Studieren in einer anderen Welt

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Datum: 08.6.10

Kategorie: Gesellschaft

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Wie studiert es sich eigentlich woanders? Ein Besuch in einer Privat-Uni in Arkansas bringt überraschende Einblicke.

Ein Besuch an einer konservativen amerikanischen Privat-Uni

von Hannes Reinhardt

Harding-Studierende genießen die Sonne an einem der Springbrunnen auf dem Campus - Foto: hr

Harding-Studierende genießen die Sonne an einem der Springbrunnen auf dem Campus - Foto: hr

Zugegeben, im ersten Moment ist es schon überraschend oder vielleicht doch eher verwunderlich, wenn von der Empfangsdame die Bewohnerinnen des Mädchen-Wohngebäudes vor „Männern im ersten Stock“ gewarnt werden, sollte doch lediglich einmal eins der Zimmer besichtigt werden. Dies ist jedoch gang und gäbe an der christlich-konservativen Privat-Universität Harding in Searcy im US-Bundesstaat Arkansas.

Dass die Mädchen über die männliche Anwesenheit informiert werden, dient dem Zweck, dass keine der Bewohnerinnen eventuell leicht bekleidet oder gar nackt über die Flure hüpft. Kurz vor eben einer solchen „Warnung“ muss sich mit Name, Uhrzeit und Unterschrift in eine Art Besucherliste eintragen werden. Dies soll wohl im Falle eines Vorfalls jedweder Art nachvollziehbar machen, wer an „Externen“ sich von wann bis wann im Gebäude aufgehalten hat.

Auch wenn in diesem Fall sowohl die Ankündigung von sich im Gebäude aufhaltenden Männern als auch das Eintragen in Listen sicherlich Sinn ergeben und nachvollziehbar sind, so ist dies beileibe nicht bei allen Dingen der Fall, denen während eines Besuches an der Harding University begegnet werden kann. Sicherlich hat die Universität in den USA eine ganz andere Aufgabe im erzieherischen Bereich als unsere deutschen Hochschulen. Die Studierenden dort kommen frisch von der Highschool, sind 18 oder gar 17 Jahre alt und damit nach dem amerikanischen Gesetz minderjährig.

Viele Eltern schicken ihre Sprösslinge ganz bewusst an eine solche Universität, damit ihnen neben der wissenschaftlichen Ausbildung auch Werte und Morale vermittelt werden, die sie selbst teilen und ihren Kindern in deren Lebensjahren zuvor beigebracht haben: Glaube, Enthaltsamkeit vor der Ehe, Verzicht auf Zigaretten und Alkohol (von sonstigen Drogen ganz zu schweigen), um nur ein paar zu nennen. Das Einfließen dieser Maßstäbe in die Regeln der Harding University bringt Dinge hervor, die auf einen „normalen“ deutschen Studierenden oft fremd, manchmal aber auch belustigend wirken.

Einige dieser Regeln sind jedoch nicht dem christlich-konservativen Glauben, sondern auch der Mentalität der amerikanischen Südstaatenkultur zuzurechnen, wobei sich letztere sicherlich auch aus ersterem entwickelt hat. So ist das Tanzen unter den Studenten verboten, da hier eine gewisse erotische Komponente konstatiert wird. Dies ist, folgt man dieser Argumentationslinie, zwar nachvollziehbar, wirkt auf einen jungen deutschen Erwachsenen jedoch völlig absurd.

An „Tagen der offenen Tür“, an denen sich die Studierenden unterschiedlichen Geschlechts untereinander in den Wohngebäuden besuchen dürfen, müssen immer alle Füße auf dem Boden bleiben. Ähnlich wie beim Tanz-Verbot sollen so sexuelle Kontakte ausgeschlossen werden. Unnötig zu erwähnen, dass dies vergleichsweise leicht umgangen werden kann.

Dem entgegen wirkt jedoch die Bedingung, an solchen Besuchertagen die Türen – das Motto also wörtlich auslegend – zu jeder Zeit geöffnet zu lassen. Traute Zweisamkeit entsteht so also wohl tatsächlich nicht. Leider – aus deutscher Sicht – sind die Studenten verpflichtet, mindestens das erste Studienjahr in den Gebäuden auf dem Campus zu wohnen. Erst danach dürfen sie auf Antrag „off campus“ ziehen.

„Mich nervt vor allem der ‚Curfew-Check‘. Jeden Tag um Mitternacht wird die Zimmertür geöffnet und kontrolliert, ob alle in ihren Betten liegen. Mich hat das jedes Mal geweckt“, berichtet eine Studierende im ersten Semester. Auch die Sauberkeit wird regelmäßig kontrolliert. „Da müssen wir dann das Bad komplett putzen“, so die Studierende.

Jeden Morgen um neun Uhr versammeln sich alle Studierenden im großen Auditorium zum sogenannten „Chapel“. Hier wird gesungen, gebetet und Ankündigungen werden angesagt. Anwesenheit ist hier Pflicht, jede und jeder Studierende hat seinen festen, semesterweise wechselnden Platz, was eine Kontrolle leichter ermöglicht. Damen mit Listen schreiten wichtigtuerisch durch die Gänge, um eventuell leere Plätze zu registrieren.

Keine Rolle spielt es allerdings, ob die auf dem Platz sitzende Person tatsächlich der oder die anwesenheitspflichtige Studierende ist. Ein besuchendes Eltern- oder Geschwisterteil eines Kommilitonen ermöglicht dem einen oder anderen so gelegentlich einen freien Vormittag. Wer würde da noch von Unmenschlichkeit sprechen…



1 Kommentar

  1. interessant…”müssen immer alle Füße auf dem Boden bleiben” schlurfen die dann nur oder wie wird gelaufen ?

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