Seit 21 Jahren hilft das autonome Mädchenhaus Kiel Mädchen und jungen Frauen, die von Gewalt bedroht sind oder sich in einer anderen Notlage befinden
Parteiische Mädchenarbeit, fernab vom Klischee der Feministinnen mit lila Latzhose
von Anna Piekulla
Die Anlauf- und Beratungsstelle des autonomen Mädchenhauses in der Holtenauerstraße ist ein schöner Ort. Die in einem dunklen Gelb gestrichenen Wände, die Holzdielen und die zahlreichen Bilder an den Wänden vermitteln ein Gefühl der Wärme und der Geborgenheit. Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 27 Jahren wenden sich aus unterschiedlichen Gründen an die Beratungsstelle, die einen wollen ihre Lebenssituation reflektieren, andere wurden Opfer von psychischer, physischer oder sexualisierter Gewalt, wieder andere haben massive Probleme mit ihrem Elternhaus und manche Mädchen haben vergleichsweise kleine Probleme.
Sie alle finden in den Räumen der Beratungsstelle Zeit, Ruhe und Pädagoginnen, die sie ernst nehmen, die ihnen zu hören und die gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen. Die Anlauf- und Beratungsstelle ist der öffentliche Teil von vier Komponenten, aus denen sich das Mädchenhaus zusammen setzt. Neben der Kontaktstelle existieren für die längerfristige Hilfe die Zufluchtsstätte, die Wohn-und Verselbstständigungsgruppe und die flexible Hilfe unter der Trägerschaft des Vereins Lotta e.V. zur Förderung feministischer Mädchen- und Frauenarbeit.
Die Zufluchtsstätte bietet bis zu sieben Mädchen im Alter von 13 bis 21 Jahren vorrübergehend einen Schutz- und Schonraum. Sie ist rund um die Uhr telefonisch zu erreichen, die Adresse ist geheim. Das Angebot wird gut angenommen, 76 Mädchen nutzten im Jahre 2009 die Zufluchtsstätte, einige blieben nur kurz, andere Monate. Auch die Anlauf- und Beratungstelle war mit über 200 Ratsuchenden gut ausgelastet. Dies zeigt wie wichtig die Arbeit des Mädchenhauses ist, in manchen Fällen gar überlebenswichtig. Dass die Arbeit des Mädchenhauses so gut angenommen werden würde glaubten in der Gründungszeit, Ende der 80er Jahre nur wenige.
Zu Beginn ihrer Arbeit, 1989 ,sahen sich die Pädagoginnen des Mädchenhauses immer wieder der Frage nach der Notwendigkeit ihrer Arbeit gegenüber, doch mittlerweile ist die Thematik der Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen anerkannt und auch das Klischee der“ lila Latzhose- tragenden“ Feministin, die versucht junge Mädchen zu missionieren ist nicht mehr so präsent wie früher, findet Michaela Peschel, Leiterin der Anlauf- und Beratungsstelle.
Der feministische Aspekt des Mädchenhauses zeigt sich in den Freiräumen, die die Mädchen unabhängig von männlichen Betreuern oder männlichen Kindern und Jugendlichen erleben können. Das Frauenhaus arbeitet parteilich, also für die Mädchen. Dies ist vor dem Hintergrund zu verstehen, dass Frauen und Mädchen in der Gesellschaft immer noch benachteiligt und häufig Gewalt ausgesetzt sind. Passend zu diesem Konzept werden im Mädchenhaus nur Frauen angestellt, diese leben den Mädchen vor, dass Frauen stark sein und ihre Ziele und Wünsche durchsetzten können.
Die Beratungsstelle, als Teil des Hilfenprogrammes des autonomen Mädchenhauses wird von der Stadt Kiel finanziert. Mit den gewährten Geldern lässt sich die Arbeit der Pädagoginnen zwar einigermaßen verrichten, so Michaela Peschel, doch gewisse Extras müssen durch Spenden finanziert werden. So zum Beispiel eine neue Waschmaschine, wenn die alte kaputt ist oder Ausflüge mit den Mädchen aus der Zufluchtsstätte. Diese sind wichtig, damit die Mädchen Normalität leben können, erfolgreich stabilisiert werden.
Ebenfalls wichtig für die Pädagoginnen und die Atmosphäre im Mädchenhaus ist ein gesichertes Fortbestehen, doch die andauernden Existenzängste und Kämpfe der Vergangenheit rauben die Energie der Mitarbeiterinnen. 2005 stand das Mädchenhaus kurz vor der Schließung, konnte nur durch das Engagement der Mitarbeiterinnen und durch Spenden vor der Schließung bewahrt werden. Doch gerade in solchen Krisensituationen spenden die Mädchen und ihre Schicksale Kraft und Zuversicht für die Mitarbeiterinnen. „ Wenn ich mir vorstelle, was diese Mädchen teilweise erlebt haben und was für eine Stärke sie trotz allem besitzen, dann wissen wir Frauen vom Mädchenhaus, wofür es sich zu kämpfen lohnt“, sagt Michaela Peschel.
Momentan ist die finanzielle Situation gesichert, jedoch hat das Land bereits Kürzungen angekündigt, aufgrund der miserablen Haushaltslage der Kommunen. Es werden also neue Kämpfe bevorstehen, was angesichts von Milliarden, die nach Griechenland gesendet werden nur schwer zu verstehen sei, denn im Vergleich zur internationalen Finanzpolitik handele es sich bei den Zahlungen für Mädchenhäuser und Mädchentreffs im ganzen Land um verschwindend geringe Summen, bemerkt Peschel.
Doch die letzte Krise im Jahr 2005 zeigt, dass es durchaus so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit der Arbeit des Mädchenhauses gibt. Zahlreiche KielerInnen wendeten sich via Unterschriftenaktionen an die Stadt, um die Schließung zu verhindern. Es ist für junge Frauen, die sich aufgrund von Gewalterfahrungen, eingeschränkten Lebensbedingungen oder ähnlichem von ihren Familien trennen wollen extrem schwer diesen Schritt auch wirklich zu gehen.
Oft scheitert der Weg in ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt an der Zerissenheit der Mädchen, die sich auf der einen Seite ein glückliches Familienleben ersehnen und auf der anderen Seite mit der gegenteiligen Realität konfrontiert sind. So gehen ca. 60-70% der jungen Mädchen wieder zurück zu ihren Familien. Gerade deshalb ist ein intaktes Netz aus sozialen Hilfe und Mädchenhäusern so wichtig, um junge Frauen während dieses Prozesses zu unterstützen und die Leere, die sooft nach dem Verlassen der Familie entsteht, zu füllen.
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