Die Religion der Baha´i ist eine junge und progressive Religion. Sie ist mittlerweile fast in jedem Land zu finden und dennoch weitestgehend unbekannt.
Über die Minderheit der Baha´i in Iran
von Jannik Niestroy
Menschen aus 2100 Völkern aller Erdteile gehören ihr an – der Religion der Baha’i. Dennoch ist sie bisher weitgehend unbekannt. In den erst etwas mehr als 150 Jahren ihrer Geschichte, ist ihre Anhängerzahl jedoch bereits auf mehr als fünf Millionen gestiegen. Ihre Wurzeln liegen in der Schia, einer islamischen Glaubensauslegung, nach der die Imamen in die Fußstapfen Mohammeds als Prophet Gottes traten. Die meisten der Schiiten zählen elf Imamen, die bisher in Erscheinung traten. Der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi, wird als der „verborgene Imam“ bezeichnet. Sobald er sich offenbare, würde er die Führung des Islams übernehmen. Die Baha’i glauben, er habe sich bereits offenbart, 1844 die Ankunft eines neuen Messias vorhergesagt und das Werk Mohammeds, den Islam, für vollendet erklärt. Dieser Messias sei Mirza Husayn Ali Nuri, der später Baha’ulla genannt wurde. Seine Anhänger nennen sich Baha’i.
Sie gehören einer religiösen Minderheit in Iran an, finden sich in der iranischen Verfassung im Gegensatz zum Judentum und Christentum aber nicht als geschützte Minderheit wieder. Sie werden in Iran offiziell nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt, sondern als politischer Verein und in dieser Funktion gelten sie als TerroristInnen. Dabei gibt es kaum eine Religion, die weniger Konfliktpotenzial beinhaltet, als die der Baha’i. In religiösen Zeremonien wird etwa sowohl aus dem Koran, als auch aus der Bibel gelesen, da alle Weltreligionen für die Baha’i nur Ausdruck verschiedener Deutungen ein und desselben Gottes sind. Auch der Kontakt zu anderen Religionen und interreligiöser Austausch ist ausdrücklich erwünscht. Toleranz gehört zu den zentralsten Lehren ihrer Religion. Religiöse Führerschaft wird abgelehnt, da kein Mensch von sich sagen könne, er habe einen besseren Zugang zu Gott als ein anderer. Offizielle Vertreter werden demokratisch gewählt, aber dennoch ist kein Wettkampf um solche Posten erwünscht.
Gleichberechtigung gilt für jeden Menschen, völlig gleich welcher Religion, Hautfarbe oder welchem Geschlecht er angehört. Aber vielleicht sind es gerade diese Eigenschaften, die bei ultraorthodoxen Schiiten, aber auch anderen weniger toleranten Muslimen auf Ablehnung stoßen. Vor allem in Iran, dem Ursprungsland der Baha’i, ist das zu beobachten. Der absolute Anspruch auf Führerschaft Ayatollah Khomeinis gründet sich auf den Islam, den die Baha’i für ein abgeschlossenes Kapitel halten, auf ihm fußt auch die Position Mahmud Ahmedinedschads. Angst um den Verlust der Macht dürfte also einer der Beweggründe für die Repressalien sein, die Baha’i in Iran erleiden müssen. Außerdem gelten sie für viele Muslime als Verräter am Islam, was sie praktisch für vogelfrei erklärt. Baha’i dürfen in Iran keine Ausweisdokumente besitzen, ihnen ist der Zugang zu Universitäten untersagt. Es gibt regelmäßige Berichte über willkürliche Erstürmungen von Gottesdiensten, von Verhaftungen, von Folter.
Baha’i werden enteignet, ihre religiösen Stätten werden zerstört und sie dürfen häufig nicht einmal arbeiten. In der Vergangenheit wurden auch eine Vielzahl gewählter Vertreter der Baha’i hingerichtet. Es ist die offizielle Linie des iranischen Staates, dass Baha’i keine Bürger sind und ihnen somit auch keine Bürgerrechte zustehen. Die 20jährige Soziologie- und Politikstudentin Tara Rahimi, selbst eine Baha’i, sieht in dieser Situation aber keinen grundlegenden religiösen Konflikt. Vielmehr handele es sich um eine Instrumentalisierung von Religion auf die Initiative einzelner Machthaber hin. Der Islam sei ja schließlich genauso ein Werk Gottes. Tara Rahimis Mutter ist in Iran aufgewachsen. Sie floh gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder, erst über die Berge in die Türkei, später wurde ihr politisches Asyl in Dänemark gewährt. Sie floh vor Diskriminierung und dem systematischen Entzug der Lebensgrundlage. Trotzdem bleiben viele andere Baha’i in Iran. Es sei zu teuer und aufwändig zu fliehen, sagen sie. Außerdem ist die Geschichte der Baha’i eine, die schon immer geprägt war von Verfolgung und Gewalt. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum die wichtigsten Kultstätten der Baha’i in Akko und Haifa, im Norden Israels zu finden sind.
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