Die Charts gelten als Stimmungbarometer für den musikalischen Geschmack der Nationen. Aber sind die Charts wirklich so unabhängig wie man meint? Wer sie wirklich macht und wer nicht.
Warum die Plattenbosse die Charts bestimmen
von Jannik Niestroy
Die wichtigsten Charts der Welt sind wohl die Billboard-Charts, benannt nach dem Billboard-Magazin, dem weltweit renommiertesten Fachblatt für Musik. Sie errechnen sich aus Verkaufszahlen und den sogenannten „Airplay-Charts“, also der Häufigkeit, mit der einzelne Lieder im Radio zu hören sind. Nun stellt sich allerdings die Frage, nach welchen Kriterien diese Radiosender entscheiden, wie oft ein bestimmtes Lied gespielt wird.
Die Antwort lautet, dass sich Radiosender an den großen Labels orientieren. Das läuft meist so: Radiosender sind kommerzielle Unternehmen, die sich mit Werbung finanzieren. Daraus folgt, dass höhere Einschaltquoten zu höheren Werbeeinnahmen führen. Deswegen entscheiden sich Radiosender in aller Regel dazu, die „sichere“ Variante zu wählen- in Gestalt von KünstlerInnen, die bei den großen Labels unter Vertrag stehen. Der Erfolg dieser großen Labels bedeutet nämlich im Zweifelsfall auch, dass die Werbeeinnahmen höher sind. Denn selbst, wenn sich die Labels gelegentlich irren und sich ein vermeintlich guter Song als Flop entpuppt – die Wahrscheinlichkeit, dass wenigstens einige der neuen Songs dieser großen Plattenfirmen echtes Hitpotenzial haben, ist groß genug, um potenziellen Werbekunden einen großen Anreiz zu bieten – einen größeren jedenfalls als würden die Radiosender Songs nach dem eigenen Geschmack auswählen.
„Fast jeder in der Branche kauft seine eigenen Platten – wer nicht, ist dumm.“- Gracia Baur
Doch trotz allem wird nicht jede/r KünstlerIn, der/die bei einem großen Label unter Vertrag steht, ausgestrahlt, und vor allem steht bei weitem nicht jede/r KünstlerIn bei einer Plattenfirma unter Vertrag, die gewichtig genug ist, um die Radiosender zu beeinflussen. So bleibt der Kreis derer, die sich über „Airplay-Time“ freuen dürfen, sehr exklusiv. Zwar werden in Deutschland die Charts nur nach Verkaufszahlen errechnet, der allgemeine Eindruck, die Charts seien dadurch unabhängig, trügt aber deutlich. Schließlich muss ein neues Lied, bevor es oft genug gekauft wird, um in den Charts zu erscheinen, zunächst einmal einen anderen Weg in die Ohren der Zuhörerschaft finden, in der Regel über das Radio.
Auch illegale Manipulationen lassen sich gelegentlich finden. Bekannt geworden ist vor allem der Fall der Gracia Baur. 2005 wollte sie mit dem Song „Run & Hide“ beim Eurovision Song Contest antreten. Grundvorraussetzung dafür war aber, dass das Lied mindestens unter den Top 40 der Charts stand, woran Baur zunächst scheiterte. Ihr Manager ließ also kurzerhand so viele Platten aufkaufen, dass das Lied doch noch die nötige Vorbedingung erreichte. Der Skandal war groß, es gab Forderungen nach einem Ausschluss Baurs vom Contest. Auf die Geschehnisse angesprochen äußerte Baur selbst: „Fast jeder in der Branche kauft seine eigenen Platten – wer nicht, ist dumm.“ Zwar sorgte der Vorfall dann dafür, dass das Lied aus den Charts ausgeschlossen wurde, die Teilnahme Baurs am Eurovision Song Contest verhinderte er letztendlich aber nicht mehr.
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