicht richtig“.

Die Masche wirkt – von den ursprünglich dreizehn Lehrämtlern sind nur noch acht übrig. Drei der Studenten schmissen noch im ersten Semester das Studium um so schnell wie möglich in einen sympathischeren Studiengang zu wechseln. Andere schlugen sich wacker durch das Jahr – zur Belohnung wurden zwei von ihnen nicht in die spezialisierten Klassen übernommen, ein Student überlegt, ob er sich ganz der „freien Kunst“ verschreiben soll , weil er durch den enormen Zeitaufwand, den das Kunststudium fordert, seinem Zweitfach nicht gerecht wird. Eine weitere Hürde für die Lehramt-Studenten könnte die spätere Zulassung zum Master werden: nach dem ersten Jahr Studium haben nur zwei der Studenten die Hürde von 2,5 als Jahresabschluss geschafft – der Rest hat mit seinem Ergebnis von 2,8 bis 4,0 noch einen weiten Weg vor sich.

Spricht man die Korrespondenten der Kunsthochschule mit der Universität auf die Missstände, die eine Aufgliederung des Lehramtstudiums zwischen zwei verschieden Hochschulen mit sich bringt, an, stößt man auf völlige Verwirrtheit. Wie genau so ein Kunst-Studium abläuft, weiß dort keiner. Zeit also, dass die Studenten der Muthesius auf die Probleme aufmerksam machen. Möglich, dass sie durch die Proteste Zeit verlieren, wertvolle Zeit, die ihnen von ihrer 50-Stunden Woche abgeht. Zeit, mit der sie sich die Aufnahme in die weiter führenden Klassen erarbeiten müssen. Magdalena Vollmer, 5. Semester Raumstrategien, B.A., bringt die Lage auf den Punkt: “Arbeitspensum und Regelstudienzeit stehen in keinem Verhältnis zueinander. Sich im Bildungsstreik zu engagieren bedeutet, nachts für die Uniprojekte zu arbeiten.”

Zeit und Raum. Foto jb

Zeit und Raum. Foto jb

Wer am Dienstag eine große Schar beladen mit überdimensionalen Büchern und Uhren über die Holtenauer Straße hat ziehen sehen, konnte sich vielleicht den Kalauer nicht verkneifen. Ticken die noch ganz richtig? Ja, tun sie! Sie haben ihren Lenrstoff mit viel Kreativität geschultert und den Zeitdruck, der ihnen im Nacken sitzt für alle sichtbar gemacht. Sie wollen aufmerksam machen und Solidarität zeigen mit den Besetzern der alten Mensa.

Als der Zug vor dem Gebäude in der Olshausenstraße zum stehen kommt, scheinen die unzähligen Uhren aus Pappe tatsächlich zu ticken. Erst nach einer Minute wird in der Menge ein Bollerwagen sichtbar, auf dem mit einem Player alle möglichen Uhrgeräusche abgespielt werden. Fast kitschig schiebt sich ein Sonnenstrahl durch die dunklen Wolken. Die Besetzer der Mensa haben sich so ihre eigenen Gedanken zum schon länger geplanten Umzug gemacht. Ein roter Teppich wurde gebastelt und ausgerollt, auch wenn er nur kurz ist, die Geste zählt. Symbolisch wird den Muthesianern Raum und Zeit geschenkt, die sich prompt mit einem Transparent bedanken, dass gemeinsam gehisst wird und nun vom ersten Stock der alten Mensa an den Umzug erinnert: „Wäre unsere Uni eine Bank, hättet ihr sie schon längst gerettet. CAU Nordbank.“



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