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Wenn eine Sportart ein Geschlecht bekommt

Zwischen meterhohen Wellen und großen Träumen erzählt das Cinemare Meeresfilmfestival Geschichten, die weit über den Ozean hinausreichen – von Mut, Ungleichheit und dem langen Weg zur Sichtbarkeit.

Seit neun Jahren findet in Kiel das CinemareMeeresfilmfestival statt. Ziel der Veranstaltung ist es, das Thema Meeresschutz filmisch zu vermitteln und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei versteht sich das Festival nicht nur als kulturelles Ereignis, sondern auch als Plattform für Umweltbildung und Wissenschaftskommunikation.

Die Monsterwelle in Nazare. © Stephanie Johnes

Die Wellen der Ungleichheit im Surfsport

Erst seit 2019 erhalten Surferinnen bei der World Surf League (WSL) das gleiche Preisgeld wie ihre männlichen Kollegen – zuvor bekamen sie oft nur die Hälfte. Die Entscheidung traf die WSL nicht aus eigenem Antrieb: Eine junge Profisurferin machte in einem Social-Media-Post öffentlich, dass sie für dieselbe Leistung deutlich weniger Preisgeld bekam als ihr männlicher Mitstreiter. Der öffentliche Druck wuchs, daraufhin reagierte die WSL.

Noch gravierender war die Ungleichbehandlung im Big-Wave-Surfen: Bis 2016 gab es diese Kategorie für Frauen gar nicht. Lange war es allein Männern vorbehalten, für das Surfen in meterhohen Wellen wie in Jaws oder Nazaré  gefeiert zu werden. Dass sich das änderte, ist vor allem Pionierinnen wie Keala Kennelly und Maya Gabeira zu verdanken.

Auch 2025 ist Surfen eine männerdominierte Sportart. Frauen erhalten Anerkennung vor allem dann, wenn sie Außergewöhnliches leisten, wie Carissa Moore, fünffache Weltmeisterin und erste Olympiasiegerin im Surfen. Gleichzeitig kämpfen viele Surferinnen weiterhin um Sichtbarkeit, Sponsor*innen und darum, ernst genommen zu werden. Denn oft zählen weniger die sportlichen Erfolge als Aussehen und Vermarktbarkeit: braun gebrannt, schlank, blond und immer im knappen Bikini. Dieses Klischeebild hält sich tapfer – ein Problem, das weit über den Surfsport hinausgeht.

Maya and the Wave

Der Film Maya and the Wave von Stephanie Johnes. © Stephanie Johnes

Das Filmangebot des Cinemare-Festivals war vielfältig, es führte das Publikum durch Seegraswiesen, bis an den Südpol und hinein in gigantische Monsterwellen. Eine besonders eindrucksvolle Geschichte erzählte von der brasilianischen Big-Wave-Surferin Maya Gabeira. Über zehn Jahre hinweg wurde sie für diesen Film begleitet – eine Frau, von der man meinen könnte, sie trinke Adrenalin zum Frühstück.

Ihr Traum: den Weltrekord im Big-Wave-Surfen aufstellen. Doch der Weg dahin war alles andere als einfach. In Nazaré, einem der berühmtesten Big-Wave-Spots Europas, überlebte sie nur knapp einen schweren Surfunfall. Die physischen und psychischen Narben trug sie lange mit sich und doch kehrte sie zurück. Und stellte schließlich einen Weltrekord auf. In einer Kategorie, die für Frauen bis 2016 offiziell gar nicht existierte. Einige Jahre später überbot sie sogar ihre eigene Bestmarke und wurde dadurch weltweit bekannt.

Diese Geschichte ist nicht nur ein Meilenstein im Surfen, sondern ein starkes Symbol für die Rolle von Frauen im professionellen Sport generell. Sie zeigt, welchen langen und oft mühsamen Weg Frauen gehen müssen, um dorthin zu gelangen, wo Männer oft mit weit weniger Hürden stehen.

Regt zum Aufregen an

Mit ihrer Dokumentation gelingt es Stephanie Johnes, das Publikum gleichzeitig zu empören und zu inspirieren. Maya and the Wave ist eine emotionale Achterbahnfahrt und passt genau in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs, in dem FLINTA*-Personen zunehmend Raum einfordern. Und dennoch: Das Ziel einer echten Gleichberechtigung, einer Begegnung auf Augenhöhe, scheint nach wie vor in weiter Ferne.

Gabeira fand ihre Leidenschaft im Big-Wave-Surfen, einem Sport, der theoretisch allen offensteht, die über die nötigen Ressourcen verfügen. Doch sie musste schmerzhaft erfahren, wo die Grenzen verlaufen, wenn man als Frau in einem männlich dominierten Feld unterwegs ist. An ihrer Geschichte wird deutlich: Sport ist nicht unpolitisch. Im Gegenteil, er spiegelt gesellschaftliche Machtverhältnisse oft besonders deutlich wider.

Gabeira, Big Wave Surferin. © Stephanie Johnes

Das Ziel muss sein, die strukturellen Unterschiede im Sport und darüber hinaus in der Gesellschaft zu überwinden. Ein erster Schritt wäre die gleiche Bezahlung und Unterstützung für Athlet*innen.Doch selbst große Verbände wie der Deutsche Fußballbund (DFB) tun sich damit schwer: Beim DFB-Pokalspiel der Frauen im März 2025 füllten 57 000 Zuschauer*innen ein ausverkauftes Stadion und trotzdem bestehen weiterhin große Unterschiede in Gehalt, Förderung und Familienfreundlichkeit.

Es braucht Geschichten wie Gabeiras, um Missstände sichtbar zu machen. Doch Veränderung sollte nicht davon abhängig sein, dass Einzelne sich aufreiben oder durch Leid kämpfen müssen. Gleichberechtigung betrifft schließlich nicht eine Minderheit, sondern alle.

Isabella studiert seit dem Wintersemester 23/24 Sportwissenschaft im Master. Seit dem Sommersemester 2024 ist sie beim ALBRECHT.

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