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Caroline Wahl liest Die Assistentin im Kieler Schauspielhaus

Mit schwarzen Loafern und hochgezogenen weißen Socken betritt Caroline Wahl die Bühne. Sofort brandet Applaus auf. Das Klatschen und Jubeln scheint nicht enden zu wollen. Sie kommt gerade von ihrer Lesetour durch ganz Deutschland zurück und fügt sich mit ihrem blauen Kleid perfekt ins blaue Bühnenbild ein. Fast schüchtern und überwältigt von dieser Publikumsreaktion streicht sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sobald der Applaus abklingt, sagt sie: »Ich hab‘ ja noch gar nichts erzählt. Das kann ja gut werden«, und lässt sich in den blauen Sessel fallen. 

Ihrer Wahlheimat Kiel treubleibend präsentiert sie am Sonntag, den 21. September, ihren neuen Roman Die Assistentin auf der Bühne des restlos ausverkauften Schauspielhauses. Sogar eine zweite Lesung ist aufgrund der großen Nachfrage für den Januar angesetzt – ebenfalls schon ausverkauft. Seit einem Jahr wohnt sie nun in Kiel, bezeichnet sich selbst bereits als Kielerin und schwärmt von der Stadt, den Menschen und dem Meer.

Das Publikum taucht mit der Autorin in die Geschichte ein und begleitet die Protagonistin Charlotte bei ihrem Arbeitsalltag als Assistentin in einem Münchner Verlag. Getrieben von den Erwartungen ihrer Eltern und den absurden Ansprüchen des Verlegers gelangt sie mit der Zeit in eine Abwärtsspirale, aus der sie allein nicht mehr herauskommt. Neben Überstunden, peniblen Vorgaben, einer schrecklichen Wohnung, Konkurrenzdenken und Versagensängsten kommen noch anzügliche Kommentare und Berührungen des Verlegers hinzu und Charlotte kann nicht mehr erkennen, wo die Grenzen liegen. Ihr einziger Lichtblick ist ihre Musik, der sie nach der Arbeit nachgehen kann. Und dann ist da noch dieser Bo.

Emotionalität zu den Figuren

Der Aufbau der Dialoge, das monotone Vorlesen und der Bezug zum Meer deuten unverwechselbar auf Caroline Wahls bisherigen Stil hin. Aber auch das wiederkehrende Vorgreifen der Handlung geben dem Roman eine neue Besonderheit. Denn von Beginn an ist klar, wie das Buch ausgehen wird. Wahl selbst äußert sich in der Lesung zu dieser Entscheidung und betont, dass es ihr beim Schreiben geholfen habe, denn sie brauche diesen Vorausblick, wenn es Charlotte schlecht geht. So wisse sie immer, dass es Charlotte irgendwann wieder besser gehen wird. Die Autorin spricht häufig von ihren Charakteren, als seien sie ein Teil ihres Lebens und es wird schnell spürbar, dass sie sich sehr weit in ihre Figuren hineinfühlt. Gerade bei Charlotte ist die starke Emotionalität zu erkennen, da Die Assistentin zu Teilen auf Caroline Wahls eigenen Erfahrungen basiert. So gab sie bereits in ihrer vorherigen Lesung zu ihrem Debütroman 22 Bahnen und der Fortsetzung Windstärke 17 preis, dass ihr neuer Roman ihre Zeit in einem Züricher Verlag verarbeitet. Doch mehr erfahren wir nicht über die Parallelen zwischen Charlotte und Caroline. 

Aus Kritik wird Energie

Allerdings verrät uns die 30-Jährige, dass sie während des Schreibens mit der Erzählstimme herumprobiert, sich gegen die anfängliche Ich-Perspektive entschieden und zu einer personalen Erzählweise gewechselt hat, um mehr Distanz zu den Figuren aufzubauen. Eine allwissende Erzählstimme begleitet von nun an die Protagonistin, die auch mal in längeren Passagen selbst zu Wort kommt und über die zukünftige Handlung von Charlotte reflektiert. 

Wahl schreibt in ihrem neuen Roman über ein wichtiges Thema unserer Gesellschaft. Dabei steht vor allem der Machtmissbrauch am Arbeitsplatz im Fokus. Doch auch vor Kritik ist sie dabei nicht sicher, denn ihr wird unter anderem vorgeworfen, sie sei zu selbstbewusst und zu direkt. In der Lesung äußert sie sich nur knapp zu den kürzlichen Debatten um ihre Literatur. Sie geht nicht ins Detail über die Kritik, die um ihre Person und ihren Schreibstoff steht, sondern sagt dazu nur: »Ich find’s auch irgendwie geil, dass ich jetzt noch berühmter bin.« Sie macht deutlich, dass sie aus dem anfänglichen Schmerz und der Traurigkeit neue Energie für sich schöpfen könne. Und mit dieser Energie schreibt sie gerade auch an einem vierten Roman, der von einem Roadtrip mit unbekanntem Ziel handeln soll.

Merle studiert Deutsch und Französisch im Profil Fachergänzung an der CAU. Sie ist seit Juni 2024 in der ALBRECHT-Redaktion und unterstützt das Lektoratsteam.

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