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Impro für Fortgeschrittene

Eine Frau sitzt auf der Couch und bereitet sich auf ihre Teilnahme an einer Quizshow vor. Laut denkt sie darüber nach, was sie erwarten wird. »Cordula, übe den intelligenten Gesichtsausdruck«, weist eine Stimme aus dem Off sie an. Gleichzeitig sitzt eine Familie gemeinsam im Wohnzimmer vor dem Fernseher, eines der Kinder liegt auf dem Teppichboden und krümmt sich vor Lachen bis der Bauch wehtut und die Augen tränen. Das Kind bin ich, die Frau im Fernseher Cordula Stratmann. 

Sie lebt alleine in einer bescheidenen Ein-Zimmer-Wohnung in der Schillerstraße. Es ist der Ort, an dem sich ihre Freundesgruppe trifft, wenn es Probleme gibt, wenn es etwas zum Feiern gibt, wenn es etwas zu tun gibt, oder auch wenn es gar nichts gibt. Was zuerst klingt wie eine typische Sitcom, ist eine einzigartige Comedy-Serie, die bis heute ihresgleichen sucht.

Das Set der Wohnung ist eine Bühne, in der Hauswand ist ein großes Loch, durch das ein Live-Publikum das Geschehen beobachtet. Es ist Improvisationstheater. Ohne Skript, ohne Absprachen, ohne bekanntes Ende, lediglich eine Ausgangsszene steht fest. Alles weitere entwickelt sich spontan zwischen den Darsteller*innen. Mittels Anweisungen der Spielleitung, die nur für das Publikum und die angesprochene Person auf der Bühne hör- und sichtbar sind, kann der Handlungsverlauf verändert werden. Aufforderungen wie »Tetje, du kannst den Blick nicht von Annette abwenden« oder »Cordula, erzähl von deiner Schlägerei im Casino« bringen das Talent der Schauspieler*innen zum Vorschein und sorgen nicht selten durch große Irritation für Komik.

Die Kunst der Improvisation

Wiederkehrende Gäste waren beispielsweise Annette Frier als Cordulas beste Freundin, Martin (Maddin) Schneider, Ralf Schmitz, Bernhard Hoecker oder der schmerzlich vermisste Dirk Bach. Mit gemeinsamen Running Gags, eskalierenden Streitereien, verschütteten Getränken, Versöhnungen und spontanen körperlichen Einsätzen entspann sich eine wenig kontrollierbare Handlung, die häufig für Unordnung am Set sorgte. Was seltsam bis langweilig sein könnte, war vor allem eins: extrem witzig und wahnsinnig wholesome. 

Das Wohnzimmer von Cordula und die Kneipe nebenan als weiterer Schauplatz waren ein Wohlfühlort, den es wohl in keiner anderen Form so im deutschen Fernsehen gab. Kein Wunder also, dass die Serie enorme Beliebtheit genoss. Anfang der 2000er versammelten sich donnerstags um 20:15 Uhr Millionen Menschen vor ihren Fernsehern. Die Rechte an der Sendung wurden daraufhin in ein Dutzend Länder verkauft, sodass sie kurz auch internationalen Erfolg genießen konnte. 

Kein Leben in der Schillerstraße

Doch das, wofür sich damals Familien vor dem Fernseher getroffen haben, ist heute auf mysteriöse Weise in den Weiten des Internets verschollen. Wer nostalgisch nochmal zurück in die Schillerstraße will, wird enttäuscht. Nur noch einzelne Folgen sind, in absurd schlechter Bildqualität, bei YouTube zu finden. Bei Streaming-Plattformen gibt es die beliebte Comedy-Serie nicht. Nicht einmal DVDs sind noch zu kaufen. Die legendäre Sitcom mit einzigartigem Konzept scheint in der Vergangenheit bleiben zu wollen. Einige Szenen würden heute wohl auch nicht mehr so stattfinden. Wie bei jedem nostalgischem Rewatch muss man auch die Schillerstraße als Produkt seiner Zeit sehen. Ständige Geschlechterklischees, vielfältige Stereotype und Cordulas Gewicht, das während der Schwangerschaft der Schauspielerin durch einen Schaumstoffanzug zum Gag über Diäten und Kurschatten ein Dauerthema wurde, unterhalten nur noch bedingt. Fans werden trotzdem auch die geringste Videoqualität in Kauf nehmen, um zu sehen, wie Cordula nur ein Salatblatt braucht, damit das ganze Wohnzimmer sich mit Lachen füllt. Das Kind ist heute erwachsen und guckt auch nicht mehr vom Boden aus Fernsehen, aber ein Fan der Schillerstraße ist es immer noch.

Clara ist seit dem WiSe 2024 beim ALBRECHT dabei und studiert Psychologie im Master. Neben allen Themen rund um die Psyche interessiert sie sich für Lyrik und Feminismus.

Michelle studiert Englisch und Wi/Po. Sie ist seit 2024 beim Albrecht, seit 2025 leitet sie den Weißraum und ist dort unter anderem verantwortlich für die Fotostory-Serie Schwibbventures.

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