Der Comiczeichner Flix versetzt Goethes „Faust” ins Berlin der Gegenwart und muss am eigenen Leib erfahren, dass man sich einige Leberhaken einhandeln kann, wenn man mit einem Weimarer Klassiker in den Ring steigt.
Flix adaptiert Goethes Vorzeigewerk als Comic
von Janwillem Dubil
Goethe ist quasi der Rocky der deutschsprachigen Literatur. Obwohl seine Zeit längst vorbei ist, gelingt es ihm wieder und wieder, gegen Herausforderer neuer Generationen in den Ring zu steigen und zu bestehen. Dieses Mal stammt der Fehdehandschuh von Flix, seines Zeichens Schwergewicht der einheimischen Comic-Szene. Auf Goethes „Faust” hat er es abgesehen und diesen für das 21. Jahrhundert ordentlich aufgemöbelt.Tatsächlich ist es ein ganzes Bombardement aus Geraden und Haken, das da auf den Ausgangstext einprasselt: Berlin der Gegenwart als Handlungsort. Fausts akademische Karriere gescheitert, Profession stattdessen: Taxifahrer. Gretchen ist Türkin, Wagner Afrogermane im Rollstuhl. Ein Volltreffer sind dabei seine ausladenden Wortgefechte mit Faust, die einen Dialogwitz entwickeln, wie man ihn in dieser Präzision seit Walter Moers „Kleinem Arschloch“ nicht mehr gelesen hat. Ähnlich gelungen ist Flix Darstellung des Himmels, der zum ständigen Nebenschauplatz aufsteigt: Ein Großraumbüro in dem Mephisto und Gott nur durch Stellwände getrennt nebeneinander arbeiten. Auch die Kollegen Allah und Buddha kommen gerne mal auf ein Schwätzchen vorbei – religiöse Koexistenz kann so einfach sein.
Nach diesem flotten Auftakt vernachlässigt Flix aber seine Deckung: Abseits der netten Einfälle fehlt es der Handlung an Substanz und für ein Berlin hart an der Grenze zum urbanen Multi-Kulti Klischee wird er gleich mal angezählt. Während das Duracell-Häschen Goethe jahrhundertelang läuft und läuft ohne Staub anzusetzen, mangelt es seinem Herausforderer offensichtlich an der Kondition. Der Grund dafür ist schnell gefunden: Anders als bei Faust schlagen in Flix Brust nicht „ach, zwei” sondern nur ein Herz – das eines Humoristen und Cartoonisten, jedoch nicht das eines Literaten oder Stilisten. So ist auch sein schwarz-weißer Strich klar und effektiv, gleichzeitig aber variationsarm. Der großzügige Einsatz dunkelgrauer oder schwarzer Flächen verleiht dem Comic zusätzlich ein unattraktives Erscheinungsbild und bremst den Lesefluss. Ein wirklich grandioser Gegenschlag gelingt nur mit der Covergestaltung: Die gelbe Farbe und Platzierung von Titel und Autor sind detailgetreu einem alten Reclam-Heft nachempfunden, Kaffeeflecken und abgestoßene Ecken inklusive.
Wie der Kampf schließlich ausgeht ist dann auch keine Überraschung: Flix wird vom übermächtigen Vorbild ausgeknockt. Dessen Basisarbeit bleibt unerreicht, seinen elementaren Existenzkrisen können banale Befindlichkeitsschilderungen nichts anhaben. Der Comic bleibt je nach Leseweise ein überflüssiger Abklatsch oder eine optionale Ergänzung zum Hauptwerk, schafft aber auf jeden Fall Abhilfe für diejenigen, denen es beim Weimarer Klassiker zu wenig zu lachen gab. Ansonsten gilt heute wie 1772: Wo die Urfaust hinschlägt, wächst kein Gras mehr.
Flix: Faust. Der Tragödie erster Teil. Carlsen Comics, Hamburg 2010. 95 Seiten, Hardcover. 14,90 Euro.
A LOLLYPOP OR A BULLET
Kulleraugen voller Tränen: Anfangs wie ein konventioneller Schulmädchen-Manga erscheinend, steigert sich die Geschichte von der dreizehnjährigen Nagisa und ihrer neuen Mitschülerin Mozuku, die behauptet eine Meerjungfrau zu sein, zu einer komplexen Charakterstudie mit überragend gezeichneten Hauptfiguren. Die lichtdurchfluteten Bildkompositionen verleihen der Geschichte eine irreale, hypnotische Qualität, die sie weit über den Genre-Durchschnitt hebt. Einzig die uninspirierte Unterteilung in zwei Bände die mit zweimonatigem Abstand erscheinen stört den Lesefluss. Elende Warterei. ****
Kazuki Sukaraba/Iqura Sugimoto: A Lollypop or a Bullet Bd. 1. Egmont Manga & Anime, Köln 2010. 244 Seiten, Taschenbuch. 7,50 Euro.
ARGSTEIN – ALBTRAUM UNTERM BERG
Kinder im Wald ausgesetzt, Ehefrau tot. Die neue Gattin entpuppt sich als intrigantes Scheusal und zu allem Überfluss hat der Wolf auch noch die Oma gefressen. Das Leben im Märchen ist wahrlich kein Ponyhof – doch kein Schicksal ist so hart wie die Faust des Försters! Als letzte Verteidigungslinie beschützt er die Menschen vor fiesen Fabelwesen – leider in etwas zu groben und dunklen Zeichungen. Die extra-pampigen Sprüche von Förster Gereon suchen jedoch ihresgleichen und veredeln „Argstein“ zum „Hellboy im Märchenwald“. ****
Josef Rother/Eckart Breitschuh: Welten des Schreckens #3: Argstein – Albtraum unterm Berg. Weissblech Comics, Raisdorf 2010. 68 Seiten, Broschiert. 7,80 Euro.
KICK-ASS
Mark Millars Vorlage zum gleichnamigen Kinofilm liegt mit dem zweiten Band nun endlich komplett auf deutsch vor. Nachdem der erste Teil erzählte, wie Teeneager Dave in ein bei eBay ersteigerten Neoprenanzug stieg um den Comichelden nachzueifern, wird es jetzt ernst, als er in einen Privatkrieg gegen die Mafia gerät. „Kick-Ass“ bitter-bösen Humor zu unterstellen wäre sowohl ein blanker Euphemismus, als auch zu kurz gegriffen: Er ist ein psychologisch fundierter, gesellschaftspolitisch aussagekräftiger Höllenritt, der keinerlei Gefangene macht – endlich mal was für Erwachsene. *****
Mark Millar/John Romita, jr.: Kick-Ass Bd. 2. Panini Comics, Nettetal-Kaldenkirchen 2010. 100 Seiten, Softcover mit Faltcover. 12,95 Euro.
TOKYO INFERNO
Von diversen Katastrophenfilmen inspiriert schildert Usamuru Furuyas Manga die Folgen eines Erdbebens auf die japanische Hauptstadt, optisch eindrucksvoll in kantige, expressive Bilder übersetzt. Die Handlung besticht durch ihren Realismus, die Figuren und ihre Konflikte bleiben jedoch im Klischee verhaftet. Dass Furuya die Katastrophe dazu nutzt, eine handelsübliche Boy-meets-Girl Geschichte zu erzählen, kann man in dem Zusammenhang schon wieder konsequent finden.***
Usamuru Furuya: Tokyo Inferno Bd. 1. Tokyopop, Hamburg 2010. 480 Seiten, Broschiert. 16,95 Euro.
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