Unabhängige Hochschulzeitung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Jetzt anmelden zum
Newsletter

Open Group zeigt in Kiel eine Zweikanal-Videoinstallation, die unter die Haut geht

Im Flandernbunker zeigt die Kunsthalle zu Kiel aktuell die Zweikanal-Videoinstallation Repeat After Me II der ukrainischen Künstlergruppe Open Group. Die Installation setzt sich auf eindringliche Art und Weise mit der Auswirkung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine auseinander und macht diese interaktiv für das Publikum spürbar. Die Protagonist*innen sind ukrainische Geflüchtete, die eine traumatische Fähigkeit lernen mussten: Waffen ausschließlich aufgrund ihrer Geräusche zu unterscheiden. Eine Fähigkeit, die für von Krieg betroffene Menschen überlebenswichtig ist.

Interaktion als Erkenntnisraum

Schon auf dem Weg in das zweite Obergeschoss des Flandernbunkers am Militärhafen Kiel-Wik sind die ersten Geräusche der Videoinstallation zu hören. Noch ist das Treppenhaus hell und die Sonne macht sich durch ein Fenster in der Decke des Bunkers bemerkbar. Der Eingang zum Ausstellungsraum hingegen ist klein und ein rotes Licht scheint aus dem dunklen Raum durch die wenigen Schlitze des schwarzen Vorhangs hervor. Schnell bildet sich beim Betreten des Vorstellungsraums ein Engegefühl, da die Decke niedrig und der Ort kalt und düster ist. Mit rot flimmernder Leuchtschrift »REPEAT AFTER ME II« werden die Besuchenden in dem Raum begrüßt, der wie eine futuristische Karaoke-Bar aufgebaut ist. Auf den beiden gegenüberliegenden Seiten des Raumes befinden sich Leinwände mit einer Videoprojektion. Davor stehen mehrere Mikrofone, die zum Nachahmen der vorgetragenen Geräusche auffordern. Die Seiten werden durch die Jahre 2022 und 2024 in roter Leuchtschrift gekennzeichnet, welche das jeweilige Jahr beschreiben, in dem die geflüchteten Opfer des Ukrainekriegs aufgenommen und interviewt wurden. Die Installation bringt den Besuchenden die Erfahrungen des Krieges durch immersive Intensität näher und fordert aktive Teilhabe. 

Flyer als Lebensretter

Dem Künstlerkollektiv Open Group kam die Idee zu Repeat After Me II wenige Wochen vor dem Angriffskrieg, als Flyer an die Bewohner*innen verteilt wurden, welche über die Waffen und Geräusche des Krieges aufklärten. Die Flyer informierten ebenfalls darüber, wie man sich bei entsprechenden Angriffsmitteln schützen kann. Auch sie liegen im Ausstellungsraum aus. Die Aufnahme von 2022, die 17 Minuten dauert, porträtiert sogenannte Binnenflüchtlinge. Die aus 2024 zeigt die Stimmen geflüchteter Menschen in einem transnationalen Kontext, nun auf der ganzen Welt verteilt und ist 35 Minuten lang. Denn die Vermehrung und Diversifizierung der Waffen spiegelt sich auch in den zu lernenden Geräuschen wider. 

Die Akteur*innen werden immer aus derselben Perspektive gezeigt: von Kopf bis Brust. Sie sprechen direkt in die Kamera, doch ihr Blick ist eindringlich, mahnend und schwermütig, teilweise tränenbenetzt. In kurzen Sätzen schildern sie ihre Kriegserfahrungen und imitieren anschließend die Geräusche der Waffen, vor denen sie sich schützen und schließlich fliehen mussten. Das Spektrum ist riesig. Es werden Kalaschnikows, Drohnen, Panzer, Raketen, Luftalarmvariationen und viele weitere Geräusche des Krieges, von Tod und Gewalt vorgestellt. Vorher gibt es noch eine kurze Texteinführung über die vorgestellte Waffe und das Ausmaß des bereits angerichteten Schadens. 

Du bist an der Reihe 

Mit »GRGGRGRGRGrgrgr«, »SSSSSSSS THUUkhh« oder auch »TUH!TUH!TUH!« werden die Sounds per Lautmalerei in den Untertiteln des Videos beschrieben. Ihre Tonfolgen sind langgezogen, abgehackt oder zischend. Die Geräusche des Krieges werden greifbar. Ohne jemals einem Panzer oder überhaupt einer Waffe begegnet zu sein, entsteht ein Verständnis dafür, welche Töne die Lebensbedrohlichkeit mit sich bringt. Nach jeder Wiederholung der Geräusche fordern die Gefilmten das Publikum mit »Repeat after me«  auf, die Waffengeräusche nachzuahmen. Nun sind die Zuschauenden an der Reihe, die traumatischen Sounds in die bereitstehenden Mikrofone zu reproduzieren.

Der Karaoke-Charakter dieser Installation ist verstörend und morbide, was durch den gewählten Ort – einen U-Boot-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg – unterstützt wird. Zugleich vermitteln Tische in der Mitte ein widersprüchliches Bar-Gefühl, unterstrichen durch angebotene Wasserflaschen. Doch auch diese bilden eine Parallele: Aktuell lagert in jedem Fahrstuhl in der Ukraine Wasser und Essen, um das Überleben der Menschen im Falle eines Angriffs sicherzustellen. 

Die Mikrofone fordern das Publikum dazu auf die Sounds des Krieges nachzuahmen.
© Amelie Rickers

Ort mit Bezug auf Regionalgeschichte

Die Kunsthalle zu Kiel hat für ihre fünfte Pop-up-Ausstellung den Flandernbunker gewählt, der dem Werk eine atmosphärische Aufladung bietet. Dieser Bunker hat im Zweiten Weltkrieg die gleichen Geräusche gehört, die Jahrzehnte später nun die Besuchenden von Repeat After Me II zum Großteil das erste Mal hören. 

Die Ausstellung trägt eine deutliche Mahnung in sich: Diese geflüchteten Ukrainer*innen stehen für alle weiteren vom Krieg betroffenen Menschen, denn Krieg bringt immer dieselben Klänge mit sich. Wie ein Protagonist des Werkes mahnend beschreibt: »These are the sounds of war. So you remember.«

Die Ausstellung läuft noch bis zum 20. September 2026 und ist täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Eintritt: 4 Euro, ermäßigt 3 Euro.

Amelie studiert Kunstgeschichte und Pädagogik im Bachelor an der CAU.
Für den ALBRECHT schreibt sie seit Mai 2026, insbesondere über Kunst und Kultur.

Share.
Leave A Reply