Kiel ist Klimaschutzstadt. Wusstet ihr das? Spätestens wer beim Fahrradfahren geblitzt worden ist, wird es wissen. Mit Witz und Provokation wirbt von April bis September die Kampagne „Kopf an: Motor aus. Für null CO2 auf Kurzstrecken“ in Kiel für mehr Radfahrer und Fußgänger. Die Bürger sollen da angesprochen werden, wo sie Auto fahren: auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen, im Parkhaus, vor Schulen. Es sollen immer mehr Menschen zum „Umsteigen“ motiviert werden und da kommt die neue Radstation „Umsteiger“ am Hauptbahnhof gerade recht. Seit Januar stehen die Türen des Treffpunkts für klimafreundliche Mobilität offen. Unkompliziertes, sicheres und preiswertes Parken des Fahrrads und das Serviceangebot rund ums Rad konnten schon die Jury des Kampagnenwettbwerbs überzeugen. Nun sollen auch die Kieler den „Umsteiger” mal so richtig kennenlernen.
Jetzt „Umsteigen“
von Mirjam Rüscher-Reher
Kiel hat gewonnen! Als eine von fünf Städten konnte Kiel beim Kampagne-Wettbewerb des Bundesumweltministeriums (BMU) „Kopf an“ überzeugen und sich gegen 50 andere Städte und Kommunen durchsetzen. Der Gewinn ist die Finanzierung einer Image-Kampagne im Jahr 2010 aus den Mitteln der nationalen Klimaschutzinitiative. Schlagkräftige Argumente für die Positionierung lieferten hierbei die im vergangenen Jahr konzipierte Dachmarke „Kieler Wege“ und der neu eröffnete „Umsteiger“.
Im Rahmen des Zero-Emission-Mobility-Projekts startete 2009 die erste Runde der Kampagne „Kopf an: Motor aus. Für null CO2 auf Kurzstrecken“ der Klimaschutzinitiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Die Kampagne hat sich zum Ziel gesetzt, Autofahrer zum Verzicht auf den fahrbaren Untersatz auf Kurzstrecken bis zu sechs Kilometer zu bewegen. Stattdessen soll mit Mitteln der Verbraucherinformation das Radfahren und Zu-Fuß-Gehen gefördert werden. Da in den Köpfen immer noch der Gedanke verhaftet ist, mit dem Auto vorzufahren sei irgendwie cooler und ein Ausdruck von Wohlstand, ist das Ziel, das Image des Rad- und Fußverkehrs aufzuwerten und eine nachhaltige Veränderung des Mobilitätsverhaltens auf kurzen Wegen zu erreichen.
Dabei will die Kampagne die hohen CO2-Einsparpotentiale im Nahbereich nutzen. Würde jeder Bürger die Strecken, die er täglich zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt, verdoppeln (statt sie mit dem Auto zu fahren), würde das ein Einsparpotential von 1,5 Mio Tonnen CO2 beim Fußverkehr und über 4 Mio. Tonnen beim Fahrradverkehr bedeuten. Mit der Verdoppelung der zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegten Wege und der besseren Verkehrsplanung zugunsten des emissionsfreien Verkehrs in der Stadt soll ein deutlicher Beitrag zum CO2-Reduktionsziel der Bundesrepublik innerhalb des Verkehrssektors geleistet werden. Außerdem spart man dabei bares Geld und tut etwas für seine Gesundheit – und einen knackigen Po. Mit ihren humorvollen Aktionen und flotten Sprüchen will die Straßenkampagne zum Schmunzeln und Nachdenken anregen und so Impulse setzen – beim Verbraucher und auf der Ebene der kommunalen Verwaltung.
Nach dem Auftakt der Kampagne in den anderen Modellstädten Berlin, Braunschweig, Herzogenrauch und Freiburg fiel am 26. April der Startschuss in Kiel. Peter Todeskino, Bürgermeister und Stadtrat für Stadtentwicklung und Umwelt, kam trotz schlechten Wetters zum Start der Kampagne mit dem Rad, und freute sich sichtlich über Kiels neues Image als Klimaschutzstadt. „Es ist eine wirklich schöne Wettbewerbsteilnahme, die Kiel sich da ergattern konnte“, so Todeskino. Er selbst nutze auch schon hin und wieder den „Umsteiger“. Außerdem merkte er an, dass es skandalös sei, dass man im ICE kein Fahrrad mit sich führen kann. „Wir schaffen die Infrastruktur“, so Bürgermeister Todeskino, „die Kampagne liefert die Motivation. Wer vom Auto aufs Rad oder das Zu-Fuß-Gehen umsteigt, leistet einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz.“
Die Klima-Kampagne wird bis September 2010 andauern. Drei Phasen markieren ihren Verlauf: Zunächst soll die rote Phase Aufmerksamkeit erregen, Plakate an Litfaßsäulen und öffentlichen Plätzen, Werbebanner, Kinospots und weitere Maßnahmen sollen für das Bekanntwerden der Aktion sorgen. In der grünen Phase werden dann verschiedene Aktionen stattfinden, so heißt eine zum Beispiel ab Mitte Juni „Achtung Blitzer“. Bei dieser Aktion können Radfahrer, Fußgänger aber auch Rollerblader und Skateboarder – kurz, alle die CO2-frei unterwegs sind – „geblitzt“ werden und damit an einem Gewinnspiel teilnehmen. Hauptgewinn, was sollte es anderes geben, ist ein Fahrrad. Die blaue Phase bildet das Schlusslicht der Kampagne. Sie soll diejenigen, die mitgemacht und das Auto stehen gelassen haben, in ihrem Handeln bestätigen und auch für die Zukunft bestärken. Hierzu sollen beispielsweise Schilder dienen, auf denen „Reserviert für Klimahelden“ steht oder große Plakate, auf denen den Klimahelden gedankt wird.
Bereits im letzten Jahr hatte Kiel sich für die Modellkampagne „Kopf an: Motor aus“ beworben. Herr Redecker, der Fahrradbeauftragte der Stadt, erklärt, dass Kiel in der ersten Runde unter die ersten zwölf gekommen ist, danach aber Schluss war. Doch Redecker sieht hierin keinen Verlust: „Es ist vielleicht auch ganz gut so, dass wir erst in diesem Jahr gewonnen haben, mit dem „Umsteiger” passt jetzt einfach alles zusammen“, so der Fahrradbeauftragte weiter. Denn dass sich Kiel zu den fünf Gewinnerstädten zählen darf, verdankt die Stadt unter anderem gerade diesem „Umsteiger“.
Der „Umsteiger“, die neue Radstation am Hauptbahnhof, steht ganz im Zeichen des Klimaschutzes und im Sinne der Kampagne. Es ist Kiels neuestes Angebot, Wege in der Stadt einfacher, umweltfreundlicher und klimaschonender zurückzulegen. Seit Januar 2010 bietet der „Umsteiger“ nicht nur Platz für das Fahrrad, sondern Service rund ums Rad: Es gibt einen Reparaturdienst, einen Verleihservice und einen Servicepoint. Hier gibt es Informationen über die schönsten Fuß- und Radwege, Straßenkarten, die besten Bus- und Fördeschiffverbindungen, Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel oder die günstigsten Alternativen zum eigenen Auto, wie etwa die Beratung zum CarSharing. Zum Service der Werkstatt gehört es, dass man sein Rad morgens zur Reparatur bringen und es abends wieder mit nach Hause nehmen kann.
Das Fahrradparkhaus mit über 600 bewachten und wettergeschützten Stellplätzen auf zwei Etagen ist 24 Stunden zugänglich. Und es wird gut angenommen. Momentan ist die gesamte untere Etage ausgelastet. Das heißt, rund 220 Fahrräder werden hier regelmäßig untergestellt. 80 davon sind private (also fest zugewiesene) Dauerjahresplätze. Bereits im Bau, aber noch nicht fertig gestellt, ist die Wandelhalle, die den Übergang von den Gleisen direkt zur Fahrrad-Station ermöglichen soll.
Nach der Aktionswoche Ende April, die zeitgleich mit der Klimakampagne begann, hält der „Umsteiger” noch weitere Angebote bereit, um auf sich aufmerksam zu machen. So gibt es am 25. und 26. Mai den Themenschwerpunkt „Endlich Radfahren lernen“. Die Radfahrschule „radmobil“ bietet hier Informationen zu ihren zweiwöchigen Kursen, die hauptsächlich für Erwachsene sind. Bereits seit neun Jahren betreibt Frau Kock ihre Radschule. Ihr zufolge sind es viele Frauen mit Migrationshintergrund, die bei ihr endlich Radfahren lernen wollen. Es verwundert sie nicht weiter, dass es gerade unter MigrantInnen einige gibt, die kein Rad fahren können. Sie berichtet von einer schwedischen Studie, derzufolge ca. 30 % aller Menschen mit Migrationshintergrund nie gelernt haben, Fahrrad zu fahren. „Hier bei uns ist das mit Sicherheit nicht viel anders“, so vermutet Frau Kock. Aber auch viele andere Erwachsene können nicht Fahrrad fahren und wenden sich an die Schule. Hier lernen sie spielerisch nach der Methode „moveo ergo sum“, sich an das Fahrrad zu gewöhnen und damit zu fahren.
Es bleibt abzuwarten, wie die Klimakampagne bei den Kielern ankommt und welche Ergebnisse sie erzielen wird. Mit dem „Umsteiger“ ist es bereits wesentlich einfacher geworden eben einfach „umzusteigen“. Sollte die Kampagne in Kiel nicht so ziehen wie erwartet, wird es wohl sicherlich nicht an den originellen Sprüchen liegen, mit denen für eine klimafreundlichere Fortbewegungsart geworben wird: „Besser Sie nehmen ab, als die Eisberge“ oder „Wow sehen Sie fit aus. Radfahrer oder was?“ Auch wenn die Kieler mit Kampagnen schlechte Erfahrungen gemacht haben – die böse Erinnerung an die „Wir Kieler“-Kampagne hält noch an – so ist diese doch tatsächlich für den guten Zweck und gut für den…Körperbau.
Öffnungszeiten Werkstatt und Verleih
Mo-Fr: 6 bis 19 Uhr; Sa: 8 bis 14 Uhr
Park-Preise
Tageskarte: 70 Cent; 10er Karte: 5 Euro; Monatskarte: 7 Euro; Jahresabo: 70 Euro | mit persönlichem Stellplatz: 90 Euro
Preise Fahrradverleih
Einfache Räder mit 3 oder weniger Gängen: Pro Tag: 7,50 Euro; Pro 24 Stunden: 9 Euro; Pro Woche: 40 Euro;
Gute Räder mit 7 oder mehr Gängen: 9 | 10,50 | 50 Euro
Kinder-Räder: 5 | 6,50 | 28 Euro
Für Gruppen gibt es Rabatt
Kontakt: radstation@bruecke-sh.de.
Öffnungszeiten Servicepoint
Mo-Fr: 6.30 bis 19 Uhr Sa: 8.45 – 16 Uhr
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