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Filmkritik zu Chihiros Reise ins Zauberland

Es gibt sie einfach – diese Filme, die nicht wirklich altern. Die sogar mit der Zeit und mit jedem weiteren Ansehen besser werden und Chihiros Reise ins Zauberland gehört definitiv dazu. Denn obwohl der Film schon 2001 erschienen ist, fühlt er sich auch heute noch erstaunlich modern an. Vielleicht sogar moderner, als einem lieb ist. Der Film lief vor Kurzemwieder in Kiel im Kino und es ist nur allzu gut zu verstehen, warum das der Fall war.

Umzug in eine fremde Welt

Die Geschichte beginnt ganz simpel: Chihiro zieht mit ihren Eltern an einen neuen Ort. Sie ist genervt, unsicher und möchte am liebsten gar nicht erst in dieses neue Leben starten. Das kennen wohl alle: sich in einer neuen Stadt akklimatisieren, neue Freunde finden und sich ein neues Leben aufbauen. Wer extra für sein Studium nach Kiel gezogen ist, kann diese Gedankengänge sicherlich nachvollziehen und findet sich schnell in dieser Geschichte wieder. Chihiros Situation wirkt deshalb trotz aller Fantasy-Elemente erstaunlich nahbar. 

Doch bevor das neue Leben überhaupt beginnt, landet ihre Familie in einer verlassenen Geisterstadt. Chihiros Eltern machen genau das, was sie in einer mysteriösen Parallelwelt besser nicht tun sollten: Sie essen einfach drauflos. Kurz darauf werden sie in Schweine verwandelt. Das ist nicht subtil, aber unglaublich wirkungsvoll.

Schon in dieser Szene zeigt der Film eines seiner großen Themen: blinden Konsum. Chihiros Eltern nehmen sich, was sie wollen, ohne nachzufragen, ohne nachzudenken und ohne zu wissen, welchen Preis ihr Verhalten haben könnte. Das wirkt wie eine überzeichnete Warnung vor einer Welt, in der immer alles verfügbar sein soll, während wir uns selten fragen, woher die Dinge eigentlich kommen oder wer am Ende dafür bezahlt. Sei es mit Geld, Arbeit, Zeit oder der Umweltzerstörung.

Genau deshalb fühlt sich der Film heute so aktuell an. Konsum ist längst nicht mehr nur eine Frage von Essen, Kleidung oder Technik. Auch Aufmerksamkeit, Beziehungen und sogar Freizeit werden oft wie Produkte behandelt: möglichst schnell, bequem, und sofort verfügbar. Chihiros Reise ins Zauberland zeigt diese Haltung nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Bildern, die unvergesslich sind.

Eine Welt im Überfluss

Chihiro landet schließlich im Badehaus der Hexe Yubaba. Dort muss sie arbeiten, um zu überleben. Besonders spannend ist dabei, dass Yubaba ihr den Namen wegnimmt. Aus Chihiro wird Sen. Und das ist vielleicht einer der stärksten Gedanken des Films: Wer seinen Namen verliert, verliert auch ein Stück von sich selbst.

Auch das lässt sich heute ziemlich gut verstehen. Uni, Nebenjob, Leistungsdruck, Selbstoptimierung, Zukunftsangst und die ständige Frage, ob man eigentlich genug leistet. Oft hat man das Gefühl, einfach funktionieren zu müssen. Man soll produktiv sein, flexibel, belastbar und nebenbei wissen, was man mit seinem Leben anfangen will.

Spätestens wenn man mal wieder am Tisch der Eltern sitzt und erklären soll, warum das Studium jetzt eigentlich so lange dauert, merkt man, wie schnell fremde Erwartungen das eigene Selbstbild bestimmen können. Da kann man schon einmal vergessen, wer man eigentlich ist, wenn gerade niemand etwas von einem verlangt.

Auch Ohngesicht, diese stille, schwarze Gestalt, passt erschreckend gut in unsere Zeit. Sie wirkt zuerst harmlos, dann bedrohlich und am Ende fast traurig. Ohngesicht versucht, sich Aufmerksamkeit zu kaufen. Es bietet Gold an, frisst immer mehr und wird dadurch nicht glücklicher, sondern nur leerer.

Das ist ziemlich nah an einer Welt, in der Konsum, Status und Likes oft als Ersatz für echte Nähe herhalten müssen. Ohngesicht ist kein klassischer Bösewicht. Es ist eher eine Figur, die nicht weiß, wie sie mit Einsamkeit umgehen soll. Gerade deshalb bleibt sie so interessant. Der Film verurteilt sie nicht einfach, sondern zeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn innere Leere immer nur mit äußeren Dingen gefüllt werden soll.

Dann ist da noch das Umweltthema. Der stinkende Geist, der sich später als verschmutzter Flussgott entpuppt, gehört zu den einprägsamsten Charakteren des Films. Aus seinem Körper wird Müll herausgezogen, bis klar wird: Das Problem war nie der Geist selbst, sondern das, was Menschen ihm angetan haben.

Auch das wirkt heute leider kaum wie Fantasy. Verschmutzte Flüsse, Plastikmüll, zerstörte Lebensräume und eine Natur, die oft erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn sie nicht mehr richtig funktioniert. Der Regisseur des Films, Hayao Miyazaki, erzählt davon nicht trocken oder belehrend, sondern durch eine Szene, die gleichzeitig eklig, traurig und befreiend ist.

Mut heißt nicht, keine Angst zu haben

Trotz all dieser schweren Themen ist Chihiros Reise ins Zauberlandkein deprimierender Film. Im Gegenteil: Er zeigt, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Chihiro ist am Anfang keine klassische Heldin. Sie ist ein verängstigtes Kind, das in eine fremde Welt stolpert und keine Ahnung hat, was es eigentlich tun soll. Aber sie bleibt aufmerksam, freundlich und gibt nicht auf. Genau dadurch wächst sie.

Vielleicht ist das der Grund, warum der Film bis heute so gut funktioniert. Er erzählt von einer Welt, die chaotisch, gierig und überfordernd sein kann. Aber er erzählt auch davon, dass man sich in dieser Welt nicht verlieren muss. Manchmal reicht es, sich an den eigenen Namen zu erinnern, sich nicht komplett verbiegen zu lassen und für sich selbst einzustehen.

Und das auch dann, wenn andere Menschen nicht verstehen, was einen glücklich macht. Vielleicht ist genau das eine Botschaft, die heute aktueller ist denn je.

Lasse studiert Geschichte und Wirtschaft/Politik an der CAU und ist seit dem Wintersemester 25/26 beim Albrecht

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