Die Vuvuzela: Kunstwerk des Jahres?

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Datum: 04.7.10

Kategorie: Kultur

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Ein lautes „Puööt!“ hält uns im fernen Südafrika den Spiegel vor: Eine Apologie auf die Vuvuzela.

Plastiktröte sorgt für Realitätsflash, Deutsche genervt

von Kilian Haller

Auf Vuvuzelas wird vor Gehörschädigung gewarnt - Foto: Dundas Football Club

Auf Vuvuzelas wird vor Gehörschädigung gewarnt - Foto: Dundas Football Club

„Der Haider-Crash war das Realkunstwerk des Jahres 2008, das Überkunstwerk überhaupt“, plappert der Ich-Erzähler in Rainald Goetz’ letzter Erzählung „Loslabern“. Eine makabre Idee, die auf schlauem Boden gewachsen ist – werden Prominente wie der bei einem Autounfall verstorbene Kärntner Rechtspopulist Jörg Haider doch vor allem als Figuren auf einer Bühne und erst sekundär als Menschen wahrgenommen. Ein Realitätsflash ist das Ableben eines Darstellers dieser Reality-Soap und gleichzeitig ein Problem für die Medienmaschine, die wütend versucht, sich den Ausreißer posthum wieder einzuverleiben. Schon wenige Stunden nach dem Unfall stehen 3D-Animationen zur Verfügung. Die größte Illusionsdurchbrechung im Folgejahr wäre dann der Selbstmord von Nationaltorwart Robert Enke.


Die Vuvuzela entlarvt unsere Unfähigkeit, Abweichungen von medialen Konventionen zu akzeptieren

Beste Chancen auf das „Kunstwerk des Jahres 2010“ hat indes die Vuvuzela. Auf der Plastiktröte kann man nur einen Ton spielen, den dafür laut, und zu Tausenden im Fußballstadion geblasen drängt sich eher die Assoziation zu einem Hornissenschwarm als zu einer Elefantenherde auf. Ob diese Störung unserer Fußballguckgewohnheiten nun als südafrikanisches Kulturgut zu legitimieren ist oder vielmehr die goldene Nase einiger weniger dahinter steckt – das ist nebensächlich. Der Hauptverdienst der Vuvuzela ist: Sie entlarvt unsere Unfähigkeit, Abweichungen von medialen Konventionen zu akzeptieren. Implizit tut das der Erfolg von Hollywood-Filmen übrigens seit Generationen – die Vuvuzela, nach der WM wohl im Mülleimer und wieder vergessen, weist nur pointierter darauf hin. Sie könnte als Symbol der Verweigerung gefeiert werden, weil sie dem für eine optimale Medienauswertung gestylten Sport gekonnt die Haare verwuschelt. Tatsächlich könnte der Lärmpegel sogar die Kommunikation auf dem Platz erschweren und so das Spiel zurückwerfen! Stattdessen wird genörgelt; bereits über 200.000 Deutsche fordern per Petition vom Weltfußballverband FIFA, die Ersatzrüssel zu verbieten, die Bild-Zeitung marschiert hinterher. – Auch wenn die Kritik nicht nur aus Deutschland kommt, können „wir“ dem Gastgeber nicht vorschreiben, wie er zu feiern hat – denn so sieht Neokolonialismus aus.

Wer sich mit der Musikrichtung Noise beschäftigt hat, weiß, dass auch Musik ohne Melodie und Rhythmus schön sein kann. Autor Goetz hat sein Kunstverständnis so auf den Punkt gebracht: „Kunst haut einen um, Kritik bringt einen zum Denken.“ In diesem Fall hat die Kunst eine Länge von bis zu einem Meter und schlägt mit 131 Dezibel zu.



1 Kommentar

  1. Wenn einer meint, ich schmeiße meine Vuvuzela weg, die ich zum Geburtstag nachträglich bekam, irrt er. Ich bekam sogar von einem Gastwirt im Urlaub eine zweite, die steht jetzt friedlich neben der ersten. Die erste ist das “Schwarz-Rot-Gold-Modell”, die zweite ist himmelblau, Werbegeschenk von Malteser-Aquavit. Die beiden Dinger sehen gut aus nebeneinander. Die schwarz-rot-goldene Vuvuzela habe ich einmal eingesetzt. Man kann auf einer Vuvuzela auch mehrere Töne blasen, wenn man das Zeug dazu hat, die Berliner Philharmoniker haben z.B. den “Bolero” von Ravel da rausgeholt und ein Stück aus Brahms’ 1. Sinfonie, irre!!!
    Trööt!!! Annelotte Unsöld

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