Trinken ja, aber nicht auf der Straße

Betreuter Alkoholkonsum in dem Trinkraum von HEMPELS

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von Alexa Magsaam

Datum: 04.7.10

Kategorie: Gesellschaft

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Der Trinkraum von HEMPELS e.V. in Kiel hat es geschafft, die Szene von der Straße zu holen.

Der Trinkraum: Ein Ort für Jedermann. Foto: am

Der Trinkraum: Ein Ort für Jedermann. Foto: am

Die Schaßstraße 4 ist für die Kieler Straßen- und Trinkerszene seit 2003 ein fester Anlaufpunkt. Hier in Kiel Südfriedhof entstand vor sieben Jahren der Trinkraum des Vereins HEMPELS. „Es gab damals eine sehr ausgeprägte Straßenszene“, sagt Reinhard Böttner, Sozialpädagoge und der Geschäftsführer von HEMPELS e.V. „Die Leute hingen auf der Straße rum, betranken sich, machten Lärm, urinierten öffentlich.“ Ärger mit den AnwohnerInnen stand an der Tagesordnung. Diese fühlten sich durch die Straßenszene belästigt, aber auch die Szene wurde von den AnwohnerInnen beschimpft und beleidigt. Es musste eine Lösung für das Problem her, mit der beide Seiten leben konnten. Die Menschen mussten weg von der Straße. Zuerst wurden Platzverweise und Verbote ausgesprochen. „Das hatte aber nur zur Folge, dass die Szene – immer noch auf der Straße – von dem einen zum nächsten Ort wanderte.“

Die ersten Versuche das Problem zu lösen scheiterten.

Bis 2003 das Konzept des Trinkraums entstand. Entwickelt wurde die Idee vom Amt für Wohn- und Grundsicherung, dem Verein Hempels und der Stadt Kiel. Aus Sicht der Stadt handelte es sich dabei um eine ordnungspolitische Maßnahme, nicht um ein therapeutisches Angebot. Denn zunächst ging es nur darum, die Szene zu entspannen – die Menschen weg von den Straßen zu holen.

„Das Konzept funktioniert und hat sich bewährt.“ (Reinhard Böttner, Geschäftsführer von HEMPELS e.V.)

Mittlerweile ist der Trinkraum mehr als nur das. Hier treffen sich Alkoholiker, Wohnungslose, Hartz IV-Empfänger und Drogenabhängige. 30 Prozent der BesucherInnen sind zwischen 18 und 30 Jahren alt. Im Schnitt besuchen 50 Personen pro Tag den Trinkraum in der Schaßstraße 4. Wer hierher kommt, muss keine Voraussetzungen erfüllen und wird akzeptiert, wie er ist. Mann oder Frau kann hier in aller Ruhe Alkohol konsumieren, ohne Belästigung. Täglich von 9 Uhr bis 15 Uhr, das sind die Öffnungszeiten des Trinkraums. Die Besucher müssen ihren niedrigprozentigen Alkohol selbst mitbringen. Meist ist das Bier oder Wein. Erlaubt ist aber alles bis 15 Prozent. Verboten sind Waffen, harter Alkohol und andere Drogen. An der Theke gibt es keinen Alkohol. Nur normale Getränke und starken Kaffee. Hinterm Tresen stehen Heike und Dirk. Sie sind bei HEMPELS als Tresenpersonal fest angestellt. Sie sorgen auch dafür, dass die Regeln des Trinkraums befolgt werden. Auch hier zieht das Prinzip der sanften Tour, nicht des erhobenen Zeigefingers. Da die beiden selber aus der Szene kommen, haben sie den besten Zugang zu den Besuchern, kennen einige privat. „Sie wissen, wie man reagiert, wenn es mal Stress gibt“, sagt Herr Böttner. „Außerdem dürfen sie auch Hausverbote aussprechen, wenn es wirklich mal eskalieren sollte. Allerdings ist das nicht oft vorgekommen.“

Das HEMPELS-Gebäude in der Schaßstraße 4 in Südfriedhof - Foto: am

Das HEMPELS-Gebäude in der Schaßstraße 4 in Südfriedhof Foto: am

Ob man den Trinkraum auch als Kapitulation der Sozialarbeit ansehen könnte, beantwortet Herr Böttner klar mit nein. Gerade durch den Trinkraum sei es gelungen, die Szene zu erreichen. Man könne „nicht einfach auf die Straße zu den Menschen gehen und ihnen sagen, was richtig und was falsch ist.“ Es gehe viel mehr darum Vertrauen aufzubauen, die Menschen kennenzulernen und ihnen zu zeigen, dass sie akzeptiert werden, wie sie sind. Es seien zwar langwierige Prozesse, aber haben die Menschen erstmal Vertrauen aufgebaut, fragen sie auch nach Hilfe. Dafür bietet HEMPELS im zweiten Stock der Schaßstraße einen Sozialdienst auf Nachfrage. „Hier bieten wir z.B. Hilfe bei Verlust des Girokontos, Begleitung zu Behördengängen und psychosoziale Beratung in Krisensituationen an.“

„Das Konzept funktioniert und hat sich bewährt.“ so Böttner. Die Szene ist weg von der Straße und die AnwohnerInnen und Geschäfte müssen sich nicht länger belästigt fühlen. Da der Trinkraum in Südfriedhof seit nunmehr sieben Jahren so positive Resonanz erhält, wird demnächst ein weiterer Raum in Gaarden eröffnet. Auch dort soll es nicht nur um betreutes Trinken gehen. Sondern es wird ebenfalls einen Sozialdienst geben – auf Nachfrage, so wie es sich bewährt hat. Wann genau die Eröffnung stattfindet, ist noch unklar. „Die Planungen sind so gut wie abgeschlossen, wenn jetzt noch die Finanzierung klar geht, kann es losgehen.“

Bislang ist der Trinkraum von HEMPELS der einzige seiner Art in ganz Deutschland. Weshalb bis jetzt keine andere Stadt das Konzept übernommen hat, kann sich Reinhard Böttner nicht erklären. Warum ausgerechnet Kiel in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle übernimmt, weiß niemand so richtig. Fest steht: Die Idee, über den Trinkraum an die Szene zu gelangen und durch das Aufbauen von Vertrauen auch geringfügig Sozialhilfe an den Mann zu bringen, ist aufgegangen. Nur Vorsicht: Denn es sei auch gesagt, dass Probleme weiterhin existieren und noch immer Menschen auf den Straßen „rumhängen“, sich öffentlich betrinken und andere Menschen verärgern. Trotzdem wurde hier in Kiel, mit dem Trinkraum, ein erster Schritt in die richtige Richtung getan.

Mittlerweile hat sich das Konzept des Trinkraumes und dessen Erfolg herumgesprochen. Immer mehr Städte und Kommunen erkundigen sich darüber, bekunden ihr Interesse. Bis jetzt kamen Nachfragen aus Hamburg, Freiburg, Hannover und Dortmund. Es werden wohl nicht die letzten gewesen sein.

Zum Interview mit Reinhard Böttner geht es hier.



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