Comicikone Daniel Clowes gewährte dem Albrecht eine Audienz und sprach über seine neuen Werke, seine Liebe zu den „Peanuts“ und Hollywoods Hang zu Verfilmungen. Derweil wird in den Comics des Monats ermittelt was das Zeug hält.
Mit „David Boring” (Reprodukt, 20 Euro) und „Wilson” (Eichborn, 19,80 Euro) erschienen jüngst zwei herausragende Werke des amerikanischen Comiczeichners und Autors Daniel Clowes. Um offen gebliebene Fragen zu klären, stellte sich der 49jährige, kaum aus dem Weihnachtsurlaub zurückgekehrt, den Fragen des Albrechts.
Wilsons Welt
DER ALBRECHT: In „Wilson” erzählen sie eine über zehn Jahre umfassende Geschichte in Form abgeschlossener, einseitiger Comic-Strips, eine Erzählweise, die zuvor noch nie verwendet wurde. Woher kam diese Idee?
DANIEL CLOWES: Ich habe immer viele Sammelbände gelesen, die täglich erscheinende Comic-Strips zusammenfassen, hauptsächlich abgeschlossene Gag-Strips wie die „Peanuts”. Mir erschien der Versuch interessant, eine scheinbar simple Reihe von “Witzen” zu entwerfen, in deren Verlauf sich herausstellt, dass sich unter ihrer Oberfläche eine fortlaufende Handlung verbirgt.
ALBRECHT: Gibt es für sie bestimmte Vorteile und Möglichkeiten, die mit dieser Art des Erzählens einhergehen?
CLOWES: Es ermöglichte mir, alles auszulassen oder zu entfernen, dass mir nicht auf Anhieb interessant erschien. Jeder Strip repräsentiert einen emotionalen Höhepunkt, sei es eine Pointe oder eine Krisensituation. Und Szenen die in einer gewöhnlichen Geschichte unvermeidbar wären um die Handlung zu entwickeln oder voranzutreiben, konnten auf wenige Bilder beschränkt oder ganz weggelassen werden.
ALBRECHT: Der Zeichenstil von „Wilson” ist sehr variabel. Auf der einen Seite sehen wir ihn noch im Funny-Stil mit Gnubbelnase und Ballonkopf und schon auf der nächsten ist er sehr realistisch gezeichnet.
CLOWES: Ich habe lange über einen adäquaten Zeichenstil für den gesamten Comic nachgedacht. Aber am Ende fand ich, dass jeder Strip seinen eigenen spezifischen Stil brauchte, seine eigene Präsenz. Vielleicht spiegelt das unsere alltäglichen Versuche wieder, uns neu zu erfinden, wobei wir letztlich immer wieder in alte Muster zurückverfallen.
David Boring retrospektiv
ALBRECHT: Mit „David Boring” erscheint dieser Tage ein weiteres ihrer Werke in Deutschland – zehn Jahre nach der Veröffentlichung in Amerika. Mit welchen Gefühlen blicken sie heute auf diesen Comic zurück?
CLOWES: Ich habe sehr viel Arbeit in „David Boring” gesteckt, weil ich davon überzeugt war, ich müsse viel mehr über die Welt und die Figuren wissen, als schließlich auf der fertigen Seite zu sehen war. Ich habe reihenweise Notizbücher mit Zeichnungen von Räumen und Orten die es nie ins fertige Buch geschafft haben gefüllt und mir Gedanken darüber gemacht, was die Figuren getrieben haben, wenn sie nicht in den Bildern zu sehen waren. Rückblickend fühle ich mich nach 10-12 Jahren vielmehr, als hätte ich die Geschichte selbst durchlebt, anstatt sie nur gezeichnet zu haben.
Clowes und Hollywood
ALBRECHT: Bevor „Ghost World“ verfilmt wurde, gab es nahezu keine Verfilmungen, literarisch ambitionierter Comics oder überhaupt solche, in denen keine Superhelden vorkamen. Mittlerweile scheint es aber eine regelrechte Welle dieser Adaptionen zu geben. Verfolgen sie diese Entwicklung?
CLOWES: Ich interessiere mich nicht sonderlich für diese Filme, solange keine Regisseure involviert sind die ich mag. Ich mochte „Persepolis“ und „American Splendor“. Aber von den Superheldenfilmen habe ich keinen gesehen.
ALBRECHT: Sie arbeiten als Drehbuchautor an der Adaption ihrer eigenen Werke. Wie stehen sie dem Prozess der Filmproduktion gegenüber?
CLOWES: Was die Adaption meiner eigenen Werke angeht, möchte ich so viel zu dem Film beitragen wie möglich. Aber meistens interessiere ich mich nur für das Drehbuch und die Vorproduktion. Der tatsächliche Dreh ist mir einfach zu langweilig und stressig.
ALBRECHT: Gibt es derzeit ein konkretes Drehbuch an dem sie arbeiten?
CLOWES: Ich bereite gerade die Adaption von „Wilson“ vor. Regie wird Alexander Panne (Regisseur von u.a. „About Schmidt“ und „Sideways“) führen.
Comics des Monats
Und wieder waten sprechende Tiere durch den Sumpf des Verbrechens. Erpel Canardo ist quasi der Schimanski des Comics: Dienstältester Schmuddel-Ermittler mit Hang zu Alkohol und Zigaretten und einem Talent dafür, sich ständig ungewollt in die größten Tragödien zu bugsieren. So gesehen nimmt sich sein neuer Fall „Opas Asche” vergleichsweise vergnüglich aus: Nach dem Tod eines belgischen Mafiapaten chauffiert Canardo dessen verzogene Enkel durch das Land. Ziel: Das Atomium in Brüssel, von dem die Bälger die titelgebende Asche verstreuen sollen, bevor sie Opas Vermögen erben können. Inszeniert wird die Reise als Mosaik aus Abscheulichkeiten: Aus Abraumhalden, Kinderschändern und gezuckertem Bier. Aber auch als schwarzhumoriger Kommentar zur Kindererziehung. Denn wo Canardo auftaucht, sieht die Supernanny kein Land mehr. ****
Sokal: Ein Fall für Inspektor Canardo. Bd. 19: Opas Asche. Schreiber&Leser. 48 Seiten, Softcover. 12,95 Euro.
most_commented_widget-3