KETTENreAKTION – Atomkraft abschalten

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Datum: 13.5.10

Kategorie: Gesellschaft

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120 000 Menschen auf 120 Kilometern fassen sich an den Händen und demonstrieren gegen Atomkraft. Das Ganze nicht in den Achtzigern sondern am 24. April in Norddeutschland. Die Kieler DemonstantInnen reihten sich in Glücksstadt ein.

Tausende demonstrieren in einer Menschenkette gegen Laufzeitverlängerung der AKW

von Annemarie Schönherr

Anti-Atom-Kette in Glücksstadt - Foto: as

Samstag Morgen in Glücksstadt: Die Cafés rund um den Marktplatz sind gefüllt, die GlücksstädterInnen genießen ein zweites Frühstück und lassen sich von den ersten Sonnenstrahlen wärmen. Am Hafen wiegen sich die Segelschiffe im sanften Wind. Es ist ruhig an diesem 24. April. Zwei Mädchen kommen aus der am Marktplatz gelegenen Kirche und singen fröhlich „Danke für diesen schönen Morgen, danke für diesen neuen Tag.“

Gegen elf Uhr trudeln vereinzelt die ersten Grüppchen ein. Langsam kommt Farbe und Bewegung auf den Marktplatz: Die Grünen haben Fahrräder dabei und blasen grüne Luftballons mit roter Anti-Atomsonne auf – die IGM ist auch schon da. Ausgestrahlt.de verkauft gelbe Flaggen, Buttons und Bänder, die in Einsatz kommen, wenn Lücken in der Anti-Atom-Kette auftauchen. Gleichzeitig dient der Verkauf der Finanzierung der Aktion. 120 Kilometer Menschenkette sollen an diesem Tag die Atomkraftwerke Krümmel, Brokdorf und Brunsbüttel verbinden und auf diese Weise gegen die Verlängerung der AKW-Laufzeiten und ein erneutes Hochfahren von Krümmel und Brunsbüttel demonstrieren. Es ist zwei Tage vor dem 24. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe.

Inmitten der grünen Ballons und gelben Fahnen steht Streckenposten Heike Kühl, die seit halb elf unterwegs ist und vom vielen Reden schon einen „Pelz auf der Zunge“ hat. Mit Megaphon und Stöpsel im Ohr steht sie für Fragen bereit und dirigiert die kettenwilligen Norddeutschen gerade Richtung Herrenfeld, denn „da ist es noch ganz ganz dünn.“ Die bunte Menschenmenge setzt sich also in Bewegung „Richtung Sonne.“ Unter ihnen befinden sich Yolanda und Carolin aus Kiel, die sich der Menschenkette anschließen, weil sie gegen Atomkraft demonstrieren wollen: „Es ist ein wichtiges Signal, wenn die Kette funktioniert, weil die NRW Wahlen anstehen und die Kette ein Zeichen dafür ist, dass die Bevölkerung gegen Atomenergie ist. Wir hoffen, dass dementsprechend auch die politischen Entschlüsse ausfallen.“

Mut zur Lücke gehört auch dazu - Foto: as

Der Marktplatz leert sich und Heike hat endlich Zeit etwas zu trinken. Die Ruhe kehrt wieder ein. Ihre Kollegin Kirsten Piatkowske, die am Bahnhof die Ankömmlinge eingewiesen hat, stößt dazu und stellt fest: „Das mittlere Alter, das fehlt.“ Viele Jugendliche, viele junge Familien und Senioren, doch die Vierzig- Fünfzigjährigen sind nicht sehr stark vertreten. Die Sonne brennt, die Kirchenglocken läuten, es ist 14 Uhr und noch eine halbe Stunde bis zum Kettenschluss. „Das läuft sich zurecht. Das muss sich zurecht laufen“, sind sich Heike und Kirsten einig.

„Sieht aus, als wenn Du was zu sagen hättest“, nähert sich ein Teilnehmer und fragt, wo er sich am besten einordnen soll. Im Süden werden noch Leute gebraucht, da sind noch große Lücken. Es ist fast kein Wind mehr zu spüren, eine Trillerpfeife ist zu hören und kling wie ein Vogelruf. Der erste Musiker für die Abschlussveranstaltung beginnt sich einzuspielen.

Dann ist es soweit, die Menschenkette wird geschlossen. An den Stellen, an denen Menschen fehlen, wird tapfer gegen die Lücke gekämpft. Wo Absperrbänder und gelbe Anti-Atom-Bänder nicht ausreichen, kommen Jacken, Schals und Kinderwagen zum Einsatz. Der Ehrgeiz ist geweckt und so zieht sich ein junger Vater bis auf die Hose aus – seine kleine Tochter steht daneben und findet die ganze Aktion vor allem verrückt. Jetzt heißt es, die letzten Minuten noch so weit es geht die Arme ausbreiten und hoffen, dass möglichst viele PolitikerInnen die Aktion verfolgen.

Nach einer halben Stunde löst sich die Kette wieder auf. Angelika Pfeiffer lässt die Hand ihrer Kettennachbarin los und erklärt, warum sie an der Aktion teilnimmt: „Ich habe eine Tochter und ich möchte, dass sie ohne Atommüll weiter ein gesundes Leben führen kann“. Sie hofft, „dass gesehen wird, wie viele Leute sich gegen diese Art der Energiegewinnung wehren.“ In dem Moment radelt eine Glücksstädterin auf dem Fahrrad vorbei. Sie erkennt ihre Bekannte, hält an und erkundigt sich: „Wann wird denn die Kette geschlossen?“

Gut zu wissen

Am 24. April, zwischen 14:30 Uhr und 15:00 Uhr hat eine 120 km lange Menschenkette die Atomkraftwerke Krümmel, Brokdorf und Brunsbüttel verbunden, um gegen Atomenergie zu demonstrieren. Teilgenommen haben laut Veranstalter 120 000 Menschen. Anschließend folgten weitere Kundgebungen und Konzerte.

Die InitiatorInnen der KettenreAktion Atomkraft abschalten sind der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (NABU), die Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt, das Kampagnennetzwerk Campact sowie die Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad. Sie fordern, Krümmel und Brunsbüttel sowie andere störanfällige Atomkraftwerke endlich abzuschalten. Atomenergie sei unzuverlässig und unsicher und würde längst nicht mehr benötigt, da durch die erneuerbaren Energien Jahr für Jahr mehr Stromüberschüsse produziert würden. Nur die Stromkonzerne profitierten vom Weiterbetrieb.

Die beiden norddeutschen AKW Brunsbüttel und Krümmel, die von Vattenfall betrieben werden, sind im Juni 2007 nach Störfällen vom Netz genommen worden. Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und FDP ist die Bereitschaft, „die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern“ festgehalten. Die Voraussetzungen der Laufzeitverlängerung sollen möglichst schnell mit den Betreibern vereinbart werden. Die Regierung plant des Weiteren, ein Energiekonzept auszuarbeiten, das Leitlinien für die Energieversorgung enthält. Ein Zwischenbericht soll bis zur Sommerpause vorliegen und im Oktober 2010 beschlossen werden.

Gleichzeitig zur Menschenkette fanden bundesweit weitere Aktionen gegen Atomkraft statt.

TeilnehmerInnen und ihre Gründe, sich einzureihen

Jan Felix, Lilli, Marie aus Kiel und Umgebung

„Wir wollen Atomkraftwerke abschalten, weil das immer maroder wird und auch gefährlich ist und es andere Möglichkeiten zur Energiegewinnung gibt.“ Sie erhoffen sich öffentliche Aufmerksamkeit durch die Kette und „dass die AKW ausgeschaltet werden und bleiben.“

Carla Prinz aus Wischhafen

„Wir wohnen fünf Kilometer von Brokdorf entfernt und es ist einfach indiskutabel, dass die Laufzeiten dieser Atomkraftwerke noch weiter verlängert werden. Es gab einen Konsens und das wieder rückgängig zu machen, geht gar nicht. Ich finde es zu gefährlich und ich will das den Enkeln nicht hinterlassen. Es gibt keine Sicherheit.“ Sie erhofft sich von der Kette, dass „sie das Thema gesellschaftlich wieder anrollt und dass das nicht einfach durchgeht, dass Schwarz-Gelb die Gesetze wieder rückgängig macht.“

Lisa Rießelmann aus Kiel

Macht mit, „um gegen Atomkraft zu demonstrieren.“ Erhofft sich, „dass das mal wieder ins Bewusstsein gerückt wird und bei der neuen Regierung die Verlängerung nicht weiter durchgesetzt wird, sowie dass das Gedenken an Tschernobyl nicht in Vergessenheit gerät.“

Demonstrantin aus Hamburg

„Es muss etwas getan werden, da die Regierung offensichtlich den Atom-Konsens wieder aufkündigen will. Es ist ein bestimmter Konsens vereinbart worden unter Rot-Grün und je länger die AKWs laufen, desto weniger werden regenerative Energien gefördert. Ich bin der Auffassung, solange die Endlagerung überhaupt nicht gelöst ist, kann das nicht die richtige Technologie sein. Wir leben hier oben in einer Region mit vier AKW, wenn hier etwas passiert – in Itzehoe gibt es vier Strahlenbetten – dann ist die Bevölkerung platt.“

Demonstrant aus Itzehoe

„Brokdorf ist lange abgeschrieben und sollte eigentlich stillstehen. Es wird aber immer weiter laufen gelassen. Das bringt pro Tag eine Million oben drauf. Das müsste eigentlich heißen, wenn wir das noch weiter laufen lassen, dann müsste der Strom rapide günstiger werden. Aber der Strom bleibt ganz ganz teuer. Jeden Tag aus einem abgelaufenen Kraftwerk eine Million Gewinn zu ziehen, das ist hanebüchen, das ist unverschämt und eine Mordsfrechheit. Weiter nichts.“



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