Zweimal am Tag heißt es im Plenum: diskutieren und mitentscheiden. von Annemarie Schönherr Der Geruch von gekochtem Kohl zieht durch die Gänge der Mensa, wohlgemerkt, der alten Mensa. Der Ort ist gut gewählt, denn mit gefülltem Magen denkt es sich besser. Es geht in den Tagen, die auf die Demonstration von Mittwoch, dem 18. November [...]
Zweimal am Tag heißt es im Plenum: diskutieren und mitentscheiden.
von Annemarie Schönherr

Plenum Foto asw
Der Geruch von gekochtem Kohl zieht durch die Gänge der Mensa, wohlgemerkt, der alten Mensa. Der Ort ist gut gewählt, denn mit gefülltem Magen denkt es sich besser. Es geht in den Tagen, die auf die Demonstration von Mittwoch, dem 18. November folgen, darum, Forderungen und Vorschläge auszuarbeiten, die die Situation der Studierenden verbessern. Um möglichst viel Energie und Kreativität zu bündeln, halten die Studierenden zweimal am Tag Versammlungen ab, auf denen konkret inhaltlich gearbeitet werden soll.
So auch am Montag, den 23. November. Auf der Tagesordnung für die Abendsitzung steht die Liberalisierung der Prüfungsordnung. Damit die Kommunikation unter den Anwesenden reibungslos funktioniert, erklären die Aktiven der Bewegung zunächst einmal die verschiedenen Diskussionsregeln und –zeichen: Begeisterung und Zustimmung zu einem Redebeitrag werden durch Händewedeln gezeigt. Wer sich nicht sicher ist, wie er genau wedeln soll, kann sich an der britischen Queen orientieren, die das Wedeln perfektioniert hat (Queens-Waving). Genervtheit sowie Wiederholungen, werden durch das Auswechsel-Zeichen im Sport deutlich gemacht. Ein drittes wichtiges Zeichen, ist das „Hütchen“. Wie bei dem ‚A’ in dem Lied Y.M.C.A. von Village People werden dabei die Arme über dem Kopf zusammengeführt. Signalisiert wird damit, dass die betreffende Person über besondere Kenntnisse in dem aktuell diskutierten Problem verfügt.
Nach diesem kleinen Warm-up stellen die verschiedenen Aktionskreise ihre neuesten Ergebnisse vor. Aktionskreise gibt es einige: den AK-Putz, den AK-Küche, den AK-Orga, den AK-Presse, den AK-Inhalt und viele mehr. Der jeweilige Aktionskreis, bei dem sich etwas Neues ergeben hat, meldet sich zu Wort. So berichtete in der Abendsitzung vom 25. November ein AK über den Verlauf des Gesprächs mit Universitätspräsident Fouquet: Der Präsident hatte den Vorschlag gemacht, bis zu den Weihnachtsferien einen Ersatzraum für die Alte Mensa anzubieten – die ehemaligen Räume des Uni-Fahrradladens.
Anschließend geht es über zu dem wichtigsten Teil der Versammlung: der AK-Inhalt schreitet nach vorne und gibt einen Einstieg in das Thema der jeweiligen Sitzung. Zusätzlich verteilt er Thesenpapiere, die die Diskussion unterstützen sollen. Am besagten Montag ging es um die Prüfungsordnung der Bachelor- und Masterabschlüsse. Die Diskussion kam zügig in Gange und verschiedene Studierende aus unterschiedlichen Studiengängen berichteten über ihre Erfahrungen, machten Vorschläge und stellten Lösungsversuche anderer Universitäten vor. Die Stimmung war konzentriert und die Anwesenden diskutierten sachlich und konstruktiv. Falls die Emotionen doch einmal hochkochten, ermahnte ein Plakat an der Wand: „Erkenne Bedürfnisse anderer an! Überlege Dir, wie du es sagst, bevor du es sagst!“ Das Plakat holt einen wieder auf den Boden – wie der Kohl. Besprochen wurde unter anderem das Thema ‚Freiversuche’. Dieser Vorschlag fand sowohl Zustimmung als auch heftige Ablehnung, da befürchtet wurde, der Leistungsdruck auf den Einzelnen würde durch die Möglichkeit, eine schlecht bestandene Klausur zu wiederholen, noch stärker. Im Laufe der Diskussion wurde deutlich, dass viele Studierende nicht genau wissen, welche Gremien über welche Kompetenzen im Akkreditierungsprozess verfügen oder wie sie aufgebaut sind. Das gleiche gilt für die Prüfungsordnungen.
Alle Anwesenden, egal ob sie zu den Mensa-Schläfern gehören oder zum ersten Mal beim Plenum sind, können Vorschläge machen und Anträge stellen. Über diese wird zunächst diskutiert, bevor abgestimmt wird. Falls jemandem ein Antrag so schwer im Magen liegt, dass er damit nicht leben kann, gibt es die Möglichkeit ein Veto einzulegen. In diesem Fall ist die nächste Diskussionsrunde eröffnet. Die so gewonnen Ergebnisse und Beschlüsse der Versammlungen werden protokolliert und anschließend vom AK-Inhalt ausgewertet und ausgearbeitet. Ziel ist es, dem Plenum einen ausgearbeiteten Forderungskatalog erneut zur Abstimmung vorzulegen und ihn anschließend weiterzureichen.
Die Rede in der Vergangenheitsform, die Frage, wie es denn früher war, wie viele Hausarbeiten denn geschrieben werden mussten – die Studierenden der uralten Studiengänge mit den Abschlüssen Magister, Diplom und Staatsexamen, beschlich während der Redebeiträge nicht selten das Gefühl, trotz der sichtbaren Anwesenheit eigentlich schon für tot erklärt zu sein. Da tat ein kleiner, frecher Zwischeneinruf „Bäätschis“ den ach so alten Studierenden ganz gut.
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