Wie jedes Jahr trafen im Februar Neonazis und linke AktivistInnen in Dresden aufeinander.
Der jährliche Neonaziaufmarsch wurde verhindert
von Carolin Ahrens
„Ostsee rot für Ostsee weiß! Kann jemand den Bus auf der linken Spur identifizieren?“ Der Funkverkehr zwischen den Bussen, die sich von Nord- und Ostseeküste in Richtung Dresden aufgemacht hatten, wurde in diesem Moment noch aufgeregter als er eh schon die elf Stunden Fahrt bis dahin war. Plötzlich waren aus den 20 Bussen 21 geworden. Am 13. Februar bewegte sich nicht nur eine Buskolonne auf die sächsische Hauptstadt zu. Wie jedes Jahr nutzten Neonazis aus ganz Europa diesen Tag, um ein Schaulaufen zu veranstalten und Präsenz zu zeigen. Dadurch wird nicht nur die Erinnerung an die, laut gerade abgeschlossener Historikerkommission, ca. 25 000 Opfer der Bombenangriffe auf Dresden in den Dreck gezogen, sondern auch 65 Jahre Geschichtsreflexion.
Eine Geschichtsreflexion, die scheinbar nicht überall zu dem Ergebnis kam, dass Deutschland vor allem Täter und nicht Opfer des Zweiten Weltkrieges war. Die Dresdener waren nicht in großen Zahlen unter den Demonstrierenden zu finden, um sich gegen die gewollte Geschichtsrevision und unberechtigte Schuldzuweisung zu wehren. Sie waren auf der anderen Seite der Elbe bei der sehr telegenen Idee einer Menschenkette mit dem Motto „Erinnern und Handeln. Für mein Dresden“. Immerhin. Zehntausend Menschen trauern um die Opfer des Luftangriffs, während etwa die Hälfte an Neonazis gegenüber dem Mahnmal zur Erinnerung an die 130 000 deportierten Dresdener Juden und Jüdinnen steht. Die Relationen dieser Zahlen wiedersprechen jedem gesunden Menschenverstand.
Im Vorfeld wurde den Demonstrierenden sogar das Leben schwer gemacht. Die Staatsanwaltschaft sah sich gezwungen, Beschlagnahmungen und Durchsuchungen gegen das Bündnis „Dresden nazifrei“ anzuordnen. Sie hatten zur Blockade des Naziaufmarsches aufgerufen. Lob gab es auch im Nachhinein seitens der Politik vor allem für die, die sich in die Menschenkette eingereiht hatten. Doch dadurch wurde nicht das wichtige Zeichen gesetzt, dass zum ersten Mal seit zwölf Jahren der Naziaufmarsch komplett vereitelt wurde und damit die Nachricht aus Deutschland in andere Länder geschickt wurde, dass wir keine weiteren Opfer faschistischer Gewalt akzeptieren. 120 Busse kamen aus ganz Deutschland, voll besetzt mit GegnerInnen jeder Art nationalsozialistischen Denkens, um diese Aufgabe zu übernehmen. Dabei stellt sich trotzdem die Frage, wo der Rest war. Der Rest, der nicht sofort dem linken Lager zugeordnet werden kann. Kann daraus geschlossen werden, dass all den Parteien und deren Jugendorganisationen, die nicht auf dieser Demo ausfindig zu machen waren, die Faschisten und Faschistinnen egal sind oder sie diese gar unterstützen?
Sicher nicht. Aber wo waren sie dann? Ist es nicht möglich, für einen Tag gemeinsam mit dem politischen Feind gegen etwas viel abscheulicheres zu kämpfen? Die bürgerliche Mitte und Rechte fehlten, bis auf CDU-Ministerpräsident Tillich, der mit der Dresdener Oberbürgermeisterin händchenhaltend in die Kameras blickte. Es ist nicht einfach zu verstehen, dass es unserem Land etwas bringt, zusammen mit tausenden anderen irgendwelche Kreuzungen zu blockieren, dass gegen Nazis protestiert werden kann, ohne überhaupt nur einen zu Gesicht zu bekommen. Aber wenn es erst verstanden wird, ist es umso schöner. Es braucht keine Gewalt, um den Nazis mal so richtig weh zu tun. Präsenz zeigen ist alles was zählt, möglichst viele unterschiedliche Flaggen an einen Ort bekommen, bunte Flaggen, keine schwarzen.
Dass das Kolonnenfahren, die Codenamen der Busse wie „Ostsee weiß“ und Begleitfahrzeuge, die vor den Bussen auf die Autobahnrastplätze fuhren, um sicher zu stellen, dass sich keine Nazibusse auf den gleichen Plätzen aufhielten, keine maßlose Übertreibung an überflüssigen Sicherheitsvorkehrungen waren, zeigten mehrere überfallene Busse aus dem letzten Jahr und der nicht identifizierbare Bus, der kurz vor Dresden unsere Kolonne überholte und dabei in die Busse hinein filmte, sowie die Kennzeichen fotografierte. Leider ist es sehr unwahrscheinlich, dass Dresden damit dauerhaft von den NationalsozialistInnen verschont bleibt, da PolitikerInnen von DVU und NPD bereits angekündigt haben, die Schmach dieses Jahres nicht auf sich sitzen zu lassen. Das kann nur heißen, dass nächstes Jahr noch mehr NazigegnerInnen aus der Republik und darüber hinaus zusammen kommen müssen.
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