Kokain in aller Mundes
Innerhalb von nur sechs Tagen erreichte der Dokumentarfilm über den Rapper Haftbefehl über vier Millionen Aufrufe auf Netflix. Aykut Anhan gibt einen tiefen Einblick in sein Privatleben als Familienvater und Rapper, wird heftig dafür gefeiert und bringt Reinhard Mey wieder ins Gespräch. In Hessen wird sogar diskutiert, ob neben Goethe nicht auch Haftbefehl in der Schule behandelt werden soll.
Die Regie wird jedoch auch kritisiert. Einerseits sei das Frauenbild, das vermittelt wird, kritisch und ein »falsches Signal an alle Frauen«, die sich gerade in einer Situation wie Anhans Frau befänden. Der Film wird in einem Artikel vom NDR als »Elendsporno« bezeichnet, außerdem sei ›das alles‹ schon bekannt gewesen. Ein besonders großer Aspekt in Anhans Leben war der Konsum von Kokain. Das Thema ist großer Kritikpunkt an der Doku. Denn der Konsum sei zwar präsent, werde jedoch weder direkt adressiertes noch gut eingeordnet.
Der kolumbianische weiße Drache
Laut dem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen ist Kolumbien der größte Kokainproduzent der Welt. Den Politiker*innen des Landes wird regelmäßig unterstellt, sie würden von Kartellen bezahlt werden, damit die Drogenpolitik bleibt, wie sie ist. Auch der jetzige Präsident ist überzeugt, Kokain sei doch nicht schlimmer als Whiskey. Der Knackpunkt sind die Landwirt*innen in Kolumbien: häufig sind die Preise, die sie für herkömmliche Lebensmittel wie Weizen oder Soja erhalten, viel zu niedrig, um von dem Verdienst leben zu können. Sie verdienen sich eine gute Summe dazu, in dem sie Kokapflanzen anbauen, diese verarbeiten und die Endprodukte an die verschiedenen Kartelle verkaufen. Die Kartelle, welche ihre Finger in der kolumbianischen Politik und im Leben der Landwirt*innen haben, gehen mit brutalster Gewalt vor, um sich die Macht weiterhin zu sichern.
Die Herstellung von Kokain ist kompliziert und gesundheitlich riskant: Der Prozess beginnt bei den getrockneten Blättern der Kokapflanze. Dann wird zur trockenen Masse Benzin hinzugegeben, welches als Lösungsmittel wirkt. Ammoniak, das herkömmlicherweise in Putzmitteln verwendet wird, wird hinzugegeben und Schwefelsäure, welche normalerweise in Batterien verwendet wird, macht das ganze Gemisch zu Kokapaste. Das getrocknete Produkt in fester Form ist auch bekannt als ›Crack‹, welches geraucht wird und eine heftigere Wirkung hat. Zu Koks wird es, sobald die Steine klein gehackt wurden. Bei der Arbeit tragen die Menschen keine Handschuhe. Sie sind keine finanzielle Priorität, auch wenn bei dem direkten Kontakt mit den Chemikalien Verätzungen und Schäden auf der Haut entstehen.
Die Droge der Leistungsgesellschaft
Das weiße Pulver gehört zu den meist konsumierten Drogen der Welt. Der Durchschnittspreis liegt in Deutschland bei 75 Euro für ein Gramm. Es beeinflusst die Art und Weise, wie die Nervenzellen im gesamten Körper miteinander kommunizieren und gilt in der Medizin als sogenannter ›Wiederaufnahmehemmer‹, der die Aufnahme von Dopamin, Serotonin und Noadrenalin hemmt. Dadurch wird das Gehirn stark stimuliert und subjektiv wirkt der Konsum aufputschend. Ausmaß und Länge des Rausches hängen von Produkt, Dosis und Konsumform ab.
Die Konsument*innen fühlen sich meistens hellwach, sind leistungsfähiger, Hemmungen nehmen ab und das Selbstwertgefühl steigt. Grundsätzlich kann jede*r von Kokain abhängig werden. Die Wirkung und Empfänglichkeit für eine Sucht sind bei jedem Menschen unterschiedlich. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass Anatomie ausschlaggebend sein kann – Süchte können sogar vererbt werden. Fördernd für eine Sucht können eine bestimmte individuelle Lebenslage oder psychische Erkrankungen sein.
In einer Leistungsgesellschaft wird der Wert eines Menschen primär an sozialem Status, Einkommen und individuellen Leistungen bestimmt. Ansehen, Prestige und Macht gelten besonders denen, die viel schaffen. Aber in einer Gesellschaft, in der besonders diejenigen belohnt werden, die besonders viel Fleiß und Talent beweisen, besteht Chancenungleichheit. Ähnlich wie mit Kapital gibt es ungleiche Voraussetzungen und Kapazitäten, beispielsweise seine Freizeit zu gestalten. Es gibt keine objektive Form der Leistung, was es erschwert, Leistung pauschal zu messen und den Fokus häufig auf wirtschaftlichem Erfolg legt. In einer solchen Gesellschaft ist es nicht sehr weit hergeholt, dass Menschen zu selbstwertsteigernden Drogen greifen und von ihnen abhängig werden.
Haftbefehl – eine Ausnahme?
Ein Beispiel für eine Person, die empfänglich für Kokain war, ist Haftbefehl. Er sei »dem Kokain verfallen«. Die Spuren des exzessiven Konsums sind in seinem Gesicht zu sehen. Seine Nase ist eingefallen und in der Öffentlichkeit sieht man ihn nur noch mit einer Maske, die die Nase bedeckt. Haftbefehl ist keine Ausnahme. Auch andere Menschen in der Deutschrap-Szene sind nachweislich von Drogenkonsum eingenommen. Drogen sind häufig ein Symptom für den schlechten Zustand der Konsumierenden, selten die direkte Ursache. Traumata, psychische Krankheiten, genetische Veranlagung und Diskriminierung sorgen für einen Kampf, den Btroffene mit sich selbst ausmachen müssen. Denn an Drogen zu gelangen ist einfacher, als einen Therapieplatz zu bekommen und die Therapie durchzuziehen.
Du denkst, du oder Angehörige könnten ein Suchtproblem haben? Hilfe findest du hier:
Svea studiert Geschichte und Politikwissenschaft im Profil Fachergänzung und ist seit November 2023 Teil des ALBRECHTs. Seit Januar 2024 übernimmt sie die Leitung für den Gesellschaftsteil und nebenbei unterstützt sie das Social Media Team. Neben Texten über aktuelle Politik, schreibt sie auch sehr gerne über historische oder tierrechtliche Themen.



