Vom Wunsch nach Harmonie und der (schmerzenden) Realität
Alle Jahre wieder werden Student*innen überall von ihr heimgesucht. Mit Kerzenschein, Plätzchengeruch, dem zehnten Mal Last Christmas im Ohr und ganz nach dem Motto ›In vino veritas‹ mit Glühwein, schleicht sich die Weihnachtszeit wohl eher scheinheilig ein. Denn wo gerade noch studentische Idylle war, hin und wieder unterbrochen von der ein oder anderen Klausur, herrscht bald nur noch komplettes Chaos. Von wegen Stille Nacht, Heilige Nacht, eher ›Nacht, die man vor dem Schreibtisch verbringt um wenigstens mit einem Teil der Uni-Aufgaben fertig zu werden, dann feststellt, dass es erst 18 Uhr, aber schon seit Stunden dunkel ist und man ganz allmählich den Verstand verliert‹.
Wenn ihnen der eigene Arbeitsplatz zu Kopfe steigt, verschlägt es die von weihnachtlichen Gefühlen überfluteten Studis auch mal gerne an Orte voller Geselligkeit und fröhlichem Beisammensein: Von drauß‘ von der Bib komm ich her, ich muss euch sagen, dass ich von nun an wohl mehr, Zeit beim Lernen verbringen muss, anstatt bei weihnachtlichem Genuss.
Trotzdem ist das Ziel in Sicht. Wir Studis widmen uns dem letzten Kampf: Weihnachten vs. Uni. Ein Aufeinandertreffen zweier Giganten. Adventskranz gegen Hausaufgaben im Mittelfeld, in der Abwehr drei Haselnüsse für Aschenbrödel gegen spontane Leistungsabfragen. Der FC XMAS startet stark. Angreifer Schoko Nikolaus dribbelt nach vorn, lässt die Verteidiger des 2. FC AU links liegen und läuft siegessicher dem Endgegner 8-Uhr-Vorlesung entgegen. Plötzlich springt Spieler 14, der vegetarische Bohneneintopf ins Bild. Schoko Nikolaus gerät ins Straucheln. Darauf ist in der Mannschaft niemand vorbereitet. 1 zu 0 für den 2. FC AU. Der Ball geht weiter an den verhassten Stürmer der Mannschaft. Spontaner Vortrag, bejubelt von der Trainertribüne, rast in Richtung gegnerisches Tor. Gerade eben stand sie noch so stark da, die Viererkette des FC XMAS. Der 2. FC AU stürmt nach vorne. »Das ist doch kein Fair Play mehr!« Beschwert sich der Schiri, bevor auch er brutal niedergemäht wird.
So oder so ähnlich fühlt sich die innere Zerrissenheit an, immer wieder unterbrochen von Gedanken, die alles in Frage stellen. Warum mache ich das überhaupt? Wie soll ich das alles schaffen? Und der Antwort »Mir reicht‘s, ich exmatrikuliere mich!« Aber auch dieser Wahnsinn hat ein Ende. Und wenn sich am letzten Freitag Ströme von Studis in Richtung Heimat begeben, ist der ganze Stress schon fast wieder vergessen! Für die Dauer der Bahnfahrt nach Hause – wenn sie überhaupt fährt – schwelgen wir in romantisierten Vorstellungen vergangener Weihnachtsfeste. Ganz nach dem Motto »Früher war mehr Lametta!« geben wir uns der Illusion hin, dass Weihnachten wirklich das Fest der Liebe und Besinnung ist. Nicht etwa der konstanten Auseinandersetzung und familiärer Streitigkeiten.
Spätestens an Heiligabend um Punkt 16 Uhr, platzt auch bei mir das letzte Fünkchen Hoffnung, dass dieses Jahr anders wird als die Jahre zuvor. Meine Familie und ich sitzen dann in einer für ursprünglich acht Menschen gedachten Bankreihe der Kirche im Ort. Der Gottesdienst fängt an, die Gespräche gehen weiter. Irgendwo zwischen dem Krippenspiel, in dem die dreijährige Maria ein Kind bekommt und dem Anstimmen von Kommet ihr Hirten frage ich mich, ob vielleicht gerade dieses Chaos und diese Absurdität der Fluch und Segen der Weihnachtszeit ist.


