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Premiere von Am Ende Licht im Schauspielhaus

Als sie im Supermarkt nach einer Flasche Wodka greifen will, stirbt sie plötzlich an einer Hirnblutung. Christine (Kammerschauspielerin Ellen Dorn) sitzt allein auf der Bühne und beginnt zu erzählen. Sie berichtet beinahe beiläufig von ihrem Tod, als ginge es um jemand anderen. Es macht sie nicht traurig, er ist ihr eher peinlich. Doch dieser Tod markiert im Stück nicht das Ende, sondern den Ausgangspunkt für eine schonungslose Bestandsaufnahme ihrer Familie – ihrer Verletzungen und unerfüllten Sehnsüchte.

Während Christine bereits tot ist, entfalten sich die Geschichten ihrer Familie in ganz Nordengland. Ihr Mann Bernhard (Ksch. Imanuel Humm) schwankt zwischen Melancholie und kindlicher Aufregung und steckt in einem Liebesdreieck mit seiner langjährigen Geliebten und einer weiteren Frau (Yvonne Ruprecht und Isabel Baumert). Tochter Jess (Claudia Friebel) lernt einen Mann kennen, dem sie dennoch mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnet. Zur gleichen Zeit streitet Tochter Ashe (Rebekka Wurst) mit ihrem Ex-Freund (Felix Zimmer) über den Unterhalt für das gemeinsame Kind. Die Familienmitglieder sind geprägt von einem Aufwachsen in einer zerrütteten Familienstruktur. Vielleicht wird Sohn Steven (Tomte Heer) deshalb von panischer Angst vor dem Scheitern im Studium geplagt und davon, dass ihn sein Partner (Rudi Hindenburg) verlassen könnte.

Die einzelnen Lebensgeschichten entfalten sich parallel und kreuzen sich immer wieder. Regisseurin Jana Milena Polasek macht daraus ein vielschichtiges Familienporträt über Verlust, Angst und die Frage, wie sehr Menschen die eigene Herkunft prägt. Die Vorlage stammt vom britischen Dramatiker Simon Stephens, dessen Stücke seit Jahren regelmäßig auf deutschen Bühnen zu sehen sind. In Am Ende Licht, das 2019 uraufgeführt wurde, verschränkt er mehrere Handlungsstränge zu einem dichten Geflecht aus Beziehungen, Konflikten und Sehnsüchten. Besonders Ellen Dorn verleiht der toten Christine eine ruhige, beinahe lakonische Präsenz. Als eine Art Geisterfigur bewegt sie sich durch die Szenen, begegnet ihrer Familie, ohne wirklich Teil von ihr zu sein – sichtbar für das Publikum, für die Figuren jedoch nur als Ahnung. So wird sie zum stillen Zentrum des Abends. Auch visuell bleibt sie präsent: Das Blau ihres Mantels zieht sich leitmotivisch durch die Inszenierung. Darüber hinaus gibt Rebekka Wurst Ashe eine gleichzeitig harte wie verletzliche Kontur. Sie schwankt zwischen blanker schreiend-lauter Wut und einer inneren Zerbrechlichkeit. Etwas blasser bleiben dagegen einzelne Nebenfiguren, die in der dichten Szenenfolge weniger Raum zur Entfaltung bekommen.

Wut und Verletzlichkeit: Bewegend wird das Schicksal der Mutter und der Familie von ihr erzählt © Olaf Struck

Linien, Schnüre und Unruhe

Anna Bergemann reduziert das Bühnenbild auf ein Minimum. Der Boden ist übersät mit weißen Linien, die sich in einem Vorhang aus Schnüren bis zur Decke fortsetzen. Ein Teil des Bodens besteht aus einer Drehplatte, die dafür sorgt, dass die Linien erst nach einer ganzen Umdrehung wieder zueinanderfinden.

Die Bilder sind deutlich: So wie die Linien verlaufen auch die Wege der Figuren. Sie kreuzen sich, entfernen sich wieder voneinander und finden nur selten dauerhaft zusammen. Beim Zuschauen erinnert das bisweilen an einen DVD-Screensaver, bei dem man darauf wartet, dass eine Ecke exakt getroffen wird. Durch das ständige Drehen entsteht eine visuelle Unruhe, die mit der Zeit anstrengend wirken kann.

Der schnurartige Vorhang dient immer wieder als Projektionsfläche. Aus einem Sammelsurium von Punkten konkretisieren sich kurz Gesichter, bevor sie wieder verschwimmen. Das erinnert stellenweise an eine Installation in einem Kunstmuseum, das einen ›immersive space‹ schaffen möchte.

Polasek setzt weniger auf dramatische Zuspitzung als auf eine ruhige, beinahe beobachtende Erzählweise. Dadurch gewinnen die Figuren an Nachdenklichkeit, verlieren aber gelegentlich an dramatischer Spannung.

Trotz aller Konflikte bleibt die Familie verbunden. Immer wieder entfernen sich die Figuren voneinander, finden erneut Kontakt und verlieren sich wieder. Doch ganz voneinander lösen können sie sich nicht. Am Ende Licht gipfelt in keiner Tragödie. Stattdessen erzählt das Stück davon, dass selbst in der verworrensten Familienkonstellation Hoffnung möglich bleibt. Die Kieler Inszenierung findet dafür eindringliche Bilder, auch wenn sie sich stellenweise etwas in ihrer eigenen formalen Strenge verliert.

Weitere Vorstellungen: 20. März, 8., 11., 12., 19. April unter www.theater-kiel.de

Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT. Schwerpunktmäßig schreibt er über Kultur und Politik.

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