Der Lust am Reisen und dem Meer hat sich der kleine mareVerlag in Hamburg verschrieben.Beim Lesen des “Atlas der abgelegenen Inseln” und “Die wundersame Irrfahrt des William Lithgow” packt einen das Fernweh!
Der mareVerlag bietet Raum für Meer
von Fatima Krumm und Imke Schröder
“In heaven that’s all they talk about the ocean and the sunset how fucking wonderful it is to watch that big ball of fire melt into the ocean.”
– Der Faszination von Meeren und Ozeanen kann sich keiner entziehen. Schon in dem deutschen Roadmovie „Knocking on heaven’s door“ wurde dem Meer ein Denkmal gesetzt. Doch „warum existiert kein Medium, das sich mit dem größten Lebensraum unserer Erde beschäftigt und diesen in all seinen faszinierenden Facetten abbildet?“ Diese Frage stand zu Beginn der Gründung des kleinen mareVerlags in Hamburg.
Von jeher inspirierte das Meer die Menschen – sei es zu Lyrik, Poesie, Malerei oder einer spontanen Weltumsegelung. Mitte der 90er Jahre wurde der mare Verlag von dem Schweizer Meeresbiologen Nikolaus Gelpke gegründet und befindet sich seitdem auf der Überholspur: Von einem Monatsmagazin, über mareTv und mareRadio geht es sogar bis zur eigenen Sparte für Meeresliteratur jeglicher Art. Zwei nach Reise und Abenteuer, nach salziger Seeluft und Fernweh duftende Bücher sollen euch hier vorgestellt werden.
Judith Schalanskys „Atlas der abgelegenen Inseln” gibt Auskunft über 50 Inseln, um deren Existenz kaum jemand weiß. Mal in Form einer Anekdote oder eines Mythos, mal durch Beschreibung naturwissenschaftlicher Vorgänge. Selbst unbewohnte Inseln bekommen Leben eingehaucht. Manche messen nicht mehr als 1,7 Quadratkilometer, die Insel Tromelin sogar nur 0,8. Bewohnt von vier Menschen, die als Schiffbrüchige einst strandeten. Kleine Geschichten, von Menschen und Meeren und Schiffen und Schafen, um dem Alltag für einen Moment zu entschwinden mit einer Reise an die Enden der Welt.
Schalansky will die Inseln nicht mehr nur als „Fußnoten der Kontinente“ verstehen. Kontinente sind auch Inseln, nur größere. Für sie ist Kartografie Poetik. Die originellen Seiten machen die entlegenen Orte fassbar, auch wenn niemand dort war, nicht einmal die Autorin selbst.
Roger Willemsen ist Herausgeber der modernen Reiseliteratur „Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow“ aus dem 17. Jahrhundert. Seiner zurückgelegten Entfernung nach hat er innerhalb von 19 Jahren zweimal die Erde umrundet – wohlgemerkt vor 400 Jahren.
Aus der schottischen Heimat tritt er seine Reise an, und reist ohne Verweilen von Stadt zu Land zu Kontinent. Schiffbruch, Überfälle, ab und zu eine Heldentat. So wankt Lithgow von einer Gefahr zur nächsten, um durch Glück und Zufall diesen gleich wieder zu entkommen. Durch leicht verträgliche Sätze wird die Hast, mit welcher Lithgow sich seiner Erinnerungen entledigt, auf den Leser übertragen und lässt ihn somit den innerlich Getriebenen schnell verfolgen. Das aus dem Jahr 1632 stammende Werk gewährt Einblicke in die verschiedenen Kulturkreise.
Mit einer Karawane pilgert er nach Jerusalem, um dort, dem heutigen Pauschaltourismus gleich, Sehenswürdigkeiten abzuklappern und Geld an die betrügerischen Einheimischen zu bringen. Geschichtseinheiten sind all inclusive. Begann die erste Reise noch aus der Not heraus, so treibt ihn zu den nächsten der Forscherdrang und die Gunst der Daheimgebliebenen an. Mit scharfem Blick beobachtet er die fremden Völker und Kulturen, und resümiert über die Religionen, wodurch er unfreiwillig aktuell wird. „O wenn doch alle Priester, die Inzest, Ehebruch und Unzucht begehen, auf die gleiche strenge Weise bestraft würden, welche Ströme gottlosen Blutes würden sich über halb Europa ergießen und den Deckmantel der römischen Kirche mit sich reißen.“
Fans der Reiseliteratur werden dankbar sein, dass Willemsen dieses Wunderwerk entstaubt hat, denn eine Ähnlichkeit zu Simplicissimus und Felix Krull ist unverkennbar. Und wen das Fernweh nun gepackt hat, dem bleibt nur eine Fahrt ans Meer – was zum Glück ja vor der Haustür liegt.
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