Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Jetzt anmelden! Unser neuer
Newsletter

Tandemprojekt des Kieler Vereins kulturgrenzenlos schafft Raum für zwischenmenschliche Begegnung

Während Politiker*innen immer öfter über eine Begrenzung von Migration reden, setzt der Kieler Verein kulturgrenzenlos seit zehn Jahren auf das Gegenteil: Begegnungen zwischen Menschen schaffen, die sich sonst nicht kennengelernt hätten. Entstanden ist der Verein 2015 aus einer Projektidee im Rahmen eines Seminars an der CAU. Die Gründerinnen befragten geflüchtete Menschen, was sie in Kiel brauchen. Die Antwort: Es fehle der Zugang zu Menschen, die sich in Kiel auskennen. Daraufhin entwickelten sie das Tandemprojekt, das eine Person mit und eine Person ohne Flucht- und Migrationserfahrung zusammenbringt.

Ankommen und einander begegnen

So erzählt es Sine, die seit 2021 im Verein aktiv ist. Ihr Ankommen in Kiel war sehr von der Pandemie geprägt: »Ich dachte schon, ich ziehe hier wieder weg. Aber dann habe ich den Verein kennengelernt und mir hat das auf jeden Fall geholfen, in Kiel anzukommen, mich wohler zu fühlen und Leute und Orte kennenzulernen.« Beim Ankommen zu helfen sei ein zentrales Ziel des Vereins. Das Tandemprojekt besteht inzwischen seit zehn Jahren und hat etwa 1300 Tandems hervorgebracht. Auch wenn es daneben mittlerweile viele andere Projekte gibt, ist das die Konstante des Vereins.

»Ich finde es schön, wenn Menschen positiv in Erinnerung behalten, dass sie mit uns neue Kontakte knüpfen und gut ankommen konnten. Und dabei auch Vorurteile durch Begegnung abbauen«, sagt Lyli, die seit 2023 im Verein aktiv ist. Sie nennt den Austausch auf Augenhöhe als wichtigen Wert des Vereins. Es gehe darum, Begegnungen zu schaffen und gemeinsam Freizeit zu gestalten. 

Von Punjab nach Kiel

Linea und Aniket bilden seit etwa einem Jahr ein Tandem und wirken sichtlich vertraut miteinander. Linea studiert Psychologie an der CAU, Aniket ist für den Master ›Environmental Management‹ aus Punjab in Indien nach Kiel gezogen. Bereits beim ersten Treffen waren beide auf einer Wellenlänge und haben schnell festgestellt, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben. Sie kochen und backen gerne zusammen. Außerdem waren sie schon an der Kiellinie spazieren, haben Brettspiele gespielt, eine Stadtrundfahrt gemacht und Cafés besucht. Aniket erzählt: »Einmal waren wir in der Oper. Das war etwas ganz Besonderes für mich. Es war auf Deutsch, aber Linea hat mir alles erklärt.«

Beide sprechen von gegenseitigem Respekt und wie wichtig ihnen interkultureller Austausch ist. »Wir sollten alle Menschen, die in unser Land kommen, willkommen heißen. Egal woher sie kommen, egal wie sie aussehen, egal ob sie Deutsch sprechen oder nicht, egal ob sie hier bereits einen Job haben oder nicht. Wir sind alle Menschen und helfen einander«, sagt Linea. Durch den Austausch haben die zwei einiges voneinander gelernt. Aniket bringt Linea gerne Wörter auf Hindi und Punjab bei und Linea hilft Aniket beim Deutschlernen. »Das Erste, was ich gelernt habe, ist, dass Linea sehr pünktlich ist. Und auch, dass wir Termine sehr früh vereinbaren müssen, wenn wir uns treffen wollen. Denn in Indien ist das nicht so. Wenn man jemanden treffen möchte, ruft man einfach an oder geht zu dessen Haus«, sagt Aniket.

Linea und Aniket möchten Menschen die Hemmung nehmen, am Tandemprojekt teilzunehmen. Man müsse sich nicht jede Woche treffen, um ein gutes Tandem zu sein und es gebe keinen Druck. Außerdem bietet kulturgrenzenlos viele kostenlose Veranstaltungen und Workshops an, die Tandems besuchen können. Aktuell sucht der Verein besonders Menschen ohne Flucht- und Migrationserfahrung, damit sich die Wartezeit für die Tandemvermittlung verkürzt. 

Zukunftssorgen und ein paar Funken Hoffnung

Kulturgrenzenlos wünscht sich Verstetigung. Ein großer Teil der Arbeitszeit müsse dafür aufgewendet werden, Fördergelder zu beantragen, um den Erhalt der Projekte zu sichern. Da diese immer wieder zeitlich begrenzt sind, fehlt eine zuverlässige Finanzierung. Auch dazugehörige Regeln und Richtlinien seien oft kompliziert. Hier wünschen Lyli und Sine sich mehr Mitbestimmung, um ihre Arbeitszeit sinnvoll einsetzen zu können. Die starke Abhängigkeit von den Geldgebenden sei oft zu spüren, obwohl eigentlich eine Dienstleistung für den Staat und die Gesellschaft ausgeübt werde. »Für mich sollte das ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein«, so Sine. Auch die Streichung von Geldern im kulturellen und sozialen Bereich ist eine Sorge: »Man merkt die Stimmung. Also dass gegen Organisationen wie uns aktiv gearbeitet wird«, sagt Lyli.

Hoffnung mache den beiden der direkte Kontakt zu engagierten Menschen, die Lust haben, die Vielfalt in Kiel zu fördern und Begegnungen zu organisieren. Auch die solidarische Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Initiativen gebe Kraft. Ein letzter Wunsch an die Politik: »Das Ehrenamt mehr wertschätzen und sichtbarer machen!«

Annika studiert Deutsch und Englisch im Master. Seit dem Sommersemester 2024 ist sie beim ALBRECHT. Außerdem ist sie Teil des Social Media Teams und unterstützt das Lektoratsteam.

Hanna studiert Soziologie und Politikwissenschaft und ist seit dem Wintersemester 25/26 Teil der ALBRECHT-Redaktion.

Share.
Leave A Reply