Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährt sich zum 65. Mal. Wie endete die Jahrhundertkatastrophe für die besonders schwer vom Krieg gezeichnete Marinestadt Kiel?
Vor 65 Jahren: Wie der Zweite Weltkrieg in Kiel zu Ende ging.
von Feliks Todtmann
Kiel ist, das stellt man als Neuankömmling schnell fest, eine Stadt, der das Gesicht fehlt. Die Altstadt ist nur noch in Rudimenten erhalten. Kein Gewirr mittelalterlicher Gassen, sondern eher ein Ensemble freier Flächen, das sich um Rathaus und Oper erstreckt. Es sind nicht die Prachtbauten aus den Tagen vergangener Fürsten oder die Bürgerhäuser reicher Ostseekaufleute, die das Bild der Stadt prägen. Stattdessen reihen sich schmucklose Backsteinfassaden wie an einer Perlenkette aufgezogen an langen Verkehrsadern aneinander. Spärlich gesät sind die architektonischen Zeugnisse aus der Stadthistorie. Doch eben jenes Fehlen historischer Monumente, eben dieser nüchtern-zweckmäßige Aufbau ist es auch, der auf das wohl dunkelste Kapitel der Geschichte Kiels verweist.
Die „Stadt der deutschen Kriegsmarine“ war seit Ende des 19. Jahrhunderts Hochburg der deutschen Marineindustrie und sogenannter „Reichskriegshafen“. Ein Großteil der deutschen Kriegsmarine lag zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in den Häfen der Kieler Förde. In den Werften des Ostufers wurden U-Boote gefertigt, die im Nordatlantik amerikanische Handelsschiffe angriffen. Kiel wurde somit bedeutendes Ziel alliierter Bombenangriffe. Zwischen 1940 und 1945 trafen 29.000 Tonnen Bombenlast die Stadt, in etwa halb so viel wie die über Berlin abgeworfene Menge. Im Bombenhagel verschwanden rund 80 Prozent der Kieler Gebäude, die Hälfte davon Wohnfläche. Rund 3.000 Menschen fanden den Tod in den Bombardements – viele Kieler waren noch rechtzeitig evakuiert worden.
Die letzten Bombenangriffe auf Kiel forderten in der Nacht vom zweiten auf den dritten Mai 1945 noch einmal Todesopfer. Nachdem am dritten Mai von der militärischen und nationalsozialistischen Führung Kiels festgelegt worden war, dass die Stadt nicht verteidigt werden sollte, begannen Plünderungen der Armeedepots. Die ausgebombten und hungernden KielerInnen versorgten sich aus den noch reichlich gefüllten Lagern mit Lebensmitteln und Kleidung. Am folgenden Tag flohen die SS-Wachmannschaften des Arbeitserziehungslagers „Nordmark“ in Russee, in dem rund 600 Insassen ermordet worden waren, vor den herannahenden Briten. Während in der Stadt belastende Akten und Kriegsgerät in panischer Angst vor den Alliierten vernichtet wurden, ließen die Offiziere die letzte Munition verschießen, um diese nicht in die Hände des „Feindes“ fallen zu lassen. 350 britische Soldaten erreichten die Stadt bereits am fünften Mai und erzwangen eine Teilkapitulation für das Gebiet südlich des Nord-Ostsee-Kanals. In diesen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs glich die Stadt einem Trümmerfeld. Und entwickelte sich immer mehr zum Flüchtlingslager.
Im Hafen lagen zwischen gesprengten Wracks die Flüchtlingsschiffe derer, die über die Ostsee vor der Roten Armee geflohen waren. Die Straßen waren verstopft von Heimatvertriebenen, Obdachlosen, Marinesoldaten und „displaced persons“, frei gekommenen KZ-Häftlingen, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, die sich von den Befreiern Hilfe bei der Rückkehr in ihre Heimatländer erhofften. Doch das britische Vorauskommando war heillos überfordert. Ihre Aufgabe war es lediglich gewesen, Kiel schnellstmöglich zu besetzen, um der Sowjetarmee den Weg nach Dänemark abzuschneiden. Die Westalliierten befürchteten in den letzten Kriegswochen eine Besetzung Norddeutschlands durch die Russen und wollten dieser zuvorkommen. Am siebenten Mai wurde Kiel vollständig von britischen Truppen besetzt. Die meisten KielerInnen waren erleichtert, dass es die Briten waren, die sie befreit hatten. Auch hier hatte sich die Angst vor Vergeltungsaktionen durch die Rote Armee breit gemacht.
Mit der Befreiung vom Faschismus und dem Ende des Krieges wurde klar, dass Kiel schwerste Lasten zu tragen haben würde. Die Zerstörungen, der Hunger, die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen in der Stadt waren beispiellos. Andreas Gayk, seit 1946 Kieler Oberbürgermeister formulierte es so: „Schleswig-Holstein ist das ärmste Land der Bizone und Kiel die ärmste Stadt dieses ärmsten Landes.“ Gayk war es auch, der den Wiederaufbau unter dem Motto „Bürger bauen eine neue Stadt“ forcierte. Nicht das Militärische oder historische Element sollte bestimmend für das neue Stadtbild sein, sondern das nützliche. Die KielerInnen sollten im Mittelpunkt stehen. Vor dem Hintergrund des erfahrenen Leids und der Zerstörung, setzte er sich auch für den Ausbau der zivilen Schifffahrtsindustrie ein. Er träumte von Kiel als einer Stadt des Friedens, deren Hafen nie wieder der Kriegsmarine dienen sollte. Sein Traum sollte ein Traum bleiben.
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