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Premiere von Das Echo der Scheherazade im Schauspielhaus Studio

Wie zwei aufgeschreckte Flummis springen König Schahriyar (Tomte Heer) und sein Bruder Schahsaman (Tristan Taubert) auf die Bühne. Der eine ganz in Blau, der andere in leuchtendem Grün. Doch die Leichtigkeit des Auftakts hält nur wenige Augenblicke. Als Schahsaman kurz vor seiner Reise zum Bruder unerwartet nach Hause zurückkehrt, überrascht er seine Frau beim Ehebruch. Erschüttert und von Misstrauen erfüllt, sucht er Zuflucht bei Schahriyar. Dieser ist erschüttert von den Erlebnissen seines Bruders und möchte seinem eigenen Schicksal zuvorkommen: Schahriyar lässt seine eigene Gattin töten und will von nun an jede Nacht eine neue Frau heiraten und sie am folgenden Morgen töten lassen. Auf dass ihm keine Untreue widerfahren könne.

Nach einiger Zeit schafft es Scheherazade (Kammerschauspielerin Almuth Schmidt), diesen Rhythmus zu durchbrechen. Ihr gelingt es, dem König in der Nacht Geschichten zu erzählen, hört jedoch bei Tagesanbruch an der spannendsten Stelle auf. Schahriyar ist so fasziniert davon, dass er immer mehr hören will und dabei vergisst, sie töten zu lassen. Im Verlauf werden einige dieser Geschichten inszeniert. Es geht um Dschinns aus der Flasche, Verrat, Liebe und Lehren fürs Leben.

In familiärer Atmosphäre

Die Szenerie auf der Studiobühne erinnert an einen Vorleseabend mit der Familie. Ausstatterin Nina Sievers schafft es, eine heimische Atmosphäre entstehen zu lassen. Alle Beteiligten sind ganz in eine Farbe getaucht. So wuseln die bunten Punkte vor weißen Leinen umher und schaffen ein lebendiges Spiel mit Kontrasten. In der Mitte der Bühne ragt eine erhöhte Liegefläche hervor, auf der Tomte Heer und Tristan Taubert gespannt an den Lippen der vorlesenden Scheherazade hängen. Diese sitzt etwas näher am Publikum in einem großen Stuhl, von dem aus sie das Geschehen lenkt. Drumherum schmücken große weiße Vorhänge den Ort des Geschehens, die der Bühne Struktur und Tiefe verleihen. Doch sie sind nicht nur Dekoration, sondern werden aktiv zur Szenengestaltung genutzt. In der ersten Geschichte etwa, in der es um einen Fischer und einen Dschinn geht, verwandelt sich der friedlich hängende Stoff plötzlich in einen riesigen Flaschengeist, der dem Fischer bedrohlich nach dem Leben trachtet.

Tomte Heer und Tristan Taubert überzeugen jeweils einzeln, doch die eigentliche Kraft liegt in ihrem Zusammenspiel. Stets nah beieinander gestalten sie den Übergang zwischen Einzelgeschichte und Rahmenhandlung fließend. Ihre individuellen Stärken treten in den verschiedenen Rollen hervor, ohne dem jeweils anderen etwas zu nehmen. Ob als Schildkröte, Königssohn, Wasservogel oder gescheiterter Geschäftsmann – die beiden funktionieren als kongeniales Duo.

Almuth Schmidt als Scheherazade schenkt dem Abend eine Wärme und Geborgenheit, die durch die intime Atmosphäre des Studios (der kleineren Bühne des Kieler Schauspielhauses) noch verstärkt wird. Das Publikum fühlt sich aufgehoben, beinahe mit in die Geschichten hineingezogen. Zwischendrin singt Opernsängerin Sujin Choi, die unter anderem auch als Dinarasad im Stück mitspielt. Zu hören gibt es eine Arie von Gabriel Fauré, begleitet von Sunyeo Kim am Klavier. Das bricht die reine Sprachgewalt des Abends auf und macht den literarisch-musikalischen Charakter der Inszenierung komplett. Die Regie führte Joachim Rathke, der den Abend mit sicherem Gespür für Atmosphäre und klare Bildsprache gestaltet. 

Eine Nacht des Zerfalls

Im zweiten Teil wird es dann düsterer: Inszeniert wird Die 672. Nacht von Hugo von Hofmannsthal. Es geht um die Geschichte eines wohlbehüteten Kaufmannssohnes (Tristan Taubert) aus einer fernen Stadt, der sein Leben in geregelter Sicherheit verbringt. Eines Tages beschließt er, einen Ausflug zu machen, und landet in einem unbekannten Stadtteil. Diese Reise löst eine unaufhaltsame innere wie äußere Entgleisung aus. Der junge Mann verliert sich in fremden Gassen, wähnt überall Gespenster und wird ausgeraubt.

Der Absturz erfolgt aus einer behüteten Welt in die völlige Entfremdung. »Mit einer großen Bitterkeit starrte er in sein Leben zurück und verleugnete alles, was ihm lieb gewesen war.« Es wird ein psychologisches Drama erzählt, in dem der Held an sich selbst, an Zufall und Schicksal zerbricht.

Alles in allem überzeugt dieser spartenübergreifende Abend durch seine atmosphärische Dichte, sein durchdachtes Zusammenspiel und seine liebevolle Gestaltung.

Eine weitere Vorstellung von Das Echo der Scheherazade am 21. Dezember geplant.

Bjarne studiert Sozio-Ökonomik an der CAU und ist seit dem Oktober 2024 beim ALBRECHT.

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