Elende Helden

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Datum: 13.5.10

Kategorie: Kultur

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Ein Schriftsteller und ein Roman, ein Zeichner und ein Comic. Der renommierte Künstler Baru adaptiert mit “Elende Helden” einen Roman des minder populären Pierre Pelot und erschüttert das Frankreich der achtziger Jahre bis ins Mark.

Die Achtziger – eine Gemeinschaftstoilette mit kaputtem Schloss.

von Janwillem Dubil

Pressefoto

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Wenn in Paris mal wieder die Vorstadt brennt, ist Baru ganz in seinem Element. Schließlich widmet sich der französische Comiczeichner (mit bürgerlichem Namen Hervè Barulea) vornehmlich den sozialen und politischen Missständen seines Heimatlandes. So ließ er Frankreich schon in seinem Werk „Autoroute du soleil” über 400 Seiten in Flammen stehen – entzündet von Fremdenfeindlichkeit und Rassenunruhen. Mit „Elende Helden” hat Baru nun einen Roman des hierzulande unbekannte Schriftstellers Pierre Pelot adaptiert – optimistischer ist sein Tonfall dadurch nicht geworden.

Dieser spielt in einem französischen Dorf der Achtziger Jahre, dessen Mittelpunkt ein Komplex aus Waisenhaus, Psychiatrie und Altersheim darstellt. Um ihn herum platzieren Baru und Pelot ein illustres Panoptikum an Verlierern der Gesellschaft: Den nichtsnutzigen Kleinganoven Nanase beispielsweise, der noch immer bei seiner Mutter wohnt. Diese wird immer, wenn sie auf der Außentoilette im Hof sitzt, von den Schulkindern mit Knallkörpern beschmissen – Nanase weigert sich trotzdem beharrlich, dort ein Schloss anzubringen. Sein Komplize Albert wirkt auch nicht sympathischer. Seine Zeit verbringt er damit, sich in seinem heruntergekommenen Wohnwagen Horrorfilme anzusehen, bis er den Bezug zur Realität verliert. Jose hingegen dürstet es nach Rache für die Misshandlungen, die er während seiner Kindheit im Waisenhaus über sich ergehen lassen musste. Heute hütet seine Freundin Sylvette dort die Kinder. Als sie jedoch in einem unachtsamen Moment eine der Waisen verliert, setzt sie eine dramatische Kette von Ereignissen in Gang, in die auch Nanase und Albert verstrickt werden.

Kaum mehr als 70 Seiten umfasst „Elende Helden”, 70 Seiten jedoch, auf denen es Baru gelingt, nicht nur eine emotional packende Geschichte, sondern auch die Darstellung vielschichtiger Figuren zu komprimieren. Geschuldet ist dies seiner einzigartigen Zeichenkunst: Ein einziges Bild von ihm verrät mehr, als es mehrseitige Beschreibungen könnten. Schon ein Blick in das strahlende Gesicht Sylvettes verrät augenblicklich, dass sie ein Fremdkörper in ihrer trostlosen Umgebung ist, der fast notgedrungen ausgenutzt und verletzt werden muss.

Baru setzt Sylvette als einsamen Farbklecks in eine durch schmutzige Grau- und Brauntöne dominierte Szenerie. Durch diese gedeckten Farben und die Gestaltung der Figuren steht „Elende Helden” aller Tristesse zum Trotz den Illustrationen von Kinderbüchern näher als den gängiger Superheldengeschichten – „No Country for old Men” trifft „Petersson und Findus“. Der Erzählstil ist hingegen ungleich komplexer: Mosaikhaft stellt Baru zunächst die Erlebnisse der einzelnen Figuren gegenüber, bevor er einen Spannungsbogen aufbaut, den er immer wieder jäh unterbricht. Und als er dann letztendlich doch die sprichwörtliche Katze wortwörtlich aus dem Sack lässt, schnürt es einem förmlich die Kehle zu.

Auf der letzten Seite hat sich der Winter über das Dorf gelegt. Die Auswirkungen der Geschehnisse auf Nanase, Albert oder Sylvette lässt Baru offen. Wenigstens hat Nanases Mutter nun ein neues Schloss an ihrer Toilette. In harten Zeiten muss man schon für Kleinigkeiten dankbar sein.

Baru/Pierre Pelot: Elende Helden. Edition 52, Wuppertal 2010. 79 Seiten, Paperback mit Klappbroschur. 18 Euro.



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