Harter Tobak am Theater Kiel: Maria Lazars Der blinde Passagier feiert Premiere
Was geschieht, wenn moralische Überzeugungen plötzlich mit realen Risiken verbunden sind? Maria Lazars Drama Der blinde Passagier verhandelt diese Frage vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Deutschlands und verlegt sie an einen scheinbar abgeschlossenen Ort: ein kleines dänisches Paketboot vor der deutschen Küste.
Dorthin flüchtet der jüdische Arzt Hartmann, nachdem er sich in letzter Verzweiflung ins Hafenbecken gestürzt hat, um seinen Verfolgern zu entkommen. Seine Rettung ist Zufall, ihre Konsequenzen unausweichlich. Mit dem flüchtenden Hartmann hält die politische Wirklichkeit Einzug an Bord. Regisseur und Bühnenbildner Malte Kreutzfeldt inszeniert das Stück als Kammerspiel auf engstem Raum. Das Schiff wird zur Bühne einer moralischen Auseinandersetzung: Wie lange hält Solidarität, wenn sie plötzlich Konsequenzen hat? Und wie viel Mut braucht es, um Recht nicht nur zu fordern, sondern zu brechen?
Zwei Handlungsstränge verlaufen scheinbar nebeneinander. Da ist auf der einen Seite die private Familiengeschichte und auf der anderen die historische Realität der nationalsozialistischen Verfolgung. Die anfängliche Externalität drängt sich immer wieder akustisch in den Raum: Nazi-Reden aus dem Radio legen sich wie eine bedrohliche Geräuschkulisse über die Handlung. Doch vor allem findet sie in Person des blinden Passagiers Einzug auf dem Schiff. Mit ihm lässt sich das anfängliche Verdrängen der Realität nicht mehr aufrecht halten. Die vermeintliche Neutralität des Schiffes erweist sich als Illusion.
Zwischen Gewissen und Gehorsam
Im Zentrum steht die Familie Petersen. Konfrontiert mit der Frage, wie umzugehen ist mit dem unbekannten Mann an Bord, pocht Kapitän Petersen (Nikolaus Okonkwo) auf Rechtmäßigkeit und Ordnung. Seine Frau (Regine Hentschel) zieht es vor, die Augen zu verschließen, als ließe sich die Katastrophe durch Wegsehen bannen. Sohn Carl (Tristan Taubert) hingegen handelt impulsiv, beinahe trotzig: Er rettet Hartmann (Marko Gebbert), versteckt ihn im Laderaum und zwingt die Familie damit zur Entscheidung. Taubert spielt Carl als verzweifelten Idealisten, dessen klare moralische Vorstellungen immer wieder an der Wirklichkeit zerschellen. Seine Verzweiflung geht spürbar unter die Haut.
Tochter Nina (Fayola Schönrock) und ihr Verlobter Jörgen (Mischa Warken) machen eine rasante Entwicklung durch. Nach anfänglichen Heiratsplänen der beiden verliebt sich Nina in den blinden Passagier. Daraufhin instrumentalisiert Jörgen seine persönliche Eifersucht und Unsicherheit, wobei ihm die nationalsozialistische Ideologie, die er stetig weiter übernimmt, als argumentative Rechtfertigung dient. Warken zeigt eindrücklich, wie sich durch Opportunismus menschenfeindliche Haltungen einschleichen können. Nicht aus voller Überzeugung, sondern aus verletztem Stolz.
Hat hier jemand ein Schiff gesehen?
Die Enge des Paketboots ist nicht nur Thema, sie ist Form. Erkennen lässt sich das am Bühnenbild: Ein helles, erhöhtes viereckiges Podest mitten im Raum, aus dem die Figuren immer wieder auszubrechen versuchen. Doch die Flucht wird fortwährend zurückgedrängt. Drumherum ist alles in Schwarz getaucht. Der einzige Fluchtpunkt ist das blau schimmernde Bullauge im Hintergrund, das eine Schiffsschraube trägt. Das helle Podest erinnert an einen Boxring, in dem die Charaktere ihren Kampf der Argumente austragen. Wenn dann tatsächlich geprügelt wird, geschieht das ausgerechnet in der Distanz des Bullauges, so als würde die Gewalt kurz nach draußen ausgelagert, um danach mit ihren Folgen umso deutlicher wieder in den Raum zurückzukehren.
Durch die starke Simplifizierung des Bühnenbilds kommt nur selten das Gefühl auf, dass man sich wirklich auf einem Schiff befindet. Somit liegt der volle Fokus auf der Handlung, die in gleicher Weise irgendwo an Land spielen könnte.
Doch die Handlung braucht lange, um Fahrt aufzunehmen. Die stromlinienförmigen Charakterbögen kristallisieren sich schnell aus dem Hafenwasser heraus. Aus diesen Bahnen brechen die Charaktere über das ganze Stück hinweg nicht aus. Es kommt zwar zu Konflikten, die teilweise in besagter brutaler Körperlichkeit ausgetragen werden, es bleibt aber bei den vorherzusehenden Auseinandersetzungen. Immer wenn ein Charakter in seiner Haltung herausgefordert wird, kommt es schnell zum Abblockversuch, der die Fronten weiter verhärtet und nur zu einer größeren Mauer oder einem größeren Keil führt – der letztendlich das Familienleben zerstört.
Damit greift das Stück das aktuelle gesellschaftliche Klima auf. Der offene Dialog und Austausch von Argumenten wird ersetzt durch einen diskursiven Wettbewerb, aus dem am Ende immer nur ein vermeintlicher Gewinner hervorgeht. Gespräche finden fortwährend statt, aber gar nicht mehr mit dem Ziel, an der eigenen Position etwas zu ändern. Es wird geredet, aber niemand hört zu.
Am Ende von Der blinde Passagier wird man mit einem Scherbenhaufen zurückgelassen. Über das Stück hinweg mangelt es an Dynamik. Der große Aha-Effekt bleibt aus. Nicht, weil die Themen zu wenig brisant wären, sondern weil ihre Entwicklung zu vorhersehbar verläuft. Statt echter Transformation bleibt ein Gefühl von Stillstand – vielleicht ist es aber auch genau das, was das Stück zeigen will.
Weitere Vorstellungen finden am 28. und 30. Januar sowie am 1., 6., 19., 22. und 28. Februar statt. Karten sind bei Verfügbarkeit kostenlos über das Kulturticket erhältlich.
Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT. Schwerpunktmäßig schreibt er über Kultur und Politik.



