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Leseratte zu Die Straße von Robert Seethaler 

Ganz gewöhnlich liegt die Heidestraße irgendwo in Deutschland. Sie ist eine Straße wie viele – weder besonders schön noch besonders berühmt. Ist es möglich, so eine Grundlage in eine Bühne für die großen Fragen des Lebens zu verwandeln? In seinem jüngst erschienenen Roman Die Straße versucht Robert Seethaler genau das: aus einer gewöhnlichen Straße ein literarisches Panorama menschlicher Erfahrungen zu machen.

Wie die Heidestraße selbst aus vielen einzelnen Häusern und Bewohner*innen besteht, setzt sich auch der Roman aus zahlreichen Fragmenten zusammen: Dialoge, Erinnerungen, Zeitungsnotizen, Berichte und kurze Episoden. Eine durchgehende Handlung gibt es nicht. Stattdessen entsteht ein Mosaik aus Geschichten, das den Alltag der Bewohner*innen sichtbar macht. Seethaler betreibt gewissermaßen eine literarische Feldstudie, die zeigt, wie viel Erzählerisches in scheinbar gewöhnlichen Lebensläufen steckt.

Das kommt bekannt vor

Seethaler greift immer wieder Motive auf, die schon aus seinen früheren Werken bekannt sind. Die Aufmerksamkeit für Außenseiter und Gescheiterte erinnert an Ein ganzes Leben, während einzelne Figuren und Situationen an andere literarische Vorbilder denken lassen. So wird etwa die Geschichte einer Frau erzählt, die unsterblich verliebt ist und ihrer Liebe wie in Stefan Zweigs Briefe einer Unbekanntenin schriftlicher Form Ausdruck verleiht. Die Heidestraße ist kein Ort der großen Gewinner. Viele ihrer Bewohner*innen tragen Enttäuschungen mit sich herum, halten an verlorenen Träumen fest oder kämpfen mit den Widrigkeiten des Alltags. Genauso wie der Ort, der nicht näher eingegrenzt werden kann, ist auch die zeitliche Spanne ungewiss. Einziger Anhaltspunkt: Es wird mit D-Mark bezahlt. 

Bemerkenswert ist die Erzählweise. Es gibt keinen allwissenden Erzähler, der die Ereignisse einordnet oder bewertet. Bedeutung entsteht vielmehr durch die Anordnung der Fragmente. So behauptet ein Bewohner an einer Stelle, in der Straße habe es noch nie gebrannt. Direkt darauf folgt eine sachliche Auflistung sämtlicher Brände der Heidestraße. Immer wieder widersprechen sich Aussagen verschiedener Figuren. Dadurch wird deutlich, wie subjektiv Erinnerungen und Wahrnehmungen sind. Wahrheit erscheint nicht als etwas Eindeutiges, sondern als etwas, das aus vielen Perspektiven zusammengesetzt werden muss.

Ein Buch voller Bücher

Die Straße wird so zum Vehikel für die Auseinandersetzung mit grundlegenden Themen des menschlichen Lebens. Es geht um unerwiderte Liebe, Jugendgewalt, Obdachlosigkeit, Einsamkeit, Hoffnung und den Tod. Besonders eindrücklich sind die Episoden eines Buchhändlers, der voller Optimismus ein Antiquariat eröffnet, Rückschläge erleidet und schließlich seinen Traum aufgeben muss. Seine Geschichte steht beispielhaft für viele Figuren des Romans, deren Hoffnungen an der Wirklichkeit scheitern.

Gerade in dieser Konzentration auf das Unspektakuläre liegt die Stärke des Buches. Seethaler zeigt, dass große Literatur nicht von außergewöhnlichen Ereignissen leben muss. Die Schicksale seiner Figuren wirken glaubwürdig und berührend, weil sie so alltäglich sind. Der fehlende kohärente Handlungsablauf mag zunächst als Schwäche des Buches erscheinen. Wer jedoch bereit ist, sich auf die fragmentarische Form einzulassen, entdeckt einen Roman, der aus vielen kleinen Geschichten ein eindrucksvolles Bild menschlichen Zusammenlebens entstehen lässt. Die Straße ist damit ein stilles, klug komponiertes Buch über die Vergänglichkeit, die Zufälligkeit des Lebens und die Menschen, die oft unbeachtet nebeneinander existieren.

3,5 Sterne

Robert Seethaler: „Die Straße“. Roman. Claassen Verlag, Berlin 2026.232 S., geb., 25,– €. 

Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT. Schwerpunktmäßig schreibt er über Kultur und Politik.

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